Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der Ferienfreuden einflocht:

»Rings im Schlummer lag die Welt,
Niemand wach als sie und ich,
Und im gelben Ährenfeld
Küßt' ich sie und küßt' sie mich«

wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft.

Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und »Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr seine Stiefeln schuldig blieb.

Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich der Alte zum Sterben.

Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen, die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:

»Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,
Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.
Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,
Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«

Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte.

Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die Küche und eine kleine Kammer.

Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier nich« meinte die Mutter.