Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet, ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.
Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.
Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung. Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber, die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken, sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur fürchterlichen Spannung.
Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere, die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch vergessen.
Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt, sie nicht verschütte.
Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.
Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.
Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.
Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine Falle locken wolle.
Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu beleben.