Nicht lang danach ging diese, da sie Mangel an Nahrung hatte, hinaus aufs Meereis um zu sehen, ob sie nicht ihren Sohn treffen könnte und sie erkannte ihn auch bald als den einen von zwei Bären, die miteinander dalagen. Er lief zu ihr und sie patschte ihm in ihrer altgewohnten traulichen Art auf den Kopf, verriet ihm ihre Wünsche und bat ihn wegzueilen und etwas für sie zu bringen. Der Bär lief davon und wenige Augenblicke darauf sah die Frau einen fürchterlichen Kampf zwischen ihm und seinem früheren Gefährten, der zu ihrer großen Beruhigung bald damit endete, daß ihr Sohn einen leblosen Körper vor ihre Füße zerrte. Mit ihrem Messer häutete sie rasch den toten Bären ab, gab ihrem Sohn große Speckscheiben und sagte ihm, sie werde bald zurückkommen, um das Fleisch, das sie nicht auf einmal nach Hause bringen könne, zu holen und wenn es ihr wieder an Nahrung mangle, werde sie wieder kommen. Das tat sie denn auch noch lange, lange Zeit. Der treue Bär half ihr immer und genoß der gleichen Liebe, wie in seiner Jugend.

Der rote Bär Ta-ku-ka

An der Küste, dort ungefähr, wo heute Pikmiktalik liegt, lebte ein Eskimojäger namens Pi-tikh-cho-lik mit seiner Frau Ta-ku-ka. Damals waren die Berge von großen Renntierherden bevölkert und die See war voll von Seehunden und Fischen, so daß Pi-tikh-cho-lik eine Menge Nahrung und Felle nach Hause brachte.

Eines schönen Sommerabends stand Ta-ku-ka an der Küste und wartete auf die Rückkehr ihres Gatten. Obwohl er ihr auseinandergesetzt hatte, daß sich die Renntiere weiter in die Berge zurückgezogen hatten und die Seehunde nur noch weit draußen im Meer zu finden seien, war sie doch besorgt und unruhig, da er länger als bei seinen sonstigen Jagdausflügen fortblieb.

Nach einiger Zeit ging Ta-ku-ka ins Haus, um nach ihren Kindern zu sehen; als sie dann wieder herauskam, war ihr Mann gerade dabei, seinen Kajak auf das Gestell neben dem Haus zu stellen.

Sie stellte an ihn, wegen seines langen Ausbleibens, eine Menge Fragen, er antwortete aber verdrießlich, daß er weit aufs Meer hinausgefahren und so lange ausgeblieben sei, weil er ohne Beute nicht zurückkommen wollte. Sie gingen ins Haus und Ta-ku-ka setzte ihm verschiedene Lieblingsgerichte vor, aber er aß nur wenig und war überhaupt traurig und mißmutig. Seine Frau drang in ihn, ihr doch den Grund seiner üblen Laune zu sagen; schließlich sagte er: »Wenn du durchaus den Grund meiner Kümmernisse wissen willst, so höre ihn also: ich fühle, daß ich sterben muß und der dritte Tag von heute an wird mein Todestag sein.«

Darauf fing Ta-ku-ka bitterlich zu weinen an, er tröstete sie aber und sagte: »Weine nicht und mach mich nicht noch unglücklich, solange ich noch bei dir bin, sondern höre meine letzten Wünsche. Wenn ich gestorben bin, mußt du meinen Kajak ins Wasser stellen und an der Küste verankern; dann lege mein Ruder, meine Speere und Schnüre auf ihren gehörigen Platz hinein. Kleide dann meinen Körper in die wasserdichte Jacke und setz mich in den Kajak und binde die Jacke am Rand des Mannloches fest, wie ich es immer getan, wenn ich aufs Meer hinausfuhr. Stelle dann noch drei Tage hindurch jeden Abend Fische, Renntierspeck und Beeren vor mich, damit mein Schatten zufrieden gestellt wird. Versprichst du mir das?« Ta-ku-ka versprach es und weinte still. Pi-tikh-cho-lik verließ das Haus nicht mehr und starb am dritten Tage. Da weinte Ta-ku-ka sehr, tat aber, wie ihr befohlen war. Jeden Morgen sah sie, daß der Schatten gegessen hatte, denn alle Speisen vor dem Körper waren weg. Als sie am vierten Tag an den Strand ging, um wie gewöhnlich ihren Toten zu beklagen, war der Kajak mit all seinem Inhalt verschwunden. Da warf sie sich zu Boden und blieb in ihrem Schmerz lange so liegen, schließlich erinnerte sie sich aber ihrer Kinder und ging wieder ins Haus, um nach ihnen zu sehen. Nun arbeitete Ta-ku-ka viel, sie sammelte Beeren, fing Fische und trocknete sie, um für den Winter einen Vorrat anzulegen.

Als sie so eines Tages Beeren klauben ging, entfernte sie sich weit vom Haus und kam auf den Gipfel eines Hügels. Sie überschaute von da die Gegend und sah noch weit entfernt Rauchwolken vom Boden aufsteigen. Es war das erste Zeichen, das sie je von anderen Leuten gesehen und sie beschloß hinzugehen, um zu sehen, was für Menschen dort seien. Nach einiger Zeit kam sie näher an die Stelle heran und kroch vorsichtig auf den Kamm eines zum Meer steil abfallenden, landeinwärts aber sanft geneigten Hügels. Hart am Wasser lagen drei Häuser und aus dem einen stieg der Rauch, den sie gesehen hatte.

Hier wartete Ta-ku-ka ruhig, um zu sehen was für Leute da wären; bald kam eine Frau heraus, hob eine Hand vor die Augen und blickte hinaus aufs Meer. Dann lief sie zurück ins Haus und rief irgend jemanden drinnen etwas zu. Nun kamen noch zwei andere Frauen heraus und alle gingen hinunter an den Rand des Wassers; dort stimmten sie ein Liebeslied an und tanzten am Sandstrand. Ta-ku-ka hatte die Frauen und ihre schönen Fellkleider so aufmerksam betrachtet, das sie nichts anderes bemerkte; jetzt aber traf leise der angenehme Ton einer singenden Männerstimme ihr Ohr und ihr Herz schlug höher. Über die Frauen hinweg sah sie einen Mann in seinem Kajak langsam der Küste zusteuern. Er sang und warf spielend seinen Seehundsspeer vor sich und hob ihn, wenn er daran vorbei kam, wieder auf.

Wie er näher kam, erkannte Ta-ku-ka in seinem Gesang ein Lied, das in früheren Tagen Pi-tikh-cho-lik ihr vorzusingen pflegte. Der Kajakmann landete nun und die Frauen empfingen ihn mit Freudenrufen. Ta-ku-ka wollte kaum ihren Augen traun, als sie sah, daß der Mann wirklich ihr Gatte war, den sie für tot gehalten. Er ging mit den Frauen ins Haus und da empfand Ta-ku-ka ein früher nie gekanntes, merkwürdig grimmes Gefühl im Herzen. Sie stand am Hügelrand und lauschte bis tief in die Nacht hinein dem Gesang und Gelächter, das aus dem Haus zu ihr drang.