Es wurde Morgen, Pi-tikh-cho-lik kam heraus und brachte am Kajak sein Jagdgerät in Ordnung. Nachdem er den Frauen an der Küste »guten Tag« gesagt, ruderte er lustig singend aufs Meer hinaus. Als er außer Sicht war, stieg Ta-ku-ka vom Hügel herab und folgte den Frauen in eines der Häuser. Die waren erstaunt, sie zu sehen, bewillkommten sie aber trotzdem und stellten viele Fragen an sie. Sie bewunderten ihr Gesicht und ihre Hautfarbe, die heller als ihre war und verschiedene tätowierte Linien in ihrem Gesicht: eine auf- und abführende zwischen den Augen und drei von der Unterlippe übers Kinn herunter, die auch anders waren, als die ihrigen. Im Laufe des Gesprächs sagte eine der Frauen: »Diese Gesichtslinien stehen dir sehr gut; ich würde viel dafür geben, wenn du mich lehrtest, mein Gesicht wie deins zu machen.« Ta-ku-ka antwortete: »Ich will dir zeigen, wie das gemacht wird, wenn ich dir damit einen Gefallen erweisen kann, aber ich werde dir dabei weh tun und du wirst den Schmerz vielleicht nicht aushalten.« »Ich werde den Schmerz nicht beachten und bin bereit, ihn auszuhalten, wenn ich nur so schön werde, wie du.« »Wie du willst!« sagte Ta-ku-ka, »geh ins Haus, zünde ein Feuer an und setze einen großen irdenen Topf mit Fett auf; wenn das Fett kocht, rufe mich, ich werde dann dein Gesicht so schön, wie das meine, machen.« Nachdem ihr die Frau gedankt hatte, ging sie, alles fertig zu machen und nun stellten die anderen Frauen noch eine Menge Fragen, wie: »Wird es sehr weh tun?« und »Wird sie wirklich so schön werden, wie du bist?« und noch andere mehr. Ta-ku-ka entgegnete darauf: »Es wird ihr nicht sehr weh tun und sie wird noch schöner werden, als ich.«
Die Frau kam bald zurück und meldete, das Fett sei fertig. Ta-ku-ka ging dann mit ihr ins Haus und befahl ihr, sich vor den Topf mit dem siedenden Fett zu knien und den Kopf darüber zu beugen. So wie das geschehen war, packte Ta-ku-ka sie bei den Haaren und stieß ihren Kopf ins heiße Fett und hielt ihn drin, bis die Frau tot war; dabei sagte sie: »Da! Jetzt wirst du immer schön sein!« Dann legte sie ihren Körper auf die Bettstatt, deckte das Gesicht zu und ging hinaus zu den anderen Frauen. In ihrer Abwesenheit hatten die beiden anderen miteinander geschwätzt und als sie zurückkam, fragten sie, ob es ihr gelungen sei, ihre Gefährtin zu verschönern, und Ta-ku-ka nickte mit dem Kopf.
Daraufhin sagten die beiden Frauen: »Wir wollen dir auch Geschenke geben, wenn du uns schön machen willst.« Sie war damit einverstanden. Dann gingen sie alle zum Haus der toten Frau und Ta-ku-ka sagte zu ihren Begleiterinnen: »Stört eure Freundin nicht, sie schläft jetzt, und damit nichts ihre Schönheit beeinträchtigt, ist ihr Gesicht zugedeckt. Wenn sie aufwacht, wird sie sehr schön sein.« Darauf brachte sie dann die beiden anderen Frauen, wie die erste um und sagte, wie sie sie niederhielt: »Ihr werdet auch sehr schön sein.« Sie fertigte nun aus Stäben drei Gestelle an und stellte sie, wo die Frauen am Abend vorher an der Küste getanzt hatten, aufrecht in den Sand und legte die Kleider der Toten darüber, sodaß man auf die Entfernung glauben konnte, sie stünden dort. Dann nahm sie das Fell eines roten Bären und ging zu ihrem Versteck in den Felsen zurück. Es wurde Abend und der Jäger kam, wie in der vorigen Nacht, singend zurück. Es drang zwar keine Antwort zu ihm, aber er glaubte doch, seine Weiber an der Küste stehen zu sehen, obwohl auf sein Loblied keine Antwort kam. Er wurde ärgerlich und hielt mit seinem Gesang inne. Dann begann er sie zu schelten und beschimpfen, aber noch immer blieben sie stumm. Nachdem er gelandet, lief er auf die schweigenden Gestalten zu und dann ins nächste Haus. Dort und im nächsten fand er nichts, aber im dritten sah er seine Weiber tot daliegen und Ta-ku-ka hörte die Schmerzensschreie, die er ausstieß, als er das sah.
Rasend stürzte Pi-tikh-cho-lik aus dem Haus; vor Trauer klagend und aus Ärger schrie er: »Wenn irgendwelche böse Geister das getan haben, so fürchte ich mich gar nicht vor ihnen; sie sollen nur kommen und versuchen auch an mir Rache zu nehmen; ich hasse und verachte sie!« Alles blieb ruhig. »Wenn irgend ein Rachegeist, Mensch oder Tier, das getan hat, so soll er nur aus seinem Versteck herauskommen und«, so brüllte er, »es wagen, einem Mann Trotz zu bieten, der ihm das Herz herausreißen und sein Blut trinken wird! Oh, elendiger Nichtsnutz!«
Wie zur Antwort darauf hörte er vom Hügel her ein tiefes Gebrumm und sah dort einen roten Bären aufrecht auf seinen Hinterfüßen stehen und seinen Körper vor- und zurückneigen. Das war Ta-ku-ka, die sich ins Bärenfell eingewickelt, und um sich vor Pfeil- oder Speerwunden zu schützen, darunter an jede Körperseite flache Steine gelegt hatte.
Pi-tikh-cho-lik sah sie und glaubte, es sei wirklich ein Bär und begann alle Schimpfnamen, die er sich nur ausdenken konnte, zu rufen, während er rasch einen Pfeil auf den Bogen legte und ihn losschoß. Der Pfeil traf auf einen der Steine und fiel unschädlich herab; der Bär wandte ihm die andere Seite zu. Wieder schoß er einen gutgezielten Pfeil ab und wieder war er wirkungslos. Da rutschte der Bär den Abhang zu ihm herunter und als Pi-tikh-cho-lik dem Bären den Speer in die Flanke stieß, zerbrach er ihm in der Hand. In ein paar Augenblicken hatte der Bär ihn leblos niedergeworfen, ihm das Herz herausgerissen und es aufgefressen. Daraufhin schien die Raserei, die Ta-ku-ka ergriffen hatte, sie zu verlassen und ihre besseren Gefühle kamen wieder zurück. Sie versuchte das Bärenfell abzustreifen, aber es saß so fest an ihr, daß es ihr nicht gelang.
Auf einmal erinnerte sich Ta-ku-ka ihrer Kinder zuhause; sie nahm von der Hügelspitze ihren Korb mit den Beeren und machte sich nach ihrer Wohnung auf den Weg. Als sie so dahinging, bekam sie plötzlich Angst vor ihrem merkwürdigen Blutdurst, in den sich Gedanken an ihre Kinder mischten. Sie lief weiter, kam endlich zum Haus und lief hinein. Die beiden Kinder schliefen, und als sie Ta-ku-ka sah, überkam sie wieder unbezähmbare Blutgier und sie riß sie augenblicklich in Stücke. Dann ging sie hinaus und schweifte im Land umher, voll Gier, einen jeden, der ihr entgegenkam, umzubringen.
Bis dahin waren die roten Bären harmlos gewesen, aber Ta-ku-ka pflanzte ihnen ihre eigene Leidenschaft ein, sodaß sie seither ganz wild geworden sind. Zuletzt kam sie an den Kuskokwimfluß und wurde von einem Jäger getötet, dessen Pfeil doch einen Weg durch einen Sprung in einem der Steine an ihrer Seite gefunden hatte.
Der rote Bär
In der Tundra südlich der Yukonmündung lebte einst ein Waisenknabe mit seiner Tante. Sie waren ganz allein und eines Sommertags nahm der Knabe seinen Kajak und fuhr weg, um zu sehen, wo die Leute am Yukon lebten, von denen er gehört hatte. Als er an den Fluß kam, fuhr er ihn hinauf, bis er ein großes Dorf erreichte. Dort legte er an und die Bewohner liefen hinunter zur Küste, packten ihn, brachen sein Kajak in Stücke, rissen ihm die Kleider vom Leib und schlugen ihn fürchterlich.