Aemter: Bürgermeisteramt (am Marktplatze). Zollamt.
Beschreibung und Geschichte der Stadt.
Die kön. Bergstadt Gottesgab liegt auf einem überaus stiefmütterlich ausgestatteten, unwirthbaren und frostig-rauhen Moor-Plateau hart an der sächsischen Grenze, 1015 Meter ü. M., und ist die höchstgelegene Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie. Auf dieser baumlosen, öden Hochfläche, auf welcher nur ein dürftiger, doch sicherer Graswuchs fortkommt, wird der Hafer selten reif, und der Kartoffelbau, der in manchen Jahren ganz misslungen ist, lohnt kaum die Saat und Pflege; daher beschränkt sich die Landwirthschaft fast ausnahmslos auf die Viehzucht. Das Städtchen, welches sehr regelmässig angelegt ist und einen grossen, quadratischen Marktplatz besitzt, zählt 1600 Einwohner, die grösstentheils auf Hausindustrie angewiesen sind. Die weibliche Bevölkerung beschäftigt sich hauptsächlich mit Spitzenklöppeln, Weissnäherei u. dgl., auf die männliche aber, von der ein Theil Weissstickerei betreibt, lässt sich Schiller's Wort: »Der Mann muss hinaus in's feindliche Leben« im weitesten Sinne anwenden; sie zieht hinaus in die Welt, um durch Musik und Handel das Brot zu verdienen. »Fahrende« Musikkünstler aus Gottesgab sind in aller Herren Ländern zu finden. Ursprünglich hiess das Städtchen Wintersgrün, erhielt aber seiner reichlichen Silbererze wegen von frommen und dankbaren Bergleuten den bedeutungsvollen Namen Gottes Gabe. Der Sage nach soll dieser Namen von Johann Friedrich, Churfürsten von Sachsen, herrühren, dem man bei einem Besuche einen aus einer Silberstufe ausgehauenen Sessel zum Niedersetzen vorgesetzt habe. Der fromme Churfürst habe aber dieses Anerbieten mit den Worten abgewiesen: »Das sei Gottes Gabe, und so soll die Stadt hinfüro genannt werden.« Sehenswerth sind: »Die Klöppelschule«, gegründet von dem thatkräftigen »Central-Comité zur Beförderung der Erwerbsthätigkeit der böhm. Erz- und Riesengebirgsbewohner«, und zwei Maschinenstickerei-Fabriken des Karl Günther und Günther und Schönfelder. Seine Entstehung verdankt Gottesgab dem Silberbergbau; ein Herr von Tetau soll es im Anfange des XVI. Jahrhunderts angelegt haben. Im Jahre 1532 begann der Bergbau auf Silber. Der Churfürst Johann Friedrich von Sachsen gab der Stadt 1534 eine Bergfreiheit und 1546 das Privilegium als eine freie Bergstadt. Kraft eines im Jahre 1556 mit Moriz von Sachsen abgeschlossenen Vertrages kam Gottesgab an Böhmen.
Wie an vielen anderen Orten des Erzgebirges ist auch hier der ehemals blühende Bergbau ganz eingestellt; nur Halden, Pingen, Stollen zeugen von einstigen unterirdischen Metallschätzen. Die am 4. Mai 1808 ausgebrochene Feuersbrunst legte 142 Häuser sammt dem Rathhause, der Pfarrei und Schule in Asche. Dadurch verarmten viele Bewohner, die überdies durch die grosse Theuerung i. J. 1817 viel Ungemach zu leiden hatten. Nur die wohlthätige Unterstützung Böhmens rettete die Stadt vor Hungersnoth. Bei dieser Gelegenheit erwarb sich der damalige Pfarrer von Gottesgab, Franz Wilhelm Tippmann, später Weihbischof des Prager Domcapitels, bedeutende, unvergessliche Verdienste. Derselbe stiftete auch, durchdrungen von wahrer christlicher Nächstenliebe, ein Spital. – Gottesgab ist die Geburtsstätte mehrerer verdienter Deutschböhmen: Thaddäus Peithner war k. k. Hofrath, Johann Theodor Anton Peithner Ritter von Lichtenfels war Bergrath und Bergwerkshistoriker (gest. 1792) und Josef Köhler starb als General-Grossmeister des Kreuzherrenordens zu Prag.
*Besteigung des Keilberges. (¾ St.) Etwa 300 Schritte oberhalb des Zollschrankens zweigt von der Kaiserstrasse zu unserer Linken eine Strasse über Sächs. Wiesenthal nach Annaberg in Sachsen ab. Auf ersterer in südöstlicher Richtung weiterschreitend (falls man nicht schon früher einen rechts von der Strasse führenden, sehr empfehlenswerten Wiesenweg, der bis zu den Sonnenwirbelhäusern leitet, gewählt hat), erblicken wir geradeaus die drei Sonnenwirbelhäuser, die höchsten Wohnungen des Erzgebirges. Immer bedeutender wird die Steigung der Strasse; nach ¼stündiger Wanderung nähern wir uns dem Sonnenwirbel (so wird gewöhnlich die westliche Kuppe des Keilberges genannt), dessen nördliche Abdachung nur mit spärlichem Fichtenbestand bedeckt ist; nach unten zieht sich der sog. Kaltewintergrund hin, der wohl die traurigste Gegend des Erzgebirges ist; denn auf der Mitternachtseite, wo selten oder nie ein Sonnenstrahl in diese beinahe unheimliche Schlucht dringt, liegt selbst im Juni noch Schnee. Und doch findet sich daselbst eine Ansiedlung, der »Kalte Winter«, im Volksmunde »Böhmisch Sibirien« genannt. Die Bewohner dieser Einschichte können bei schrecklichen Schneestürmen oft acht Tage lang nicht aus dem Hause, und es wäre fürwahr tollkühn, wenn sie sich aufs Geradewohl durch die klafterhohen Schneemassen einen Weg bahnen wollten. Noch eine kurze Strecke aufwärts und es entrollt sich vor unseren Blicken ein überraschendes Panorama. Südlich vor uns breitet sich ein imposantes Seitenthal aus, dessen schützende Lehnen mit stattlichen Wäldern bedeckt sind. Hier in nächster Nähe fristet die verkrümmte Fichte, ja sogar die sonst zähe Eberesche ein kümmerliches Dasein und dort unten im Thale strecken Tannen, Lärchen, Birken und Buchen ihre Häupter stolz empor. Welch ein Contrast! Den Hintergrund der herrlichen Scenerie bildet das grossartige Gebäude der Joachimsthaler k. k. Zigarrenfabrik. Nach einigen Minuten zeigt uns ein Wegweiser mit der Aufschrift »Zum Keilberg« an, dass wir die Strasse verlassen und einen gut erhaltenen Fahrweg betreten müssen, der uns bis auf die höchste Kuppe des Keilberges führt. »Dieser Höhenpunkt, der höchste im Erzgebirge, bildet gewissermassen den Hauptstock des ganzen Gebirges; einen Gebirgsknoten, von welchem dasselbe in nordöstlicher und südwestlicher Richtung verläuft, dessen höchste Punkte sich zunächst um ihn gruppiren, so dass es hier fast das Ansehen eines Hochgebirges erhält.« Diese Bezeichnung kommt vorzugsweise dem steilen südlichen Abfalle oder Joche des Keilberges zu, auf welchem sich mehre Kuppen mit abfallender Höhe, am bedeutendsten der Leerberg, die Kuppen bei Dornberg und bei Marletzgrün, dann die Berge bei Hauenstein (der Hauensteiner Schlossberg, westlich von ihm der Maierrang und östlich der Eichelberg) hervorheben. Der Fuss dieses Gebirgsjoches wird unmittelbar von der Thalebene (Egerthal) begrenzt, aus welcher es plötzlich sehr schroff emporsteigt. Westlich ist es durch das tief eingeschnittene Weseritzthal begrenzt, in welches einige enge, von hohen, steilen Gehängen eingefasste Seitenthäler einmünden. Diese steilen Abhänge und hohen Gehänge der engen Thäler, die Gruppirung ansehnlicher Kuppen, welche in ihrer Zusammensetzung einander überragen, geben ihm hier mehr als an einer anderen Stelle seiner Verbreitung das Ansehen eines »Hochgebirges.« Die bedeutendsten Höhenpunkte, welche sich um den Keilberg gruppiren, sind: (im Norden) der Fichtelberg (jenseits der Landesgrenze), der Gattersberg (zwischen Stolzenhahn und Wiesenthal), der Hofberg, der Riegelberg, der Grosse und Kleine Wolfsberg (nordöstl. von Stolzenhahn) und der Blaselsberg (zwischen Stolzenhahn und Kupferberg); (im Osten) der Wirbelstein (nördlich vom Hauensteiner Forsthause), der Eisenkopf und der Buchberg; (im Süden) die hohe Wiese, weiter abwärts der Schobert- oder Schubertberg und westlich von diesen der Hohe Berg und der sagenreiche Graue Stein, von welchen beiden dann die Gehänge dieser Bergmasse in Absätzen in das Thal abfallen; (im Westen) der Spitzberg (bei Gottesgab), der Steinhübel (bei Irrgang), der Plattenberg (östl. von Platten), der Buchberg (westl. von Platten); (im Nordwesten) der Kaffberg und der Mückenberg (bei Goldenhöhe).
Den höchsten Punkt des Keilberges krönt ein 21 Fuss hohes, einfaches, aber sehr fest und praktisch gebautes Aussichtsobject, das der Erzgebirgsverein in Joachimsthal im Jahre 1880 errichtet hat. Haben wir die zweite Terrasse dieses Objectes bestiegen, so eröffnet sich uns eine umfassende, wahrhaft grossartige, überwältigende Rundsicht, die uns unwillkürlich an die vortrefflichen Worte Karl Egon von Eberts, des hochgefeierten Altmeisters der deutsch-böhmischen Dichter, erinnert:
»Ihr Berge, stolze Berge, du schwarze Wäldernacht,
Ihr golderfüllten Ströme, ihr Au'n in grüner Pracht,
Ihr sanft gewölbten Hügel im blumigen Gewand,
Euch nenn' ich freudig rufend, mein schönes Vaterland!«
In nächster Nähe streben dicht an einander gereiht, wie Mastbäume die schlank gewachsenen Fichten und Tannen des prächtigen Schwarzwaldes (die ausgedehnten, herrlichen Waldungen, am Südabhange des Keilberges führen diesen Namen) empor, an den sich weithin nach den verschiedenen Richtungen die gewaltige Waldregion, ein förmliches Forstmeer, der mannigfaltigen Höhenzüge mit ihren Kuppen anreiht; denn der Blick schweift bei heiterem Himmel über das ganze (besonders das böhmische) Erzgebirge vom Böhmerwalde und Fichtelgebirge bis an das Riesengebirge, eine wundervolle Aussicht, wie sie in solchem Masse kein zweiter Punkt im ganzen Erzgebirge bietet. In südöstlicher Richtung sehen wir die Städte: Saaz, Kaaden, Klösterle und viele grössere und kleinere Ortschaften (mit einem guten Fernglase sieht man bei heiterem Himmel sogar den historischen weissen Berg bei Prag); östlich gewahren wir zunächst Kupferberg mit dem kegelförmigen Kupferhügel (letzterer ist gegen unseren Standpunkt verschwindend klein) und in weiterer Entfernung links Dörnsdorf, Reischdorf, die Kirchthurmspitze von Pressnitz. Ganz im Hintergrunde erblicken wir die Kuppen des herrlichen böhmischen Mittelgebirges mit dem Milleschauer. Gegen Norden verdecken die beiden Fichtelberge die Aussicht nach Sachsen, doch ist diese nach Nordost lohnend. (Schmiedeberg, Jöhstadt, Weipert, Annaberg); der Bahnhof von Weipert, die Kirche von Annaberg und die imposante Volksschule in Schmiedeberg sind mit freiem Auge sichtbar. Gegen Süden bemerken wir das Duppauer Gebirge mit der Ruine Engelhaus, den Bahnhof von Karlsbad, ferner Schlackenwerth und das liebliche, reizvolle Egerthal, im Südwesten im Hintergrunde den Dillenberg bei Eger, den Kaiserwald, im Westen das Fichtelgebirge mit dem Hainberge bei Asch. Bei dieser Darlegung wurde nur das Wichtigste hervorgehoben, denn alle einzelnen Punkte dieses farbenprächtigen Panoramas zu schildern, lässt der Raum des Buches nicht zu, zudem wir in anderer Beziehung des Keilberges gedenken mussten. Erhaben und schön ist auf diesem Berge die Beobachtung des Sonnenaufganges. (Der Botaniker findet Moose und Vorboten subalpiner und selbst alpiner Pflanzen).
Um unsere beabsichtigte Tour zu vollenden, kehren wir wieder bis zum bekannten Wegweiser zurück, wo wir die nach Weipert führende Strasse weiter verfolgen; dieselbe zieht sich anfangs einige hundert Schritte auf der Ebene dahin, senkt sich dann allmählig, und wir sehen plötzlich bei einer Biegung ein malerisches Bild. Wie hingegossen liegt das sächsische Städtchen Oberwiesenthal vor uns, das bloss durch die Pöhl von Böhmisch-Wiesenthal getrennt ist. Man wird nicht satt, dieses Bild zu betrachten, immer wieder zieht es das Auge des Touristen auf sich. Wir steigen indess tiefer und gelangen zu den Hofberghäusern mit dem anständigen Gasthof »Hofberg« (Hier biegt, rechts die Strasse nach Kupferberg, links nach Böhmisch-Wiesenthal ab). Nachdem wir durch eine kleine Erfrischung uns erquickt haben, schreiten wir auf der Strasse bei kaum wahrnehmbarer Senkung zur rechten Seite des grossen Dorfes Stolzenhahn hin und erreichen nach einer ½stündigen Wanderung durch eine zu beiden Seiten der Strasse liegende liebliche Waldung Böhmisch-Hammer, wo sich rechts die Strasse nach Schmiedeberg abzweigt. (Gleich oberhalb des Dörfchens ist ein ansehnlicher Viaduct der Buschtěhrader Zweigbahn Komotau-Weipert bemerkenswerth.) An der Strasse selbst liegt der ansehnliche Gasthof »zum Schlössl.« Immer näher zieht sich dieselbe an der Landesgrenze auf der Ebene dahin und wir erblicken bald auf böhmischem, bald auf sächsischem Boden ein Gehöfte, eine Mahl- oder Papiermühle, ein Gasthaus u. dgl., was uns eine annehmbare Abwechslung gewährt. Wir merken kaum, dass wir uns schon Weipert-Neugeschrei, der Vorstadt Weiperts, nähern. Hier liegen die Häuser einzeln gebaut, zu beiden Seiten der Strasse. Von Gottesgab, noch besser von Försterhäuser (siehe oben), können wir, in Försterhäuser unweit des Forsthauses abbiegend, eine prächtige Seitentour ausführen. Wir gehen auf einer guten, durch herrliche Wälder führenden Strasse oder auf einem Fusswege am Goldenhöher Forsthause vorüber in das idyllisch gelegene Dorf *Goldenhöhe, dann nach der sogenannten böhmischen Mühle und von da weiter nach Sachsen. Dieser, zwei Stunden bis zur Grenze in Anspruch nehmende Weg ist herrlich. Die schönen, wohlgepflegten Waldbestände erwecken die Bewunderung jedes Touristen. Es ist eine ächte Gebirgswanderung. Bei der genannten Mühle öffnet sich das Thal, vom reissenden Pöhlbach durchbraust; wir überschreiten die Grenze, durchwandern das industriereiche, an beiden Abhängen des erweiterten Thales romantisch gelegene Dorf Rittersgrün und kommen in ¾ Stunden in *Globenstein an, wo die höchstinteressanten Felsgebilde unsere Aufmerksamkeit erwecken. Fortsetzung der Tour über Crandorf oder Raschau nach *Schwarzenberg. Herrliche Partie!