Das ging ihr im Kopf herum, bis sie Verdacht schöpfte, ihr Gemahl sei ihr nicht ganz treu; sie bemerkte, daß irgend etwas sie beunruhige und fragte den Mann, was das sei. Er setzte sich nieder und dachte kurz nach; dann fragte er, ob sie nicht zu ihren Freunden zurück wollte. Sie entgegnete, es sei unnütz, etwas zu wünschen, was sie nicht tun könne. Darauf sagte er: »Gut, höre also meine Geschichte: Ich bin aus Unalaklit, wo ich eine schöne Frau hatte, die ich sehr liebte. Sie war aber von schlimmer Gemütsart und plagte mich so, daß ich mutlos und verzweifelt wurde. Ich war früher ein guter und erfolgreicher Jäger und konnte nun nichts mehr erreichen. Eines Tages paddelte ich in meinem Kajak weit aufs Meer hinaus, voll trüber Gedanken. Da überraschte mich ein Sturm und ich konnte die Küste nicht mehr erreichen. Der starke Wind trieb mein Kajak so fürchterlich durchs Wasser, daß ich schließlich die Besinnung verlor und mich nun an nichts mehr erinnern kann, als daß ich mich schließlich zerschlagen und lahm an der Küste fand, wo auch du angeworfen wurdest. Neben mir war eine Schüssel mit Speisen, die irgend jemand dahin gestellt haben muß und ich machte mich auf den Weg, um die Leute zu suchen, konnte aber niemand finden. So oft ich hungrig war, wurden Speisen hingestellt und meine Wünsche befriedigt, aber undurchdringliches Dunkel verbarg mir alles. Ich konnte keine Menschen finden. Als sich meine Augen an die ewige Finsternis gewöhnt hatten, so daß ich ein wenig sehen konnte, baute ich dies Haus und lebte von da an hier und der Geist, den du gesehen, bringt mir Nahrung und sorgt für mich. Dieser Geist hat für gewöhnlich die Gestalt eines großen Galertfisches und so oft ich auf die Jagd gehe, sichert mir dieses Wesen meine Beute. Ich gewöhnte mich mit der Zeit an die Finsternis, aber weil ich ihr immer ausgesetzt bin, sind meine Hände und mein Gesicht so schwarz geworden, wie du siehst und das ist auch der Grund, warum ich dir befohlen habe, das Haus nicht zu verlassen.«

Dann befahl ihr der Gatte, ihm zu folgen und er führte sie in den Eingangsflur des Speichers, der voll von Fellen war, und öffnete dann eine andere Tür zu einem Raum, der mit schönen Pelzen seltenster Art angefüllt war. Er trug ihr nun auf, die Ohrspitzen dieser Felle zu nehmen und sie zusammen mit den Perlen, die sie an der Küste gefunden, in die Schüssel zu legen; sie tat das alles. Dann sagte der Mann: »Du willst dein altes Heim sehen und ich will auch meine alten Freunde sehen und so wollen wir uns also trennen. Nimm deinen Buben auf den Rücken, schließ die Augen und mach vier Schritte!« Sie tat so, wie er ihr befohlen und als sie die Augen öffnete, mußte sie sie gleich wieder schließen, denn sie war vom hellen Sonnenschein ganz geblendet. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, blickte sie herum und war sehr erstaunt, ganz in der Nähe ihr altes Heim zu sehen. Sie ging gleich zur Vorratskammer ihrer Mutter und stellte dort die Schüssel mit den Ohrspitzen und den Perlen, die sie mitgebracht hatte, nieder. Dann trat sie ins Haus und wurde freudig empfangen. Die Neuigkeit ihrer Ankunft verbreitete sich rasch im ganzen Dorf. Bald kam auch ihr früherer Gatte und voll Mitleid sah sie, daß seine Augen vom vielen Weinen, um sie, ganz rot waren. Er bat sie, ihm doch zu verzeihen, daß er früher gegen sie so mürrisch gewesen war und versprach, wenn sie wieder als seine Frau zu ihm zurückkehre, sie freundlich zu behandeln. Sie dachte lange darüber nach, willigte dann schließlich ein und lebte eine Zeitlang ganz zufrieden mit ihm. Mit der Zeit aber kamen seine alten Gewohnheiten wieder zum Vorschein und die Frau wurde unglücklich.

Ihr Sohn wurde ein junger Mann und die Mutter zeigte ihm die Perlen, die sie aus dem Land der Finsternis mitgebracht hatte und einen großen Haufen wertvolle Felle, denn jede Ohrspitze, die sie heimgebracht hatte, war inzwischen ein vollständiges Fell geworden. Das alles schenkte sie ihrem Sohn, ging dann fort und wurde von den ihrigen nie mehr gesehen. Ihr Sohn wurde später wegen seiner Erfolge als Jäger und seines Reichtums an Perlen und Pelzen, die ihm seine Mutter geschenkt hatte, der Häuptling des Dorfes. –

Die entflohenen Weiber

Vor langer Zeit zankten sich zwei schwangere Frauen mit ihren Männern und verließen ihre Familien und Freunde, um allein zu leben. Nachdem sie weit gewandert waren, kamen sie an einen Platz, Igdluqdjuaq genannt, wo sie zu bleiben beschlossen. Es war Sommer als sie ankamen. Sie fanden viel Rasen und Torf und große Walrippen, die am Strande bleichten. Sie errichteten ein festes Gerüst aus Knochen und füllten die Zwischenräume mit Rasen und Torfstücken aus. So hatten sie bald ein gutes Haus, in dem sie leben konnten. Um Felle zu bekommen, machten sie Fallen, in denen sie genug Füchse fingen, um sich daraus Kleider zu machen. Manchmal fanden sie die Leichen gestrandeter Seehunde oder Wale, die an die Küste gespült waren; von diesen aßen sie das Fleisch und verbrannten den Speck. In der Nähe der Hütte war auch ein tiefer, schmaler Renntiersteig; über diesen spannten sie einen Strick, und wenn die Tiere vorübereilten, verwickelten sie sich darin und erwürgten sich selbst. Außerdem war noch ein Bach mit Fischen in der Nähe des Hauses und so waren sie mit reichlicher Nahrung versehen.

Im Winter kamen die Väter der Frauen auf der Suche nach den verlorenen Töchtern. Als diese den Schlitten herankommen sahen, fingen sie an zu schreien, daß sie durchaus nicht gesonnen seien zu ihren Gatten zurückzukehren. Die Männer waren froh sie wohlauf zu finden und nachdem sie zwei Nächte im Haus ihrer Töchter geblieben waren, kehrten sie heim, wo sie die ganz merkwürdige Geschichte erzählten, daß zwei Frauen, ohne jegliche männliche Gesellschaft allein leben und nie Mangel leiden.

Obwohl das schon vor langer Zeit geschehen, kann man das Haus noch sehen und daher ist der Ort auch Igdluqdjuaq – das reiche Haus – benannt.

Kiviung

Eine alte Frau lebte mit ihrem Enkel in einer kleinen Hütte. Sie war sehr arm, hatte weder einen Gatten noch einen Sohn, der für sie gesorgt hätte. Die Kleider des Knaben waren aus den Bälgen von Vögeln, die sie in Schlingen fingen. Wenn der Knabe aus der Hütte kam, lachten ihn die Männer aus und zupften an seinem Gewand herum. Nur ein Mann, der Kiviung hieß, war freundlich zu dem kleinen Knaben; aber vor den anderen konnte er ihn nicht schützen. Der Knabe kam oft schreiend und weinend zu seiner Großmutter, die ihn dann immer tröstete und ihm ein neues Gewand machte. Sie bat die Männer doch aufzuhören, den Knaben zu quälen und seine Gewänder zu zerreißen, aber die wollten nicht auf ihre Bitten hören. Schließlich wurde sie ärgerlich und schwur an seinen Lästerern Rache zu nehmen, was sie leicht tun könne, da sie eine große Zauberin sei.

Sie befahl ihrem Enkel in eine Pfütze, die am Boden der Hütte war, hineinzusteigen und erklärte ihm, was dann geschehen werde und wie er sich benehmen sollte. Sobald der Knabe im Wasser stand, öffnete sich die Erde und er verschwand; im nächsten Augenblick aber stieg er nahe der Küste als ein einjähriger Seehund mit einem schönen Fell auf und schwamm munter herum.