Aussig liegt am linken Elbeufer, an der Mündung der Biela in die Elbe, sowie am Fusse des Střezowitzer und des Marienberges, welcher letztere, aus Klingstein bestehend, wegen der mannigfaltigen Mineralien merkwürdig ist. Vom Gipfel desselben geniesst man eine herrliche Aussicht in das Elbthal und die Gebirgsketten diesseits und jenseits des Stromes, von dessen Ufern sich der Marienberg fast senkrecht erhebt. Unmittelbar über der Stadt erhebt sich *die Ferdinandshöhe mit prachtvoller Aussicht (früher waren hier die Ruinen der Burg Witrusch).

Geschichtliches: Die Gründung der Stadt soll schon im J. 827 erfolgt sein. Im Jahre 1277 wurde sie der Krone von Böhmen einverleibt, 1282 an Otto von Brandenburg abgetreten und vom Kaiser Rudolf von Habsburg der böhmischen Krone wieder zurückgegeben.

Während des Husitenkrieges verpfändete Kaiser Sigmund die Stadt an die Meissner, was eine grosse Erbitterung in Böhmen hervorrief und eine Belagerung der Stadt zur Folge hatte. Ein meissnisches Ersatzheer wurde zwar am 16. Juni 1426 vollständig besiegt, allein die Stadt dabei so eingeäschert und verwüstet, dass sie drei Jahre lang ganz verödet blieb. Ein zweites, trauriges Loos traf die Stadt am 8. Mai 1538, wo ein grosser Theil derselben sammt der Stadtkirche in Flammen aufging. Ferdinand I. gab der Stadt Aussig für die Treue, welche sie ihm gelegentlich der Zwistigkeiten zwischen Karl V. und dem Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen bewies, nebst vielen anderen Vorrechten auch Sitz und Stimme im Landtage. Während des 30jährigen Krieges wurde Aussig 1631 von sächsischen Truppen verwüstet und in Brand gesteckt, dagegen ist es während des 7jährigen Krieges und bei dem Einfalle der Franzosen im J. 1813 von grösseren Unglücksfällen verschont geblieben.

In neuester Zeit ist die Stadt durch ihre äusserst günstige Lage an der schiffbaren Elbe, in unmittelbarer Nähe des ausgedehnten, reichhaltigen nordwestböhmischen Braunkohlenbeckens, durch die zahlreichen Eisenbahnen ein bedeutender Handels- und Industrieplatz geworden. Die Einwohnerzahl ist seit 1869 bis zum 31. Dezember 1880 von 10.000 über 16.000 gestiegen. Die im J. 1857 von einer Actiengesellschaft gegründete chemische Fabrik für chemische und metallurgische Production ist eine der grössten Europas und beschäftigt über 1300 Arbeiter. Sie liefert Schwefelsäure, Sulfate, Salzsäure, Superphosphate u. s. w., besitzt eine eigene Gasanstalt, welche auch die Stadtbeleuchtung besorgt, eine Dampfziegelei u. s. w. Der Flächenraum des Fabriksgebietes beträgt 58 Hekt. An Arbeitslöhnen wird wöchentlich die Summe von 12.000 fl. ausgezahlt. Der Kohlenverbrauch belief sich im Jahre 1880 auf 12.734 Waggon zu 11 Tonnen.

Weitere industrielle Etablissements befinden sich hier: eine Lederfabrik, zwei Siderolithwaarenfabriken, Baumwollspinnerei, Glasfabrik, Paraffinfabrik, Webewaarenfabrik, Bandfabrik u. s. w. Viele Braunkohlenniederlagen. Die Kohlenverfrachtung auf der Aussig-Teplitzer Bahn grossartig.

In Aussig wurde am 12. März 1728 während eines vorübergehenden Aufenthaltes seiner in Dresden wohnhaften Eltern Anton Raphael Mengs geboren.

Sehenswürdigkeiten: 1. Die im sogenannten altgothischen Style erbaute und mit einer kunstreich gearbeiteten steinernen Kanzel versehene Dekanalkirche. Dieselbe besitzt eine kostbare *Madonna, die sich in einem feuerfesten eingemauerten Schreine befindet und nur bei hohen Festen ausgestellt ist. Dieses prachtvolle Bild von bedeutendem Kunstwerthe ist nach dem Urtheile gewiegter Kenner (auch Göthe schloss sich dieser Ansicht 1813 an) ein Werk Carlo Dolce's. Fälschlich hat man es dem obgenannten Anton Raphael Mengs zugeschrieben, welche Annahme aus dem Grunde unstatthaft ist, als Raphael Mengs zur Zeit der testamentarischen Uebergabe des Bildes an die Decanalkirche (1737) 9 Jahre alt war. Das Gerücht mag deshalb entstanden sein, dass die Erblasserin Margaretha Fischer geb. Rochus von Lindenfels die Besitzerin des Geburtshauses des wiederholt genannten Raph. Mengs gewesen und das Bild nach der übereinstimmenden Aussage vom Vater Raphaels, dem sächsischen Hofmaler Ismael Mengs, zum Geschenke erhielt. 2. Die St. Adalbertskirche bei dem Dominikanerkloster, im Renaissancestyl erbaut. 3. Die grossartige eiserne Elbbrücke, welche die Nordwestbahn mit den Bahnen des linken Elbufers verbindet. 4. Die neue Knabenschule und zwei andere grosse Schulgebäude. 5. Die älteste Kirche ist die Maternus-Kirche, deren Friedhof seit vielen Jahren aufgelassen ist und jetzt in einen Park verwandelt wird. (Die Touren ins böhmische Erz- und Mittelgebirge siehe »Der Besuch des böhmischen Erz- und Mittelgebirges von Teplitz-Bilin, eventuell Lobositz« aus.)

Hier sei Erwähnung gethan der herrlichen Ausflüge zur *Ruine Schreckenstein (½ St.) und auf die *hohe Wostrey (2 St.). Wir gehen von Aussig süd-südöstlich auf das rechte Elbufer und erreichen in einer halben Stunde den Klingsteinfelsen, auf welchem sich die malerischen Ruinen der alten Veste Schreckenstein erheben, die im Sommer der Gegenstand zahlreicher Besuche von Einheimischen und Fremden sind. Der Felsen steht senkrecht 80m hoch über dem Spiegel der Elbe, ist nur von einer Seite zugänglich und macht einen imposanten Eindruck. Zwischen dem Burgfelsen und dem grünbewaldeten Schanzenberge liegt die sogenannte Schäferei. Von hier führt der einzige Zugang zur Burg, ein schmaler Gang, auf dessen beiden Seiten niedrige Gebäude stehen, darunter das alte Bräuhaus, während der Burgfelsen auf der Ostseite auch hier 37·9m hoch senkrecht wie eine Wand aufsteigt. Wir kommen zu dem gut erhaltenen Burgthor, das mittelst einer Treppe passirt wird. Durch das Thor treten wir in den Burghof, welcher mit einer starken Ringmauer umgeben ist. Hier befindet sich die Restauration, für die es seit 1877 ein eigenes Gebäude mit Fremdenzimmern gibt.

Der sogenannte Rittersaal steht mit dem Burghofe durch einen schmalen Gang in Verbindung. Durch die nach der Elbe gerichteten sechs Fenster hat man einen prächtigen Blick in das Thal. Daneben befindet sich ein kleines Gebäude, welches zu Restaurationszwecken verwendet wird. Von hier führt links ein Fusspfad nach einem Felsenvorsprung, einer ehemaligen Warte, welche mit einem Dache versehen ist und einen vorzüglichen Blick auf die eigenthümliche Steinschichtung des Felsens gewährt. Von diesem unteren Theile steigen wir auf einer Treppe in die Hauptburg und dann in die Burgkapelle mit schönen Spitzbogenfenstern; da ist ein Vorsprung mit schöner Aussicht. Sehenswerth sind noch die Burgherrenwohnung, die Citadelle, von welcher noch die Reste von zwei halbrunden Bastionen und ihrer Verbindungsmauer vorhanden sind, und der Wartthurm, welcher mit einem Holzdache versehen ist und bis jetzt den Stürmen der Zeit getrotzt hat. Von hier können wir die Tour auf die hohe Wostrey fortsetzen (1½ St.) oder nach Aussig zurückkehren.

Aussig-hohe *Wostrey. Wir gehen von Aussig in südöstlicher Richtung nach Ober-Sedlitz, einem Dorfe ¼ St. von der Elbe und am Fusse des Gebirges und kommen nach Neudörfel (1 St.), wo bereits der Milleschauer (im Südwesten) zum Vorschein kommt, während im Rücken (Norden) des Wanderers der Schneeberg mit seinem weitsichtbaren Thurme auftaucht. Neben einem grossen Nussbaum theilt sich der Fahrweg; wir benützen weiter den Seitenweg rechts und langen bei einer, zwischen zwei hohen Eichen angebrachten Ruhebank an, von wo aus wir, auf dem windungsreichen Fusswege links fortschreitend, die Spitze dieses 583m hohen Basaltkegels erreichen. Derselbe ist einer der bedeutungsvollsten und lohnendsten Aussichtspunkte im Norden unseres Heimathslandes. Wir haben eine prachtvolle Waldlandschaft unmittelbar vor uns. Das herrliche Elbthal können wir weit verfolgen. Im Norden wird der Thurm des Schneeberges sichtbar, der sich als ein langgedehnter, nordöstlich laufender Bergrücken über ein hohes, aus dem Elbthale und dem Eulauer Thale östlich und südlich steil aufsteigendes, an seinen Rändern durch tiefe Thaleinschnitte zerrissenes Plateau erhebt. Vor dem Erzgebirge ist die mit allen Reizen einer üppigen Natur geschmückte Thalebene, welche ihren Anfang bei Arbesau nimmt, mit dem Eulauer Thale durch einen niedrigen Pass zusammenhängt und sich bei Kulm und darüber hinaus erweitert, ausgebreitet. Rechts vom Schneeberge sehen wir die Ruine des, wahrscheinlich im 30jährigen Kriege zerstörten Schlosses Blankenstein, von dem man eine sehr weite und schöne Aussicht, namentlich auf den Elbstrom geniesst.