Eine Prager Geschichte

Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu. Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten sie weiter.

In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es war ja auch kaum glaublich: die česka spořitelna, die große, reiche Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da noch andere Sicherheiten – bei der Kirche! – als bei diesen Hunden, den verfluchten Deutschen ...

Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen. Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte, um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch, um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn Überfluß in der Wüste ihrer Not.

Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte: »Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem Geld von armen Leuten!

Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind Millionen draufgegangen.

Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen. Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus erreichen, zu dem alle hindrängen.

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Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel, wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.

Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!« »Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille. Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.