Spaziergänge:
(Bis zu 2 Stunden.)
Ehe wir daran gehen, die Umgebung von Leitmeritz, die an Naturschönheiten so reich ist, aufzusuchen, müssen wir vor allem dem Lieblingsspaziergange der Leitmeritzer, der lieblichen *Schützeninsel, in unmittelbarer Nähe der Stadt, einen Besuch abstatten. Die Schützeninsel ist zum grössten Theile mit herrlichen Bäumen, darunter mehrhundertjährigen majestätischen Eichen bewachsen und wurde in den letzten Jahren durch die Fürsorge des im Jahre 1868 gegründeten Anpflanzungsvereines zu einem Parke umgestaltet, der selbst einer Grossstadt zur Zierde gereichen würde. In der Mitte der Insel befindet sich das mit einer Restauration verbundene Schützenhaus.
*Die Radebeule, auch Radobyl genannt, ist jener mächtige Basaltkegel im Westen der Stadt, welcher mit dem ihm gegenüberliegenden Lobosch gewissermassen die Wache am Eingange der böhmischen Schweiz hält. Ein gewaltiges gusseisernes Kreuz krönt den Berg, von dessen Gipfel man eine herrliche Rundsicht über einen grossen Theil des nordwestlichen, sowie des mittleren Böhmen geniesst. Ein gut gangbarer Weg führt von Leitmeritz aus auf den Berg, dessen Fuss von Reben umrankt wird.
Nördlich von der Radebeule erhebt sich der *Kamaiker Eisberg. Von Leitmeritz gelangt man in einer Stunde auf der Kamaiker Strasse nach dem Orte Kamaik mit der Burgruine gleichen Namens. Oberhalb dieser Ruine, die weithin in's Elbethal sichtbar ist, liegt der erwähnte Eisberg, merkwürdig dadurch, dass man in heissen Sommertagen, besonders nach einem Regen, in den vom Steingerölle umgebenen Gruben Eis findet. Am nördlichen Abhange des Eisberges steht, eine anmuthige Idylle bildend, die Kapelle des heil. Johannes des Täufers in der Wüste, von wo aus, unter den Aesten mächtiger Eichen hinweg, das Auge über eine prächtige Elbelandschaft zu schweifen vermag. Die Aussicht ist besonders nach Süden und Südosten reizend. Von Kamaik kann man nun entweder den Abstieg zur Elbe nach Gross-Tschernosek oder auch nach Libochowan nehmen.
Gross-Tschernosek liegt in der Richtung gegen Milleschau und ist berühmt wegen des dort gebauten Weines. Unter dem Namen »Tschernoseker« kommt eigentlich aller im Leitmeritzer Elbegau producirte Wein in den Handel. Eine Sehenswürdigkeit in Tschernosek bildet der *gräfl. Nostiz'sche Weinkeller, der horizontal in den Berg hineingebaut ist. Dieser Keller stammt zum Theil aus dem 13. Jahrhundert und zeichnet sich durch seine riesige Ausdehnung aus. 50.000 Eimer Wein vermögen darin ganz gut untergebracht zu werden. Durchschnittlich enthält er 8000 Eimer.
Nach Libochowan führt von Kamaik aus eine Fahrstrasse über das obstbaumreiche Dorf Rschepnitz zur Elbe. Bei Libochowan befinden sich Wälle aus der Keltenzeit, wie auch in der Nähe des genannten Dorfes vor einigen Jahren Heidengräber entdeckt wurden. Zwischen Tschernosek und Libochowan erhebt sich an der Elbe der Dreikreuzberg.
Sehr beliebte und sehr besuchte Ausflugsorte sind die Einsiedelei *Skalitz, die Villa *Mentau und *Kundratitz. Wir können alle drei Punkte in einem auf einen Nachmittag berechneten Spaziergange besuchen. Unser erstes und nächstes Ziel sei die Einsiedelei Skalitz, welche dort am Bergesabhange zwischen grünen Waldbäumen hervorlugt. Wir können entweder den Weg über das nahe Pokratitz in nördlicher Richtung einschlagen, um am Bachesrande im schattigen Thale vorwärts zu schreiten, oder wir können auch auf der bequemeren, von zwei Obstbaumalleen begrenzten Schüttenitzer Strasse über das zwischen Obstbäumen gelegene Dorf Schüttenitz, welches das mildeste Klima in Böhmen besitzen soll, die Skalitzer Höhe erreichen. Die so anmuthige Einsiedelei ist gegenwärtig von einem Förster bewohnt, bei welchem man einen ganz guten Kaffee, sowie Bier u. s. w. erhält. Unweit des Försterhauses streckt ein kleines Kirchlein seinen Thurm in die Höhe, und unterhalb des Hauses zeigt man eine Höhlung in Sandsteinfelsen, welche dem Einsiedler als Wohnung diente. Natürlich geniesst man von hier eine prachtvolle Fernsicht auf die weite Ebene, durch welche sich der Elbstrom schlingt.
Etwas höher und westlich von Skalitz blickt die Villa Mentau vom Bergesabhange in's weite Thal hinab. Diese Villa wurde erst im Jahre 1878 von dem Herrschaftsbesitzer und Grossindustriellen Edlen von Schroll in Liebeschitz, dem Besitzer des Waldes, welcher diese Höhen schmückt, mit einem Kostenaufwande von 40.000 fl. erbaut und dient ebenfalls einem Förster, der gleichzeitig Restaurateur ist, als Wohnung. Unten in der Thalschlucht, dem Melbiner Thale, verborgen hinter mächtigen Bäumen, klappert die Melbiner Mühle, wo man auch leibliche Stärkung erhalten kann, und an unser Ohr dringt das einförmige und doch so anheimelnde und wohlthuende Rauschen des klaren Gebirgsbaches, der sich durch dichtes Gebüsch über Stock und Stein seinen rauhen Weg gebahnt.
Doch wir müssen weiter; noch einen Blick auf das grosse und schöne Panorama zu unseren Füssen, und wir setzen unseren Bergstock wieder fest auf, um über Wiesen und Fluren und durch den schattigen Wald den Bergesrücken zu erklimmen, hinter welchem ein wahres Kleinod des böhmischen Mittelgebirges verborgen liegt, wir meinen die Sommerfrische *Kundratitz. Hier sei erwähnt, dass man von Mentau aus auch auf den Berg Hradisken gelangen kann, der sich durch eine schöne Rundsicht auszeichnet. Unser Ziel ist jedoch, wie gesagt, Kundratitz. Zwischen den Waldbäumen sehen wir nach halbstündiger Wanderung, nördlich von Mentau, die Villa »Henriettenruh« hervorschimmern und bald ruhen wir im Schatten des Waldes, unmittelbar an der Villa, von unserem immerhin etwas anstrengenden Marsche aus. Man kann Kundratitz auch von einer anderen Seite von Leitmeritz aus erreichen, indem man auf der Strasse über Pokratitz nach Hlinay geht, wobei sowohl Skalitz als Mentau rechts liegen bleiben. Nachdem wir uns gestärkt, betreten wir die Terrasse der Villa und erquicken unser Herz an der überraschend schönen Fernsicht, die man von hier aus geniesst. Ein landschaftliches Bild, wie es lieblicher, prächtiger nicht gedacht werden kann, eröffnet sich da vor unseren Augen; mehr als dreissig kegelförmige Bergspitzen des Mittelgebirges, mit dem Vater »Milleschauer« in der Mitte, erheben sich in den duftigen Aether, während im Vordergrunde sich das Tlutzner Thal, eingeschlossen von grünen Waldesflächen, mit seinen tausenden von Obstbäumen, aus denen die Dächer der Orte Kundratitz und Tlutzen verführerisch hervorlugen, ausbreitet. Fürwahr, es ist entzückend schön, dieses Landschaftsbild und immer und immer wieder schweift der Blick wie trunken über diese anmuthigen Scenerien, die ihres Gleichen nicht bald wieder haben.