Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.

Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung. Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.

Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß. Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie, von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und müssen warten.

Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.

Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.

Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen. Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal sich für sie dahinter vorbereite.

Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen. Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.

Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und Gerüchte.

»Hör' ich, sind die Kassen leer.«

»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich berühmen, stehen nur auf dem Papier.«