Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten wir nichts zu reden, über andre wollten wir nicht reden; und da auch keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt und Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und worüber wir hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors war doch oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, um ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen. Aber wenn der Satz kaum zur Hälfte gesprochen war, zündete er sich seine Pfeife an und vergaß darüber, den Satz zu beenden. Entweder es reute ihn plötzlich, irgendeins seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen und es dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte seinen Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder nur gedacht hatte.

„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tags.

„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele!“

„Worüber, Doktor?“

„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht habe, was Tiere taten, was Tiere gedacht und gesagt haben, was der Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“

„Veröffentlicht?“

„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand es gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher veröffentlichen? Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie schrieb. Für die Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele gute Bücher, die sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr geben? Zudem würden die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden mich für verrückt erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit ihnen herumstreiten, um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß ich die Wahrheit sprach. Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin auch der Meinung, daß die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden, entweder auf Papier oder im Geist, niemals veröffentlicht worden sind. Hinter jedem veröffentlichten Buch liegt etwas auf der Lauer, das nicht zugunsten des Werkes spricht, und das den Menschen hindert, das Beste zu schaffen, dessen er fähig ist.“

Ich hatte manchmal das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er darum hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot sei, und niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich schaut, wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben und begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat.

Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm ohne weiteres geglaubt haben, weil ich gar keinen Grund hatte, es ihm nicht zu glauben.

Des Doktors Bibliothek