Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher ...?
Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und her. Er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«
Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie holt die Violine und stimmt sie erst, bevor sie wiederkommt.
Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. In den Nächten, wenn er unter einem Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.
Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig. Gerad' wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen, und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich gedacht, mag's an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich her verstehen könnt', wie wenn er auch nichts anderes wär' wie ein Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen. Er wär' am liebsten hingekniet und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd' ich getrost wiederum in dich hinübergehen.«
Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang' zu leben hat. Jetzt aber ... in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein Schrecken würgt ihn – wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch Fegfeuer und Hölle – wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander:
»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er fuchtelt mit den Armen in der Luft ...
*
Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst, die Verkündigung des Engels singt:
| »Hirten! Wachet auf! |
| Hirten! Wachet auf! |
| Eilt hinunter in das Tal, |
| Und dann schauet in den Stall; |
| Denn geboren ward |
| Dort ein Kindlein zart, |
| Das von Adams Sündenfall |
| Euch erlöset all.« |