Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft.

Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk – Reisebilder aus Indien – aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt, waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten.

Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen Blättern ungeahnte Sensationen.

Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff alles Geheimnisvollen.

Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine krankhaft erregte Phantasie.

Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens. Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum vorging.

Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen.

Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters.

Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine unter die Menge geworfen.

Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram. Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin. Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare. Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder, unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize seiner Wirtin.