Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: »Ich habe nicht gesehen, in welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.«
Darauf hat er von den andern Eingeborenen inzwischen die Antwort gelernt: »Wenn ich die Richtung gesehen hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann. Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei zusammengenähte Rohre. Wenn Sie hindurchsehen, dann können Sie da weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben gesagt, daß auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das sehen mit Ihren Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu den Sternen und sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem Menschen ist, ohne ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer mit Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit fort sind. Ich will jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen, daß ich keine Tortillas habe und keine Frijoles und daß sie gleich sofort in mein Haus kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer haben.«
Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie er seinen Willen durchzusetzen habe. Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche ernsthafte Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht, dann wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen. Was soll man vor Gericht sagen, wie seine Zwangslage beweisen? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als ich, folgt mir und lauert mir auf. – Ich konnte mich also nur durch Medizin retten. Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen Richtungen. Endlich tat ich einen Aufschrei: »Ich sehe sie. Ich sehe sie. Der Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie schreit: Mein Mann, mein lieber Mann hilf mir! Hole mich!«
In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt.
Dann rief er: »Das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der Hund Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will ich aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber eins über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.« »Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco. Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.«
»Da will ich aber gleich gehen und sie holen«, sagte der Indianer eifrig noch einmal.
»Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem Wege nicht auf, sonst schleppt der Indiano mit dem schwarzen Barte sie noch weiter.«
»Ich gehe noch jetzt«, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd. »Vielen, vielen Dank, Senjor. ‚Mil‘ Dank. Sie sind ein Weiser, verdad, wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei Pesos und fünfzig Centavos kann ich Ihnen nicht geben. Die brauche ich für die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl.« Und fort ging er, ohne mir die »Medizin« zu bezahlen. Ich brauche nicht sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld fehlt, muß er zu Fuß gehen.
Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker und gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und wird dann irgendeine Arbeit gefunden haben, oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh. Inzwischen hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit hat, hängt ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem Sonntagskleide, den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte.
Anmerkungen zur Transkription