In der Ebene erblickt man daher zahlreiche Kohlenwerke und infolge des Reichthums an Kohle sind hier zahlreiche Industrie-Etablissements entstanden, so dass diese Gegend zu den bevölkertsten und productivsten Gebieten unseres Vaterlandes gehört.

Doch hat sie auch noch ein anderes Interesse. Sie ist »ein Tanzplatz des blutigen Ares.« Es sind seit den ältesten Zeiten hier viele blutige Schlachten geliefert worden. Schon 1040 besiegte hier der Herzog Břetislav die von Meissen kommenden Truppen des deutschen Kaisers Heinrich II. Im J. 1126 umzingelte Herzog Soběslav die vereinigten Heere des Königs Lothar und des Markgrafen Otto von Meissen. Diese erlitten hier eine schwere Niederlage. Nach deutschen Quellen fielen hier über 270 Grafen und Edle. Der Grossmuth Soběslav's verdankte Lothar den freien Abzug. Das Treffen fand am Sernitzbache statt, der, im Erzgebirge entquellend, bei Kulm und Karbitz vorbeifliesst und unweit von Aussig in die Biela mündet. Viel blutiger aber war die Schlacht am 16. Juni 1426. Die Hussiten hatten unter Prokop auf dem niedrigen, zwischen Karbitz und Türmitz sich hinziehenden Bergrücken, der Bihana, ihre Wagenburg errichtet. Das Kreuzheer der Deutschen rückte durch die Pässe des Erzgebirges herein und griff die Hussiten an. Die wehrten den Angriff ab und gingen nun selbst vor. Es entstand nun ein furchtbares Gemetzel. Die Hussiten wüthend darüber, dass man auf ihr Ansuchen, am Sonntag die Waffen ruhen zu lassen, nicht eingegangen war, gaben keinen Pardon. Die Biela soll, wie eine Chronik meldet, an diesem Tage roth zur Elbe geflossen sein. 15.000 Theilnehmer des Kreuzzuges deckten die Walstatt. Bei einem Baume auf der Bihana zeigt man das sogenannte Blutloch, wo 14 sächsische Heerführer den Tod fanden. Aussig wurde vernichtet und lag 3 Jahre öde. Eine grosse Zahl von Burgen und Schlössern, viele Klöster sanken in Ruinen. Und noch einmal sollte dieser Boden mit Blut gedüngt werden. Am 27. Aug. 1813 hatte Napoleon die Verbündeten bei Dresden geschlagen und diese zogen sich zum Theil in die Pässe des Erzgebirges zurück und zwar Fürst Schwarzenberg über Dippoldiswalde und Altenburg, Ostermann und Barcley auf der über Peterswalde nach Teplitz führenden Strasse. Vandamme sollte sie mit 30.000 Mann verfolgen und die Niederlage vollständig machen. Am Tage der Dresdner Schlacht war er von Pirna aufgebrochen und drängte den russischen General Ostermann-Tolstoi über die Nollendorfer Höhe in die Ebene herab. Ostermann, die grosse Gefahr der Verbündeten sehend, suchte mit seinem Häuflein Russen, etwa 8000 Mann, die Franzosen so lange aufzuhalten, bis sich die Preussen und Oesterreicher genähert hatten. Am 29. August hielt er, trotzdem ihm eine Kanonenkugel den linken Arm zerschmettert hatte, Stand, bis endlich Abends 6 Uhr Schwarzenberg ihm Hilfe schickte. Vandamme besetzte Kulm und erwartete Hilfe von Napoleon. Der aber theils im Glauben, dass Vandamme stark genug sei, theils mit dem neuen Plane umgehend, die Nordarmee unter Bernadotte anzugreifen, schickte sie nicht. Am 30. August stand daher die Sache für die Franzosen ungünstig. Die beiden Divisionen des Generals Colloredo hatten sich mit den Russen vereinigt und längs der ganzen Strasse von Pristen an bis Arbesau wogte die Schlacht. Die russische Angrifflinie ging vom Fusse des Gebirges über die Kulmerstrasse von Pristen bis gegen Karbitz, die österreichische von da bis gegen Deutsch-Neudörfel, Graf Colloredo hatte die Franzosen umgangen und durch einen brillanten Angriff von der Střisowitzer Höhe herabgedrängt. Die Preussen standen bei Arbesau. Mit welcher Heftigkeit gekämpft wurde, konnte man an einem mässig starken Baume bei Kulm sehen; er war von 60 Kugeln durchlöchert. Um 11 Uhr erschienen die Preussen unter Kleist, besetzten die Peterwalderstrasse und griffen die Franzosen an. Alle ihre Versuche, die Nollendorfer Höhe zu stürmen, scheiterten. Die Reiterei unter Corbineau entkam allein. Nachdem sie mit ausgezeichnetem Muthe gefochten, Vandamme war selbst verwundet, mussten sich 10.000 Mann ergeben; 5000 lagen todt oder verwundet auf dem Kampfplatze. Die Vernichtung eines ganzen französischen Corps, die Gefangennahme eines erfahrenen und tapferen Generals (Vandamme, einer der fähigsten und energischesten Generale Napoleons, geb. 5. Nov. 1771 in Kassel, war 1799 bereits Divisionsgeneral, wurde nach seiner Gefangennahme nach Sibirien verbannt, kehrte 1815 zurück und starb, ohne mehr eine Anstellung zu bekleiden, den 15. Juli 1830 in Kassel), erfüllte die Verbündeten mit neuen Hoffnungen. Für Napoleon war diese Niederlage, sowie fast gleichzeitig verlorene Schlacht an der Katzbach der Anfang in der verhängnissvollen Wendung seines Schicksals. Der Sieg wurde in Teplitz, von wo am 31. Aug. der Bericht in den Zeitungen veröffentlicht wurde, am 1. und 2. Sept. gefeiert. Doch war noch nicht hier alle Gefahr beseitigt. Denn auf den Höhen des Erzgebirges kam es zu neuen Gefechten. Napoleon zog einen grossen Theil der Truppen zusammen und suchte über Nollendorf in Böhmen einzufallen. Der wichtigste Tag war der 17. Sept. Die Franzosen waren bis Arbesau vorgedrungen, Napoleon war in Nollendorf auf dem Kirchthurme; später wurde ein Pferd unter ihm verwundet. Doch wurden seine Truppen verdrängt und in grösster Unordnung zurückgeworfen, General Kreutzer mit 2000 Mann gefangen. Hiebei zeichneten sich besonders Oesterreicher unter Feldzeugmeister Grf. Colloredo-Mansfeld aus. Teplitz war während dieser ganzen Zeit das Quartier der alliirten Monarchen. Kaiser Franz wohnte im Schlosse, Kaiser Alexander im »goldenen Kreuz«, König Friedrich Wilhelm im »Herrenhaus«. General Ostermann, der zuerst am Schlachtfeld, ungefähr an der Stelle, wo jetzt das russische Monument steht, amputirt wurde, lag im Hause Nr. 181 »Zur goldenen Brücke«, wo er nochmals operirt und glücklich hergestellt wurde. Im Teplitzer Thale hatte sich nun das ganze Hauptheer der Verbündeten an 200.000 Mann gesammelt, um Anfangs October gegen Leipzig aufzubrechen. Es sei aus dieser Zeit noch zweier Tage erwähnt. Am 9. Sept. 1813 wurden im Teplitzer Schlosse die Freundschafts- und Allianz-Tractate zwischen Oesterreich, England, Russland und Preussen unterzeichnet und ratificirt. Am 27. Sept. wurde der Jahrestag der Thronbesteigung Kaiser Alexanders gefeiert. Die russische Garde hatte in Turn im Hause Nr. 37 einen Saal für 300 Personen errichtet; an dem Festmahle nahmen die drei Monarchen, sowie die Spitzen der Diplomatie und der Heere Theil.

Mehr wie ein halbes Jahrhundert hat die Spuren des Krieges verwischt, aber jeder wird der gefallenen Helden gedenken, wenn seine Blicke den Denksäulen begegnen, die in dankbarer Verehrung den Kämpfern jener Tage errichtet wurden. Sie stehen alle an der Strasse, die von Teplitz über Kulm nach Peterswalde führt. Das nächste, etwa 1½ St. von Teplitz entfernte ist das russische, unweit von Pristen, welches auch in künstlerischer Beziehung das hervorragendste ist. Auf einem Granitsockel erhebt sich das Fussgestell, welches die 9 Fuss hohe Nachbildung der in Brescia aufgefundenen geflügelten Siegesgöttin Victoria trägt. Die Vorderseite hat eine lat. Inschrift, welche das Factum vom 28. Sept. 1813 berichtet, die der Rückseite gibt den Tag der Grundsteinlegung (am 29. Sept. 1835) und die Namen der Monarchen, welche Zeugen dieser Feierlichkeit waren, die zweite und vierte Seite enthalten ebenfalls lat. Widmungsinschriften, ohne, wie mehrfach in Führern zu lesen ist, die Namen russischer Krieger aufzuführen. Um das Monument ist ein kleiner Garten; der in dem dabei befindlichen Häuschen wohnende Veteran ist der Custos.

Gleich hinter diesem Monument sieht man ein von der Strasse in einer ¼ St. erreichbares Wäldchen. Das ist eine sehr denkwürdige Stelle. Denn selbst eine geraume Zeit nach der Schlacht stellte es sich heraus, dass im Waldgebirge, auf allen Feldern, in Schluchten und Abgründen eine Menge Schädel und Gebeine der Gebliebenen fast zu Tage lagen. Da liess Josef Graf Westfalen durch hunderte von Arbeitern alle diese menschlichen Ueberreste sammeln und in einem grossen gemeinsamen Grabe feierlich beerdigen. Es steht dort über Felsenstücken ein Steinkreuz und an seinem Fusse liest man die Worte:

Hier ruhen die in den nahen Wäldern in neuerer Zeit noch aufgefundenen Schädel und Gebeine von den an den Schlachttagen 1813 Gebliebenen.

Sie ruhen im Frieden. 1835.

Die feierliche Einweihung geschah erst am 26. Aug. 1836.

Von hier erreicht man bald Kulm[3] selbst. Hier ist ein Schloss der Grafen Westfalen. Das Dorf hat etwa 120 Häuser und gegen 700 Einwohner. Als Gasthäuser sind die Morgenröthe und Gürtlers Gastwirthschaft zu empfehlen. Nachdem in den Schlachttagen der ganze Ort fast in Flammen aufgegangen war – es blieben nur die Kirche, das Pfarrgebäude und wenige Häuser verschont – ist er in seiner jetzigen Gestalt grösstentheils neu erbaut. Sonntag am 29. Aug. 1813 ging es hier gar fröhlich zu. Vandamme hielt offene Tafel, der hier vorgefundene Wein floss in Strömen. »Jeudi, messieurs nous dinerons à Prague«, rief er seinen Offizieren zu. Es erfüllte sich die Prophezeiung, er kam bald nach Prag, aber als Gefangener. Der Hügel nördlich von Kulm bietet eine hübsche Aussicht, aber nicht nach allen Seiten, und trägt die im J. 1691 errichtete Dreifaltigkeitskapelle.

[3] Station der Dux-Bodenbacher Bahn, etwas über 20 Min. vom Bahnhof entfernt, vom Karbitzer Bahnhof 1 Stunde.

Auf derselben Strasse den Weg fortsetzend, gelangt man nach etwa einer halben Stunde zu dem links von der Strasse stehenden preussischen Monumente. Es ist einfach und anspruchslos, auf einem Piedestal erhebt sich eine Spitzsäule,[4] die von einem eisernen Kreuze gekrönt wird. Die kurze Inschrift lautet: Die gefallenen Helden ehret dankbar König und Vaterland. Sie ruhen im Frieden. Kulm, 30. Aug. 1813. Es wurde vom preussischen Könige Friedrich Wilhelm III. errichtet und am 30. Aug. 1817 feierlich enthüllt. Es ist daher das erste Monument. Rechts von der Strasse liegt der Ort Arbesau mit etwa 400 Einwohnern in gegen 70 grösstentheils neu gebauten Häusern. Einige Schritte auf der Chaussee weiter, an dem Invalidenhäuschen und dem Wirthshause zur Post vorüber, erblickt man rechts an der Strasse das österreichische Monument. Es ist 54 Fuss hoch und stellt eine auf gemauertem Piedestal stehende vierseitige Pyramide vor, deren Spitze der österreichische Doppelaar, einen Lorbeerkranz haltend, schmückt.