Danach kamen sie zu einer runden Öffnung im Himmel, um deren Rand kurzes Gras wuchs, das wie Feuer glimmte. Dies war, so sagte der Rabe, ein Stern, Mondhund genannt. Die Spitzen des die Öffnung umrahmenden Grases fehlten und der Rabe erzählte, daß seine Mutter einmal einige, und er den Rest, um auf Erden das erste Feuer zu machen, weggenommen habe. Er fügte noch hinzu, daß er zwar versucht habe diese Grasart auch auf Erden zu schaffen, es sei ihm aber nicht gelungen.
Nun befahl er dem Menschen die Augen zu schließen, er werde dann an einen anderen Ort versetzt werden. Der Rabe nahm ihn auf seine Flügel und ließ sich durch die Öffnung hindurch. Lange glitten sie dahin, bis sie an etwas stießen, das sie in ihrer Bewegung aufhielt. Sie blieben stehen und der Rabe sagte, sie seien jetzt am Meeresgrund. Der Mensch atmete ganz leicht und der Rabe erklärte ihm, daß der Nebelschleier ringsum durch das Wasser hervorgerufen sei; dann sagte er: »Ich werde hier einige neue Tierarten schaffen; du darfst aber nicht herumgehen, leg dich nieder und wenn du müde bist, so dreh dich auf die andere Seite.«
Der Rabe ließ den Menschen nun lange auf einer Seite liegen. Endlich erwachte er dann, fühlte sich sehr müde und wollte sich umdrehen; es gelang ihm aber nicht. Da dachte der Mensch bei sich: »Wenn ich mich doch nur umdrehen könnte!« und im selben Augenblick drehte er sich auch schon ohne Schwierigkeit herum. Wie er das tat, bemerkte er voll Erstaunen, daß sein ganzer Körper mit langen weißen Haaren bedeckt war und seine Finger lange Krallen bekommen hatten; er fiel aber sofort wieder in Schlaf. Noch dreimal erwachte er und schlief dreimal wieder ein. Als er zum viertenmal erwachte, stand der Rabe neben ihm und sagte: »Ich habe dich in einen Eisbär verwandelt; wie gefällt dir das?« Der Mensch wollte antworten, konnte aber keinen Laut von sich geben; da schwang der Rabe seine Zauberflügel über ihm und er antwortete nun, daß es ihm nicht gefalle, denn so müsse er am Meer leben, während sein Sohn am Land leben könne und er werde sich hierbei unglücklich fühlen. Da tat der Rabe einen Flügelschlag und das Bärenfell fiel vom Menschen und blieb leer am Boden liegen, während dieser in seiner natürlichen Gestalt wieder aufstand. Nun nahm der Rabe eine seiner Schwanzfedern und steckte sie als Rückgrat ins Bärenfell, machte einige Flügelschläge darüber und ein Eisbär stand da. Sie gingen dann weiter; seit dieser Zeit aber findet man am zugefrorenen Meer Bären.
Der Rabe fragte den Menschen nun, wie oft er sich umgedreht habe und er antwortete: »Viermal.« »Das waren vier Jahre«, sagte der Rabe, »denn du hast genau vier Jahre lang dort geschlafen.« Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie ein kleines Tier sahen, das einer Spitzmaus ähnelte. Das war ein Wi-lu-gho-yuk. Es gleicht der am Land lebenden Spitzmaus, lebt aber am Meereis. Wenn es einen Menschen sieht, fährt es auf ihn los, kriecht ihm zu den Schuhen hinein und krallt über seinen ganzen Körper. Wenn der Mann ganz still hält, verläßt es ihn wieder und er wird dann ein erfolgreicher Jäger werden. Wenn aber der Mensch, so lang das Tier auf ihm ist, auch nur einen Finger rührt, beißt es sich durch sein Fleisch geradewegs aufs Herz los und tötet ihn so.
Dann schuf der Rabe den A-mi-kuk, ein großes, schleimiges Tier mit lederartiger Haut und vier langen, weitausgreifenden Armen. Dieses wilde Tier lebt im Meer, schlingt seine Arme um Männer und Kajaks und zieht sie unters Wasser. Sucht ihm der Mensch dadurch zu entrinnen, daß er den Kajak verläßt und aufs Eis steigt, so taucht es unter, bricht das Eis unter seinen Füßen und es verfolgt ihn auch noch an der Küste, wo es sich unter der Erde, genau so leicht, wie es im Wasser schwimmt, weitergräbt, sodaß ihm niemand, der einmal von ihm verfolgt wird, entkommen kann.
Danach sahen sie dann zwei große, schwarze Tiere, die um ein kleineres herumschwammen. Der Rabe eilte voraus und setzte sich auf den Kopf des kleineren Tieres, das nun ruhig blieb. Als der Mensch herankam, zeigte ihm der Rabe die zwei Walrosse und sagte, das kleine, auf dessen Kopf er säße, sei ein »Walroßhund«. Dies Tier, sagte er noch, wird immer mit den großen Walrossen ziehen und die Leute umbringen. Es war lang, ziemlich schlank und mit schwarzen Schuppen bedeckt, die aber nicht so hart waren, als daß man sie mit einem Speer nicht hätte durchstechen können. Sein Kopf und seine Zähne hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen eines Hundes. Er hatte vier Beine und einen langen, runden Schwanz, der, wie der Körper, mit Schuppen bedeckt war. Durch einen einzigen Schlag mit diesem Schwanz kann es einen Mann töten.
Sie sahen nun viele Wale und allerlei Raubtiere. Der Rabe erklärte dem Menschen, daß nur gute Jäger die Wale töten könnten, wenn aber einer erlegt sei, könne ein ganzes Dorf daran essen. Dann sahen sie den I-mum-ka-boi-a-ga oder »Seefuchs«, ein Tier, das dem roten Fuchs sehr ähnlich sieht, nur im Meer lebt und so wild ist, daß es den Menschen tötet. In der Nähe waren auch zwei Seeottern, die auch den Landottern gleichen, aber ein viel feineres Fell haben. Sie sind weiß gesprenkelt, sehr selten und nur die besten Jäger sind imstande, sie zu fangen. An vielen Fischarten kamen sie noch vorüber und dann erhob sich vor ihnen die Küste und oben konnte man das Gekräusel der Wasseroberfläche sehen. »Schließ deine Augen und halte dich an mir fest«, sagte der Rabe. Kaum hatte der Mensch das getan, da stand er auch schon am Strand, in der Nähe seines Hauses und war sehr erstaunt, da, wo er ein paar Hütten verlassen hatte, ein großes Dorf zu sehen. Seine Frau war sehr alt geworden und sein Sohn war auch schon ein alter Mann. Als ihn die Leute sahen, bewillkommten sie ihn und machten ihn zu ihrem Häuptling. Im Festhaus wurde ihm der Ehrenplatz eingeräumt und er erzählte dort den Leuten was er alles gesehen hatte und lehrte die jungen Leute viele Sachen. Die Dorfbewohner wollten dem Raben einen Sitz neben dem Alten am Ehrenplatz einräumen; er schlug es aber aus und wählte sich seinen Platz beim gewöhnlichen Volk, in der Nähe des Eingangs.
Nach einiger Zeit wollte der erste Mensch das schöne Himmelsland wieder sehen, aber seine Leute wollten lieber, er bliebe bei ihnen. Er ermahnte seine Kinder, in seiner Abwesenheit nicht unglücklich zu sein und kehrte dann in Begleitung des Raben ins Himmelsland zurück. Die Zwerge nahmen sie freundlich auf und die beiden lebten dort lange Zeit; indessen waren die Erdbewohner sehr zahlreich geworden und töteten sehr viele Tiere. Das ärgerte den Menschen und den Raben sehr. Eines Nachts nahmen sie also ein langes Seil und einen Korb und stiegen zur Erde herab. Der Rabe fing da zehn Renntiere und steckte sie mit dem Menschen in den Korb. Dann befestigte er ein Ende des Seils am Korb und erhob sich, das Ganze hinter sich ziehend, wieder in den Himmel. Am nächsten Abend stiegen sie in der Nähe des Menschen-Dorfes mit den Renntieren wieder herab. Den Renntieren wurde aufgetragen, das nächste Haus, zu dem sie kämen, niederzubrechen und die Bewohner zu vernichten, weil die Menschen zu zahlreich geworden seien. Die Renntiere taten, wie ihnen befohlen war, fraßen mit ihren scharfen Wolfszähnen die Leute auf und kehrten dann wieder in den Himmel zurück. In der nächsten Nacht kamen sie wieder und vernichteten in gleicher Weise ein anderes Haus samt seinen Bewohnern. Nun waren die Dorfbewohner sehr erschrocken und beschmierten das nächste Haus mit einer Mischung von Renntierfett und Beeren. Als die Renntiere dieses Haus zerstören wollten, bekamen sie die Mäuler voll Fett und sauere Beeren, worauf sie herumlaufen und die Köpfe so schütteln mußten, daß ihnen alle Zähne ausfielen. Später wuchsen ihnen nur kleine Zähne, wie sie die Renntiere heute haben, nach und diese Tiere sind seither harmlos.
Nachdem die Renntiere weggelaufen waren, gingen der Mensch und der Rabe zurück in den Himmel und der Mensch sagte: »Wenn nicht etwas geschieht, was die Leute hindert, so viel Tiere umzubringen, werden sie es so lange treiben, bis sie alle Wesen, die du geschaffen hast, umgebracht haben. Es wäre besser, ihnen die Sonne wegzunehmen, sodaß sie im Dunkeln leben und sterben.«
Darauf antwortete der Rabe: »Bleib du hier, ich werde gehen und die Sonne wegnehmen.« Er ging dann fort, nahm die Sonne, steckte sie in seinen Fellsack und trug sie weit weg, in jene Gegenden des Himmelslandes, wo seine Eltern lebten, und es wurde sehr finster auf Erden. In dem Dorf seines Vaters nahm er sich dann aus den Jungfern eine Frau und lebte dort; die Sonne hielt er sorgfältig in dem Sack versteckt.