Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine Befreiung.

Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.

Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn umgaben.

Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte.

Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.

Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern.

Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.

Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit.

Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete, wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei Gedanken.

Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben.