Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde er stumm.

Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters, für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei.

Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen. Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn her wie freigewordene Vögel.

Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der Erfolg kommen, die Anerkennung – die Freiheit.

Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte. Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß.

Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin, der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte. Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz zu seinem armseligen, eintönigen Leben.

Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er, was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.

Er tat das alles – im Geiste.

Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel, durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden. Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost, bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten.

An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter. Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen.