Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Schluß zu unvermittelt komme und daß den Durchschnittsleser die Frage peinigen werde, was aus dem Erzähler wird, der gefesselt auf dem Wasser weitertreibt.
Es wird mir schwer werden, das genügend zu beantworten. Hätte ich diesen Roman geschrieben mit der Absicht, ihn dem üblichen Lesepublikum vorzulegen, so wäre die Arbeit im ersten Kapitel schon anders gewesen. Aber ich zähle die Mitglieder der Büchergilde nicht zu den Durchschnittslesern, sondern zu jenen Lesern, die nach dem Lesen eines Buches noch die geistige Spannkraft haben, selbst nachzudenken, und die dann noch genügend eigne Phantasie besitzen, um sich einen »endgültigen Schluß« – vorausgesetzt, daß sie einen wünschen – selbst auszudenken. Ich glaube nicht, daß die Romane die besten sind, die den Leser völlig ausgepumpt zurücklassen, die ihm nichts mehr zum Denken übriglassen.
Ich muß auch gestehen, daß ich ganz ernsthaft nicht erklären kann, warum ich den Schluß gerade so und nicht anders gewählt habe. Nach meinem Gefühl war ein andrer Schluß nicht zulässig. Hätte ich den Schluß geändert, so würde ich einen Verrat an meinem Gefühl verübt haben. Ich glaube, wer einen andern Schluß schreiben kann, ist nie ein einsamer Schiffbrüchiger gewesen, dem soeben der letzte Kamerad abgespült worden ist. Aber selbst dann, wenn ich nicht mein Gefühl sprechen ließe, sondern meinen klaren, nüchternen Verstand, ich könnte auch dann den Schluß nicht ändern. Ich könnte ihm vielleicht nur die eine Note nehmen, die einen religiös-sentimentalen Beigeschmack auslösen kann. Aber diese religiöse Sentimentalität ist echt. Die Männer sind in dieser religiösen Sentimentalität erzogen worden. Und wenn auch alle Sentimentalität in den Jahren der Arbeit verschwunden war, in diesem letzten Augenblick flackert sie auf. Sie ist aber nicht stark genug, um die letzten Sekunden so auszufüllen, wie es der fromme Gläubige gern sehen möchte. Hier vermischt sich die aufflackernde religiöse Sentimentalität mit der Sehnsucht nach einem »treuen« Schiff, nach einem guten freundlichen Kapitän, nach der Sauberkeit und Ruhe, die der Seemann aus tiefster Seele wünscht, wenn er auf einem »gottverfluchten Rattenkasten« ist.
Der Roman »Das Totenschiff« ist mit diesem Schluß wirklich zu Ende. Das Totenschiff mit seiner Brutalität und Härte ist ausgelöscht. Die Überlebenden sind in einen Zustand geraten, in dem sie nicht mehr die Brutalität des Totenschiffes sehen, sondern nur noch den schäbigen Kaffee, das elende Essen, das den Arbeitern auf dem Totenschiff serviert wurde. Aber sie sehen in ihrer Lage jetzt jenen Fraß, den selbst die Ratten nicht anrühren würden, als herrlichste Göttermahlzeit an. Ein solcher Wechsel in der Meinung ist nur denkbar, wenn der Tod bereits überwunden ist. Das Totenschiff erscheint noch einmal in all seinem Glanze als die Vision eines Fiebernden und Verdurstenden. Was nun aus dem Erzählenden wird, ob er zugrunde geht oder auf irgendeine Weise am Leben bleibt, hat mit dem Totenschiff nichts mehr zu tun. (Wer erzählt, lebt wohl auch.) Die nächste Zeile wäre der Anfang eines neuen Romans.
Anmerkungen zur Transkription
Quelle: Die Büchergilde. Berlin, 1926, H. 3, S. 34-38.
Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.