Die Erdbewohner hatten große Angst, seit ihnen die Sonne genommen war und suchten sie zurückzubekommen, indem sie dem Raben reichliche Spenden an Speise und Wild anboten; das war aber ohne Erfolg. Nach langen Versuchen versöhnten sie den Raben so weit, daß er ihnen für kurze Zeit Licht gewährte. Er holte die Sonne heraus und hielt sie zwei Tage lang in einer Hand, sodaß die Leute jagen und sich Nahrung verschaffen konnten. Dann nahm er sie wieder weg und es war wieder ganz dunkel. Nun verstrich eine lange Zeit und es bedurfte vieler Opfer, bevor er den Menschen wieder Licht gewährte. Das wiederholte sich so einige Zeit.
In dem Dorf lebte ein älterer Bruder des Raben, der Mitleid mit den Erdenkindern zu fühlen begann und der dachte nach, wie er die Sonne bekommen und auf ihren alten Platz zurückbringen könnte. Nachdem er lange nachgedacht hatte, stellte er sich tot und wurde in eine Grabkiste gelegt, wie es der Brauch war. Sobald die Trauernden sein Grab verlassen hatten, erhob er sich und ging in die Nähe des Dorfes. Hier nahm er seine Rabenmaske vor und versteckte sich in einem Baum bei der Quelle, wo die Dorfbewohner ihr Wasser holten, und wartete. Bald kam seines Bruders Frau, um Wasser zu holen und füllte einen Eimer an; dann nahm sie einen Schöpflöffel voll Wasser und wollte trinken. Mit Hilfe seiner Zauberkraft verwandelte sich nun der Bruder-Rabe in ein kleines Blatt, fiel in den Löffel und wurde mit dem Wasser verschluckt. Die Frau hustete etwas und eilte dann nachhause, wo sie ihrem Gatten erzählte, sie habe, als sie aus der Quelle trank, irgend einen Fremdkörper verschluckt. Er legte dem aber keine Bedeutung bei und sagte, es werde ein Blatt gewesen sein.
Bald darauf wurde die Frau schwanger und gebar in ein paar Tagen einen Knaben, der sehr aufgeweckt war und gleich herumkroch; einige Tage darauf konnte er schon laufen. Er schrie immer nach der Sonne, und da sein Vater ganz in ihn vernarrt war, gab er sie dem Kind oft als Spielzeug, achtete aber immer streng darauf, sie wieder zurückzunehmen. Als der Sohn dann schon vor dem Haus zu spielen begann, schrie und bettelte er mehr denn je um die Sonne. Lange Zeit schlug ihm der Vater seine Bitte ab, dann aber erlaubte er ihm doch, die Sonne zu nehmen, und der Knabe spielte damit im Haus. Als einen Augenblick niemand zusah, warf er sie hinaus, lief rasch zum Baum, legte Rabenmaske und Gewand an und flog weit fort. Er war vom Himmel schon weit weg, da hörte er seinen Vater hinter sich schreien: »Versteck die Sonne nicht! Gib sie aus dem Sack, damit wieder etwas Licht ist; laß es nicht immer dunkel sein!« Er glaubte nämlich, sein Sohn habe sie gestohlen, um sie für sich zu behalten.
Der Rabe ging ins Haus und der Rabenknabe flog dorthin, wo die Sonne lag. Dort schnitt er die Fellhülle herunter und brachte die Sonne an ihren alten Platz. Von da führte ein breiter Pfad weg und er folgte ihm. Er gelangte an eine Öffnung, die von kurzem, glimmendem Gras umgeben war und er pflückte etwas davon. Dann erinnerte er sich der Mahnung seines Vaters, es nicht immer dunkel sein zu lassen, sondern einmal hell und dann wieder dunkel. Dessen eingedenk verursachte er nun, daß sich der Himmel um die Erde drehe, Sonne und Sterne mit sich bewege und so Tag und Nacht einander folgen.
Als er da, gerade vor Sonnenaufgang, ganz nah am Erdrand stand, steckte er ein Büschel des glimmenden Grases, das er in der Hand hatte, in den Himmel und seither ist es dort geblieben und erscheint als glänzender Morgenstern. Er ging dann weiter auf die Erde und kam schließlich zu dem Dorf, wo die erstgeschaffenen Menschen lebten. Dort bewillkommten ihn die Leute und er erzählte ihnen, daß der Rabe auf sie bös geworden sei und die Sonne weggenommen, daß er sie aber wieder zurückgebracht habe, und daß sie nie mehr verschwinden werde.
Unter den Leuten, die ihn empfingen, war auch der Häuptling der Himmelszwerge, der mit einigen der Seinen herabgekommen war, um auf Erden zu leben. Ihn befragten die Leute, was aus dem ersten Menschen geworden sei, der mit dem Raben in den Himmel hinaufgegangen war. Damals hörte der Rabenknabe zum erstenmal von jenem Menschen und er wollte in den Himmel hinauffliegen, um ihn zu sehen; dabei bemerkte er aber, daß er sich nur wenig über die Erdoberfläche erheben konnte. Als er gewahr wurde, daß er nie mehr in den Himmel zurückgelangen könnte, wanderte er fort, bis er an ein Dorf kam, wo die Nachkommen jener Männer lebten, die zuletzt aus der Erbsenschote geboren worden waren. Da nahm er ein Weib und lebte lange Zeit; er hatte viele Kinder, die alle Raben-Menschen waren, wie er selbst, und über die Erde fliegen konnten. Aber sie verloren immer mehr ihre Zauberkräfte, bis sie ganz gewöhnliche Raben wurden, genau wie jene Vögel, die wir noch heute in der Tundra sehen. –
Der Ursprung von Land und Menschen
Ursprünglich war Wasser über der ganzen Erde und es war sehr kalt. Das Wasser war vom Eis bedeckt und es gab keine Menschen. Dann zog sich das Eis zusammen und bildete lange Risse und Buckeln. Zu dieser Zeit kam ein Mann von der anderen Seite des großen Wassers, blieb bei den Eishügeln, nahe dem Ort, wo jetzt Pikmiktalik liegt und nahm eine Wölfin zum Weib. Nach und nach bekam er viele Kinder, die immer paarweise geboren wurden – ein Bub und ein Mädchen. Jedes dieser Paare sprach seine eigene Sprache, die verschieden von der seiner Eltern und auch verschieden von jeder jener Sprachen war, die seine Brüder und Schwestern sprachen. Sobald sie groß genug waren, wurde jedes Paar in anderer Richtung ausgeschickt, und so verstreute sich die Familie weit und nah von den Hügeln, die jetzt schneebedeckte Berge waren. Als der Schnee schmolz, floß er die Hänge herunter, Rinnen und Flußbette ausschürfend, und so entstand das Land mit seinen Strömen.
Die Zwillinge bevölkerten die Erde mit ihren Kindern, und da jedes Paar mit seinen Kindern eine von den anderen verschiedene Sprache sprach, wurden die verschiedenen Sprachen über die Erde verteilt und blieben so bis zum heutigen Tag.