Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen. Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.

Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten. Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre fieberhafte Angst.

Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott, das Elend.

Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen, da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen.

In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug, der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste. Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht, prophezeite nahen Untergang der Spořitelna und wußte viel zu schimpfen über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte.

In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen. Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite, der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen! Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«

Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen. Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker, Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.

Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch.

Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem Sparkassengebäude – oder anderswo.

Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe; in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde, wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen: »Ich schlag' sie tot! Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«