Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:
»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist. Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«
Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten.
Die Reise nach Indien
Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen. Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.
Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge, Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses. Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele.
Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf, und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...«
Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf weiß, die sicheren Beweise.