Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.
Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben hingemalt hatte:
| »Nachtz mich der Schluhmer fliht, |
| Gott in mein Hertze siht, |
| Nichtz is alz Lihbe drein, |
| Lihb für mein Feterlein.« |
Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:
| »Und eh wangt Fels und Stein, |
| Eh fellt des Himmels Welbung ein, |
| Eh ich vergehs was ich euch dank |
| Was ihr mir tuth mein Leben lank.« |
Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf begeistert hatte:
| »Mein Herz gleicht der wandernden Welle |
| Es gleicht dem schimmernden See |
| Es mischt in die Freude die helle |
| Sich leise ein flüchtiges Weh.« |
Und viele andere. – Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.
Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian.
Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als förderlich.