Das Totenschiff ist ein Schiff, das von Toten, von Gespenstern bemannt ist. Diese Toten atmen und arbeiten, sind aber dennoch tot. Tot, wie nur ein Mensch sein kann, der keine Verbindung mehr mit den Lebenden und mit der lebendigen Welt hat.

Auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans, wo ich lebe, wird ja heute noch behauptet, daß der große Krieg für die Freiheit, für die Demokratie, für die Unabhängigkeit der Völker geführt wurde. Wie nach dem europäischen Freiheitskriege von 1813/15, so ist auch nach diesem großen Freiheitskriege die Freiheit des einzelnen Menschen zum Teufel gegangen. Das haben Freiheits-, Religions- und Revolutionskriege so an sich.

Vor diesem großen Kriege genügte ein leerer Briefumschlag mit darauf geschriebener Adresse und abgestempelter Briefmarke, um von Berlin nach Philadelphia, von Hamburg nach Borneo, von Brüssel nach Neuseeland zu fahren. Seitdem der große Freiheitskrieg gewonnen wurde, haben alle Länder chinesische Mauern errichtet, deren Tore ohne Paß, ohne Visa, ohne Geburtsurkunde, ohne polizeiliches Führungszeugnis, ohne Ehescheidungsdokument, ohne Heiratslizenz nicht passiert werden dürfen. (Neuerdings ist an einigen Grenzen der Übertritt erleichtert worden. Schriftleitung.)

Als aber diese Mauern errichtet wurden, als die Bureaukraten aller Länder gewichtige Männer wurden, denen beinahe mehr Macht eingeräumt wurde als die abgesetzten Könige gehabt haben, da blieben einige tausend Menschen draußen, außerhalb der Mauern. Sie konnten die Tore nicht passieren, weil das Papier wichtiger geworden war als der Mensch, die Geburtsurkunde einen höheren Wert bekam als die Tatsache, daß der Mensch lebte.

In einer Welt, wo der Bureaukrat mit seinen Registern und Anmeldeformularen den Lauf der Dinge bestimmt, hat der Mensch, der nicht anmeldefähig ist, kein Recht zu leben. Es wäre einfach, alle diese Menschen zu erschlagen, damit die »amtliche Abfertigung« sich in Ruhe und Ordnung vollziehen kann. Aber die Geburtsrate wird immer niedriger, und der Krieg hat auch seine Millionen von Menschen verschluckt, und deshalb kann man diese Sorgenkinder des Bureaukratismus nicht im Stillen Ozean ertränken.

Wie dankbar haben wir dem Kapitalismus zu sein, daß er sich dieses Menschenkehrichts annimmt! Er tut es nicht aus Barmherzigkeit. Er hat beim Erdöl und bei der Steinkohle gelernt, daß die Abfallprodukte einen höheren Profit abwerfen können als das Kernprodukt.

Diesen menschlichen Abfallprodukten, diesen Toten, diesen Gespenstern wird der Glaube gelassen, daß sie durchaus freiwillig in die Arena treten, um als die modernen Gladiatoren zu kämpfen. Daß sie nicht fühlen, wie sehr sie die bedauernswerten, unfreiwilligen Opfer eines schändlichen Systems sind. Daß sie überzeugt sind, sie seien »freie« Arbeiter, betrachte ich als ein Meisterstück des modernen Kapitalismus, der Krieg und Frieden, Abrüstungspläne und Völkerbünde, Revolutionen und Gegenrevolutionen, Bürgerkriege in China und organisierten Massenraubmord in Marokko und Syrien über die Menschheit verhängt, nicht nach Laune und Willkür, sondern um des nackten, blanken Profits willen.

Man denke ja nicht, in Deutschland, daß der amerikanische Arbeiter freier ist als der deutsche. Das bildet er sich nur ein. Infolge der etwas besseren Lebensweise, die er führt – glaubt, zu führen – ist er versklavter als der deutsche Arbeiter.

Es mag gehäuft erscheinen, daß in dem Roman zwei Begebenheiten erzählt werden, die beinahe gleich erscheinen. Ich meine die Vorgänge bei den amerikanischen Konsulaten. Aber ich möchte dadurch zeigen, daß der amerikanische Beamte im Lande und außerhalb des Landes an hirnlosem Bureaukratentum den typischen kaiserlich-deutschen oder königlich-preußischen Beamten noch zu übertreffen sucht. Der Konsul in Holland ist derselbe Bureaukrat wie der Konsul in Frankreich, wie der Konsul in Italien, wie fast jeder Beamte. Und der deutsche Konsul in England redet dieselbe Sprache wie der polnische Konsul in Hamburg. Die Beamten und die Bureaukraten sind eine internationale geheime Bruderschaft, die sich zur Aufgabe gemacht hat, den Menschen das Leben zu versauern. Ihre Fragen, Gesten, Ansichten, Ratschläge und Drohungen gehen allesamt nach demselben Code.

Ich hätte leicht einen Konsul auslassen können. Aber das hätte dann den Eindruck erweckt, als ob der erwähnte Konsul eine Ausnahme sei. Unter diesen Beamten, welcher Nation sie auch angehören, gibt es keine Ausnahmen, weil sie sich pedantisch an ihre Vorschriften gebunden fühlen und ihren Staat nach dem Buchstaben vertreten. Dabei kommt die Menschlichkeit überall zu kurz. Das wollte ich betonen.