Kaum hatten die Männer den Seehund gesehen, als sie auch schon ihre Kajaks bestiegen, um auf das schöne Tier Jagd zu machen. Der verwandelte Knabe aber schwamm, wie seine Großmutter ihm gesagt hatte, rasch weg und die Männer verfolgten ihn weiter. So oft er auftauchen mußte um zu atmen, suchte er hinter den Kajaks hervorzukommen, wo ihm die Männer mit ihren Harpunen nicht beikommen konnten. Dort spritzte und platschte er dann herum, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bevor aber einer seinen Kajak wenden konnte, war er wieder getaucht und schwamm davon. Die Männer waren so eifrig an der Verfolgung, daß sie gar nicht bemerkten, daß sie sich weit von der Küste entfernt hatten und das Land schon gar nicht mehr zu sehen war.

Plötzlich erhob sich ein Sturm; die See schäumte und brauste und die Wellen zerschlugen die schwachen Fahrzeuge oder warfen sie um. Nachdem alle ertrunken zu sein schienen, wurde der Seehund wieder in den Knaben zurückverwandelt, der, ohne seine Füße zu benetzen, nach Hause ging. Es war jetzt niemand mehr, der seine Kleider zerreißen konnte, alle seine Peiniger waren tot.

Nur Kiviung, der ein großer Zauberer war und den Knaben niemals mißhandelt hatte, war Wind und Wogen entkommen. Tapfer kämpfte er gegen die wilde See an, aber der Sturm nahm nicht ab. Nachdem er viele Tage auf der weiten See herumgetrieben, schien eine dunkle Masse durch den Nebel. Seine Hoffnung lebte wieder auf und er arbeitete hart um das vermutete Land zu erreichen. Je näher er kam, desto aufgeregter wurde aber die See und er sah jetzt, daß er ein wildes, schwarzes Meer mit rasenden Wirbeln für Land gehalten hatte. Er entkam gerade noch und trieb wieder viele Tage, aber der Sturm flaute nicht ab und er sah kein Land. Noch einmal sah er eine dunkle Masse durch den Nebel scheinen und hatte sich wieder getäuscht, denn es war ein anderer Wirbel, der die See zu riesenhaften Wogen aufpeitschte.

Schließlich beruhigte sich der Sturm, der Seegang legte sich und in großer Entfernung sah er das Land. Allmählich kam er näher und der Küste folgend, erspähte er endlich ein Steinhaus, aus dem ein Licht schimmerte. Er landete und betrat das Haus. Es war niemand darin, als eine alte Frau, die Arnaitiang hieß. Sie nahm ihn freundlich auf und auf seine Bitte hin zog sie ihm die Stiefel, Pantoffel und Strümpfe aus und trocknete sie auf dem Gestell, das über der Lampe hing. Dann ging sie hinaus, um Feuer anzufachen und ein gutes Mahl zu kochen.

Als die Strümpfe trocken waren, reckte sich Kiviung, um sie vom Gestell zu nehmen und anzuziehen, aber sowie er seine Hand danach ausstreckte, wich das Gestell seinem Griff aus. Nachdem er so mehrere Male ins Leere gegriffen, rief er Arnaitiang und bat sie ihm die Strümpfe zurückzugeben. Sie antwortete aber: »Nimm sie selbst; dort sind sie, sie sind ja dort!« und ging wieder hinaus. In Wirklichkeit war sie ein sehr böses Weib und wollte Kiviung verspeisen.

Er griff nochmals nach seinen Strümpfen, aber ohne besseren Erfolg. Er rief also wieder nach der Arnaitiang und bat sie ihm seine Stiefel und Strümpfe zu geben, worauf sie sagte: »Setz dich dorthin wo ich saß, als du in mein Haus tratst, dann kannst du sie erreichen.« Danach ging sie wieder hinaus. Kiviung griff nochmals, aber das Gestell hob sich wie früher und er konnte sie nicht erlangen.

Jetzt sah er ein, daß Arnaitiang auf Unheil sann; er rief also seinen Schutzgeist an, einen ungeheuren weißen Bären, der sich brüllend von unten her zum Boden des Hauses erhob. Zuerst hörte Arnaitiang nichts; als aber Kiviung fortfuhr ihn zu beschwören, kam der Geist näher und näher an die Oberfläche und als sie jetzt sein lautes Gebrüll hörte, bekam sie Angst und gab Kiviung was er verlangte. »Hier sind deine Stiefel«, schrie sie, »hier deine Pantoffel, hier deine Strümpfe; ich will dir helfen, zieh dich an.« Kiviung wollte aber nicht länger bei dieser schrecklichen Hexe bleiben, zog nicht einmal seine Stiefel an, sondern nahm sie nur von Arnaitiang und stürzte aus der Tür. Er war kaum draußen, als sie heftig zuschlug und seinen Rockzipfel einklemmte. Er eilte, ohne sich umzusehen, zu seinem Kajak und ruderte weg. Er war noch nicht weg, als Arnaitiang, die sich von ihrer Angst erholt hatte, ein blankes Frauenmesser schwingend, herauskam, um ihn zu töten. Er hätte fast Angst bekommen und beinahe wäre sein Kajak gekentert. Er arbeitete, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hob dabei seinen Speer und schrie: »Ich werde dich mit meinem Speer umbringen!« Als Arnaitiang diese Worte hörte, fiel sie vor Schreck nieder und zerbrach dabei ihr Messer. Kiviung bemerkte, daß es aus einer ganz dünnen Eisplatte bestand.

Er reiste, der Küste folgend, viele Tage und Nächte weiter. Schließlich kam er an eine Hütte, aus der wieder eine Lampe schien. Da seine Kleider naß waren und er selbst hungrig, landete er und betrat das Haus. Hier fand er eine Frau, die mit ihrer Tochter ganz allein lebte. Ihr Schwiegersohn war ein Treibholzklotz mit vier Ästen. Jeden Tag brachten sie ihn zur Ebbezeit an den Strand und wenn die Flut kam, schwamm er weg. In der Nacht kam er dann zurück mit acht großen Seehunden, immer zwei auf einen Ast gespießt. So versorgte der Baumstamm seine Frau, ihre Mutter und Kiviung reichlich mit Nahrung. Eines Tages aber, nachdem sie ihn wie gewöhnlich vom Stapel gelassen, verschwand er und kam nie mehr zurück.

Bald darauf heiratete Kiviung die junge Witwe. Jetzt ging er selbst jeden Tag Seehunde jagen und hatte viel Erfolg. Als er einmal einige Tage auszubleiben gedachte, war er besorgt einen genügenden Vorrat von Fäustlingen zu bekommen. Er gab also jeden Abend, wenn er von der Jagd heimkam, vor, seine Fäustlinge verloren zu haben. In Wirklichkeit hatte er sie in der Kapuze seines Mantels versteckt.

Nach einiger Zeit wurde die alte Frau auf ihre Tochter eifersüchtig, denn der neue Gatte war ein glänzender Jäger und sie wollte ihn selbst heiraten. Als er eines Tages auf der Jagd war, ermordete sie ihre Tochter und um ihn zu täuschen, zog sie sich die Pelze der Tochter selbst an, um sich in ein junges Weib zu verwandeln. Als Kiviung zurückkam, ging sie ihm, wie die Tochter zu tun pflegte, entgegen, ohne in ihm irgend einen Verdacht zu erregen. Als er aber in die Hütte trat und die Gebeine seiner Frau sah, bemerkte er auf einmal ihren grausamen Tod und den Betrug und floh davon.