Nachdem nun der Adler gefallen war, begab sich der Jüngling zum Haus des Zauberers und der Knabe schrie ihn an: »Geh nicht dorthin, du wirst umgebracht werden!« Daraufhin entgegnete ihm der Wanderer: »Ich habe keine Angst, ich will das Weib dort drinnen sehen und ich muß jetzt hingehen, denn ich bin wütend und wenn ich bis morgen warte, wird mein Ärger verflogen sein und ich werde nicht so stark sein wie jetzt.« »Du tätest besser daran, bis morgen zu warten«, sagte der Knabe, »denn es bewachen zwei Bären den Eingang und die werden dich sicherlich umbringen. Aber wenn du durchaus willst, so geh und laß dich umbringen. Ich wollte dich nur retten und will nun nichts mehr mit dir zu tun haben.« Und ärgerlich ging der Knabe ins Haus zurück. Der Jüngling ging nun zum Haus und bemerkte, als er in den Eingangsflur hineinsah, dort einen großen weißen Bären schlafend liegen. Er schrie ihn an: »Ah, Weißbär!« worauf dieser aufsprang und auf ihn zulief. Der junge Mann sprang nun auf die Decke des Eingangsflurs und als der Bär hinter ihm herauslief, stieß er ihm seinen Speer ins Hirn, daß er tot zusammenbrach. Den Körper wälzte er nun beiseite, sah wieder hinein und erblickte einen roten Bären dort liegen. Wieder rief er: »Ah, Rotbär!« Der rote Bär rannte ihm nach und er sprang wieder auf seinen vorigen Platz. Als der rote Bär draußen war, schlug er mit seiner Vorderpratze nach ihm; da packte der Jüngling die Pratze mit der Hand und schwang den Bären über seinem Kopf und schlug ihn gegen den Boden, bis nichts mehr von ihm übrig war, als die linke Pratze. Die warf er weg und ging nun ohne weitere Schwierigkeiten ins Haus. An der einen Hauswand saß ein alter Mann und eine alte Frau und an der gegenüberliegenden, ein schönes junges Weib, dessen Antlitz er in seinen Träumen gesehen hatte und die der Anlaß zu seiner langen Fahrt gewesen war. Sie weinte, als er hereinkam; er ging auf sie zu, setzte sich neben sie und sagte: »Warum weinst du? Was hast du verloren, daß du danach weinst?« Sie antwortete: »Du hast meinen Mann umgebracht, aber deswegen bin ich nicht traurig, denn er war ein schlechter Mann. Aber du hast auch die beiden Bären getötet, die meine Brüder waren und um die traure und weine ich.« »Weine nicht«, sagte er, »denn ich will dein Gatte sein.« Er blieb nun eine Zeitlang da, nahm dieses Weib zu seiner Frau und lebte in dem Haus zusammen mit ihren Eltern. Jede vierte Nacht schlief er im Festhaus und die übrige Zeit zu Hause.

Nachdem er einige Zeit hier gelebt hatte, fiel ihm auf, daß seine Frau und ihre Eltern immer trauriger wurden und sehr oft weinten. Dann sah er Dinge vor sich gehen, die ihn glauben machten, sie sännen darauf ihm etwas anzutun. Als er sich hierüber Gewißheit verschafft hatte, ging er eines Tags nach Hause, legte seiner Frau die Hand auf die Stirne, drehte ihr Gesicht zu sich herum und sagte: »Ihr wollt mich umbringen, du treuloses Weib; zur Strafe sollst du sterben!« Dann nahm er sein Messer und schnitt ihr den Hals durch. Traurig ging er nun zurück in sein Heimatsdorf, wo er nachdem die Erinnerung an sein treuloses Weib verblaßt war, wie früher, bei seinen Eltern lebte. Er nahm aus den Jungfrauen des Dorfes eine zur Frau und verlebte mit ihr glücklich den Rest seiner Tage.

Das Land der Finsternis

Vor langer Zeit lebte auf der Insel Aziak ein Mann mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Der Mann liebte seine Frau sehr, war aber so eifersüchtig auf sie, daß er sie sehr oft ohne Grund schlecht behandelte. Nach einiger Zeit wurde die Frau so unglücklich, daß sie lieber sterben, als noch länger mit ihm zusammenleben wollte. Sie ging zu ihrer Mutter, die in der Nähe lebte und trug ihr ihren ganzen Kummer vor. Die alte Frau hörte die Klagen an und gab dann der Tochter den Rat, ein Seehundsfell zu nehmen und es mit der Losung von drei Schneehühnern und drei Füchsen einzureiben; dann sollte sie eine Holzschüssel mit Speisen füllen, das Kind auf den Rücken nehmen und zu ihrem Mann zurückgehen; es werde vielleicht alles wieder gut werden.

Sie tat, wie ihr geraten war und ging dann an die Küste hinunter, ihrem Mann entgegen. Als er in Rufweite kam, fing er wieder, wie gewöhnlich, an, sie zu schmähen und zu beschimpfen und befahl ihr, sofort nach Hause zu gehen; sowie er heimkomme, werde er sie prügeln. Als das arme Weib das hörte, lief sie an den steilen Rand des überhängenden Ufers und warf ihr Seehundsfell ins Wasser, gerade als ihr Mann seinen Kajak an den Strand zog, und sprang ihm nach. Der Mann sah dem erschrocken zu und lief schnell auf einen Hügel, um zu sehen, was mit seiner Frau geschehen sei. Er sah sie auf dem ausgebreiteten Seehundsfell, das an jeder Ecke von einer Blase getragen wurde, sitzen und rasch von der Küste wegtreiben. Als die Frau ins Meer gesprungen war, hatte sich das Seehundsfell ausgebreitet und an jedem Ende war ein Schwimmer erschienen; es fing sie auf und hielt sie unversehrt an der Oberfläche. Gleich darauf begann sie fortzutreiben, ein Sturm erhob sich und die Nacht brachte sie ihrem Mann außer Sicht. Der ging schimpfend nach Hause und machte alle, nur nicht sich selbst, für seinen Verlust verantwortlich.

Weiter und weiter trieb die Frau auf dem Zauberfell und mehrere Tage hindurch war kein Land zu sehen. Sie hatte schon ihren ganzen Mundvorrat verbraucht und trieb noch immer weiter, bis sie in ununterbrochene Nacht hineinkam. Nach einiger Zeit war sie dann so erschöpft, daß sie einschlief. Dann weckten sie einige heftige Stöße und sie konnte die Brandung an einer steinigen Küste hören. Sie vergegenwärtigte sich ihre Lage und fing an, ihre Rettung zu bedenken. Sie stieg von ihrem Seehundsfell herunter und bemerkte mit Freuden, daß sie auf einem Grund aus lauter kleinen, runden Dingern stand, in dem ihr Fuß bei jedem Schritt tiefer sank. Die runden Dinger machten sie stutzig, sodaß sie stehen blieb und zwei Hände voll davon aufhob und in ihre Eßschüssel legte; dann ging sie in tiefer Finsternis langsam weiter. Sie war noch nicht weit gegangen, da stieß sie auf ein Haus. Sie tastete sich die Wände entlang, fand den Eingang und trat ein. Der Eingangsflur war von einer Fettlampe matt erhellt, sodaß man an der einen Wand viele aufgestapelte Renntierfelle erkennen konnte; an der anderen lagen Fleischstücke und Schläuche mit Wal- und Seehundsfett. Als sie den Innenraum betrat, brannten da zwei Lampen, je eine an einer Seite des Raumes; es war aber niemand drinnen. Über einer der Lampen hing ein Stück Seehundsspeck und über der anderen ein Stück Renntierspeck; von diesen tropfte das Fett herab und unterhielt die Flammen. In einer Ecke war eine Bettstatt aus Renntierfellen.

Sie ging also da hinein, setzte sich nieder und wartete, was nun geschehen werde. Endlich hörte sie ein Geräusch im Eingang und ein Mann sagte: »Ich wittere fremde Menschen.« Dann kam er herein und die Frau erschrak sehr, denn seine Hände und sein Gesicht waren kohlschwarz. Er sagte nichts, sondern ging durch den Raum, geradewegs auf sein Bett zu; dort entblößte er seinen Oberkörper, nahm einen Wassereimer und wusch sich. Als die Frau sah, daß seine Brust so weiß wie ihre eigene war, atmete sie erleichtert auf. Als sie so dasaß, sah sie, wie von einer unsichtbaren Person plötzlich eine Schüssel mit gekochtem Fleisch hereingestellt wurde; der Mann legte zuerst seinem Gast vor und nahm dann selbst sein Mahl ein. Als sie gegessen hatten, fragte er, wie sie hergekommen und sie erzählte ihm ihre Geschichte. Er sagte, sie solle sich nicht unglücklich fühlen, ging hinaus und brachte einige Renntierfelle herein, damit sie daraus für sich und ihr Kind, das sie die ganze Zeit über unversehrt am Rücken getragen hatte, Kleider mache. Als sie einwandte, sie habe keine Nadel, brachte er ihr eine kupferne, die ihr sehr gut gefiel, denn bis dahin hatte sie nur beinerne gesehen.

Einige Zeit lebten sie nun so dahin, bis ihr der Mann erklärte, daß es doch besser für sie wäre, statt so allein weiterzuleben, seine Frau zu werden. Sie willigte ein. Der Gemahl verbot ihr dann noch, aus dem Haus zu gehen und sie lebten beschaulich zusammen.

Als ihr kleiner Bub eines Tages herumspielte, schrie er plötzlich vor Vergnügen auf, und wie sie sich nach ihm umwandte, bemerkte sie, daß er die Dinger ausgestreut hatte, die sie in ihre Schüssel getan, als sie die Küste betreten hatte. Es waren große schöne, blaue Perlen.

Nach einiger Zeit gebar sie einen hübschen Knaben, in den ihr Mann ganz vernarrt war und er versicherte ihr, er werde zu ihm sehr zärtlich sein. So lebten sie mehrere Jahre und mit der Zeit wuchs der Knabe, den sie mitgebracht hatte, zum Jüngling heran. Sein Pflegevater machte ihm Bogen und Pfeile und nachdem der Junge einige Vögel damit getötet hatte, erlaubte er ihm, ihn bei der Jagd zu begleiten. Eines Tages tötete der Junge zwei Hasen und brachte sie nach Hause; sie waren wie alle Vögel und Tiere dieses Landes ganz schwarz. Sie wurden abgezogen, ausgenommen und kurz darauf frisch gekocht, noch dampfend, wie es immer mit den Speisen geschah, in einer Holzschüssel zur Tür hereingestellt. Diesmal bemerkte die Frau zum erstenmal, daß zwei Hände die Schüssel hereinstellten.