Falkenau-*Heinrichsgrün – Gebirgsstadt, 2250 Einwohner.
Gasthäuser: Wilder Mann, grüner Heinrich.
Post- und Telegrafenamt – Domainen- und Forstverwaltung des Grafen Erwein Nostitz.
Von Falkenau aus erreichen wir Heinrichsgrün auf der Aerarialstrasse, welche durch die Dörfer Lanz, Waldl und Unter-Neugrün sanft ansteigt und von Neu-Grün an, auf beiden Seiten von den schönsten Wäldern begrenzt, bis zur Stadt führt. Diese liegt auf einer kleinen Gebirgsebene an einer Thalschlucht, welche sich in langen Zügen in's Zwodauthal erstreckt und das Lochthal genannt wird. Hier blühte in früherer Zeit der Bergbau. Der Tourist möge uns nun auf unserem Gange begleiten. Wir statten zuerst der im Spitzbogenstyl erbauten Kirche St. Martin einen Besuch ab; dann besichtigen wir die im J. 1877 auf Veranlassung des hochverdienten Erzgebirgsfreundes Herrn Ritter von Dotzauer von dem Central-Comité zur Beförderung der Erwerbsthätigkeit der böhmischen Erz- und Riesengebirgsbewohner in Prag errichtete Spitzenschule, in welcher Idrianer Spitzen kunstgerecht erzeugt werden. Nun gehen wir durch die Schlossgasse zu dem nördlich von der Stadt gelegenen gräflich Erwein von Nostitz'schen Schlosse. In diesem befinden sich zwei alte Bilder, welche Scenen aus dem Graslitzer Bergbau darstellen. Auch finden wir hier ein Bild, genannt die grosse Dame, von der die Sage erzählt, dass sie in einem der Eckthürme des Schlosses lebendig eingemauert wurde. Sämmtliche gräfliche Zimmer sind mit prachtvollen Hirschgeweihen ausgeschmückt. Nach einer kurzen Wanderung durch den Park, der das Schloss umgibt, kommen wir in eine schöne Allee, welche uns zum gräflichen Thiergarten führt.
Kurz vor dem Thiergarten biegt eine Bezirksstrasse nach rechts ab, zieht sich durch theilweise schöne Waldungen in auf- und absteigender Linie ausserhalb desselben hin und führt bei dem an der Ausgangseite des Gartens gelegenen Teiche, von welchem sich ein weiter unten bezeichneter Weg nach Schindelwaldel und Rothau abzweigt, vorbei. Am Eingange in den Thiergarten (mit Erlaubniss der Forstinspection passirbar) stehen zwei Forsthäuser, und von diesen aus ziehen sich schöne, wohlerhaltene Wege durch alle Theile des weiten Gartens. Hier nehmen wir die herrlichsten und mannigfaltigsten Partien wahr. Dichte Fichtenwaldungen wechseln mit den saftigsten Wiesen ab, auf denen Heerden von Hochwild weiden. In der Mitte des Thiergartens steht malerisch das Jagdschloss, der Sommeraufenthalt der gräflichen Familie. Von den Fenstern des Hauptgemaches geniesst man die Aussicht auf eine reizende Scenerie des Gartens. Nicht uninteressant ist auch die Eremitage, von welcher sich eine schöne Aussicht in das Rothauthal eröffnet. Vom Jagdschlosse aus führt eine Strasse nach dem nördlichen Ausgange des Thiergartens und schliesst sich da an die oberwähnte Bezirksstrasse nach Schindelwaldel und Rothau an. Die grossen Eisenwerke daselbst sind sehenswerth. Das erste Werk, zu dem wir gelangen, ist die Zinnerei. Im Thale, kurze Strecke weiter abwärts, steht der Hochofen mit der Eisengiesserei und unweit davon die Dreherei. Nach etwa einer Stunde kommen wir zur Neuhütte. Von da aus gelangen wir nach kurzem Gange auf die Kaiserstrasse, die von Heinrichsgrün nach Graslitz führt. Beiderseits von hohen Bergen eingeschlossen führt uns die bequeme Strasse in das Annathal, wo der Rothaubach in die aus Sachsen kommende Zwodau mündet. Am rechten Ufer der Zwodau liegt der Bahnhof, nach welchem von Heinrichsgrün aus zweimal täglich die Post verkehrt. Auf unserer Retour-Wanderung aus dem Annathal nach Heinrichsgrün erblicken wir links einen Basaltkegel, den Kernberg, von dem aus man den grössten Theil der gemachten Wanderung übersehen kann. Erwähnenwerth ist noch das Dorf Altengrün, südlich von Heinrichsgrün gelegen, von welchem aus sich dem Auge eine prachtvolle Aussicht in's Egerland darbietet.
4. Falkenau-*Graslitz (mit der Bahn oder zu Fuss über Bleistadt, von da über Horn und Heinrichsgrün nach Graslitz).
Graslitz, eine freie Bergstadt, in welcher bereits im J. 1370 der Bergbau auf Kupfer rege geworden. Im J. 1437 hat Caspar Schlick die Herrschaft übernommen. Im J. 1527 ging solche an Hieronymus Grafen Schlick durch Kauf über. Im J. 1570 gelangte diese Stadt mit ihren bereits bestehenden und durch eine Schlick'sche Bergordnung geregelten Bergbauen in den Besitz der gräflich Schönburg'schen Familie. August Graf Schönburg erliess eine neue Bergordnung 1601, welche grösstentheils der Joachimsthaler nachgebildet ist. Schon damals waren 2000 Bergleute, 100 Steiger, beim Baue beschäftigt und eine aus zahlreichen Bergbeamten bestehende Berghauptmannschaft aufgestellt. Von der damaligen Grossartigkeit der Bergbaue geben die vielen Stollen und Halden den besten Beweis. Der Abbau und die Schmelzung der Schliche zu Schwarzkupfer geschah durch Gedingarbeit und wurden 3 bis 5% Kupfer aus dem Centner Erz herausgebracht.
Graslitz ist jetzt eine bedeutende Industriestadt, zählt nach der letzten Volkszählung vom J. 1870 6549 Einwohner. Die verschiedenen Industriezweige sind: Musikinstrumenten-, Spitzenerzeugung, Stickerei, Baumwollspinnerei, Schafwollwaarenerzeugung, Bleicherei, Färberei, Druckerei. Hervorragende Fabriken: Maschinen-Stickerei, Baumwollspinnerei, Schafwollwaarenfabrik, bedeutende Fabrication für Musikblas- und theilweise Streich-Instrumente, Kindermusikinstrumenten, Perlmutterknopf-Erzeugung und Fabrication von Mundharmonikas.