Dem Nörz wars recht und so brach er am nächsten Morgen auf; der Rabe verfertigte indessen einen kurzen, runden Stab und bemalte ihn an dem einen Ende mit zwei Ringen. Nachdem das getan war, sammelte er einen großen Ballen klebriges Rottannen-Harz und legte das mit dem Stab zusammen ins Haus.
Der Nörz kam bald zurück und meldete dem Raben, daß morgen sehr viele Seebewohner zum Fest kommen würden. Der Rabe sagte: »Danke!« Früh am nächsten Morgen rief der Nörz den Raben heraus und zeigte aufs Meer, dessen Oberfläche ganz voll von den verschiedensten Seehundsarten, die alle zum Fest kamen, war. Der Rabe ging ins Haus zurück, während der Nörz hinunter ans Wasser ging, um die Gäste zu empfangen und sie zum Haus zu führen.
Sowie jeder Seehund ans Land kam, hob er seine Maske und wurde ein kleiner Mann und alle gingen ins Haus, bis es voll war. Der Rabe sah die Gäste und rief: »Was für eine Menge Leute? Wie soll ich denn euch allen ein Fest geben können? Ausgeschlossen; gestattet aber erst, daß ich einigen von euch mit diesem Zeug die Augen einschmiere, damit ihr besser sehen könnt, denn es ist hier etwas finster.«
Mit dem Harz verschloß er nun allen Seehunden die Augen, nur einen kleinen, der in der Nähe der Türe stand, übersah er. Der letzte Seehund, dessen Augen verschlossen wurde, war auch ein kleiner und sowie seine Augen verklebt waren, wollte er sie öffnen und fing an zu schreien. Der Kleine bei der Tür rief nun den anderen zu: »Der Rabe hat euch allen die Augen zugeklebt und ihr könnt sie nicht öffnen.« Nun versuchten alle Seehunde die Augen zu öffnen, aber sie konnten es nicht. Mit dem Stock, den der Rabe Tags zuvor vorbereitet hatte, tötete er nun alle Gäste, indem er sie auf den Kopf schlug und jeder Seehundsmann verwandelte sich, nachdem er getötet war, in einen Seehund. Als der Kleine bei der Tür sah, daß der Rabe seine Genossen tötete, lief er hinaus und entkam als einziger ins Meer.
Nachdem er damit fertig war, wandte sich der Rabe zum Nörz und sagte: »Sieh wie viele Seehunde ich getötet habe; jetzt werden wir genug Behälter für den Tran haben.« Dann machten sie Säcke aus den Seehundsfellen und füllten sie mit Tran für den Winter. Seit dieser Zeit sind Rabe und Nörz immer Freunde geblieben und darum will, bis auf den heutigen Tag, kein Rabe das Fleisch eines Nörzes fressen und wäre er noch so hungrig. Den Nörz und den Raben findet man oft in der Tundra ganz nahe beieinander.
Der Rabe und das Murmeltier
Einst flog der Rabe in der Nähe der Küste über ein Felsenriff; einige Seevögel, die auf dem Felsen saßen, sahen ihn und verspotteten ihn mit den Worten: »Oh, du Abfallfresser! Oh, du Aasfresser! Du Schwarzer!« bis der Rabe sich umwandte und im Wegfliegen rief: »Gnak, Gnak, Gnak! Warum verspotten mich die?« Und dann flog er weit weg übers Wasser, bis er drüben zu einem Berg kam, wo er blieb.
Er blickte sich um und bemerkte gerade vor sich die Höhle eines Murmeltiers. Der Rabe blieb vor der Höhle auf der Lauer stehen und bald kam das Murmeltier mit etwas Nahrung zurück. Da es den Raben gerade vor seiner Tür stehen sah, forderte es ihn auf, Platz zu machen; der Rabe wollte aber nicht und sagte: »Man schimpft mich Aasfresser und ich werde beweisen, daß ich das nicht bin und jetzt dich fressen.« Darauf antwortete das Murmeltier: »Gut; ich habe aber gehört, daß du ein sehr guter Tänzer seist; tanze jetzt, wenn du willst, ich werde dazu singen und dann magst du mich verspeisen. Bevor ich aber sterbe, will ich dich tanzen sehen.« Das gefiel dem Raben so sehr, daß er einwilligte zu tanzen und das Murmeltier sang also: »O Rabe, Rabe, Rabe, wie gut du tanzt! O Rabe, Rabe, Rabe, wie gut du tanzt!« Dann hörten sie auf, um auszuruhen und das Murmeltier sagte: »Dein Tanz gefällt mir so gut, ich will noch eins singen, du mach aber deine Augen zu und tanze deinen besten Tanz.« Der Rabe schloß seine Augen und hüpfte ungeschickt herum, während das Murmeltier sang: »O Rabe, Rabe, Rabe, was für ein reizender Tänzer bist du! O Rabe, Rabe, Rabe, was für ein reizender Tänzer bist du!« Dann huschte das Murmeltier rasch zwischen den Beinen des Raben durch und war in seiner Höhle geborgen. Sowie das Murmeltier aber in Sicherheit war, steckte es die Nasenspitze heraus und sagte spöttisch lachend: »Chi-kik-kik, Chi-kik-kik, Chi-kik-kik: du bist doch der größte Dummkopf, den ich je gesehen habe; was du für eine komische Figur beim tanzen machst; ich konnte mich kaum halten vor Lachen; schau mich nur an, schau, wie fett ich bin! Möchtest du mich nicht gern auffressen?« und es hänselte den Raben so lang, bis er aus lauter Wut weit wegflog.
Entstehung des Raben
Der Rabe war ein Mann, der, als die Leute sich vorbereiteten eine andere Gegend aufzusuchen und dazu die Habseligkeiten ihres Haushaltes zusammenkramten, zu diesen sagte, sie hätten die Unterdecken aus Hirschfellen, die man zum Bett braucht, vergessen. So ein Fell heißt in der Eskimosprache »Kak«. Der Mann brauchte das Wort nun so oft, daß sie ihm sagten, er werde das noch selbst werden. Er machte solchen Lärm, daß er in einen Raben verwandelt wurde und nun gebraucht er diesen Laut, um sich bemerkbar zu machen. Gerade an dem Tag, als das Lager abgebrochen wurde, flog der Rabe auf und krächzte »Kak! Kak!« oder mit anderen Worten: »Vergeßt nicht die Bettdecken!«