Die Musik spielte alles nach dem Gehör. Ab und zu spielte der Geiger die Gitarre und der Gitarrespieler die Geige. Wenn die Musiker selbst tanzen wollten, ergriff einer der Indianer das Instrument und spielte, vielleicht nicht ganz so gut wie die Musiker, die natürlich keine Berufsmusiker waren, sondern ebensogut wie alle übrigen Männer als Köhler und Holzhauer ihr Brot verdienten. Auch mein Nachbar beeilte sich zu zeigen, was er in den fünf Tagen gelernt hatte. Ich wußte gut, daß die Gitarre nicht länger in seinem Hause gewesen war, denn ich sah ihn damit kommen, als er sie sich ausgeliehen hatte. Jemand hatte ihm gezeigt, wie das Instrument anzufassen sei, ihm einige Griffe beigebracht, und das war alles. Was er jetzt leistete, war erstaunlich. Er hatte zwar nur die Geige zu begleiten, aber auch das will gelernt sein. Manchmal vergriff er sich, doch fand er sich immer wieder schnell zurecht. Der eigentliche Geiger war ein schmächtiges Bürschchen. Er tanzte seltener mit den Mädchen und zog es vor, Sologrotesktänze zu veranstalten, die so urkomisch waren, daß die Indianer zum Bersten lachten. Gespielt wurden amerikanische Onesteps und Foxtrotts, ferner Walzer, die im altväterlichen Polkaschritt, nur viel langsamer, getanzt wurden. Der Rundwalzer ist ganz unbekannt. Dann tanzte man eine Art Rheinländer. Hin und wieder kam der Tanz, der mich besonders interessierte, ein Originaltanz der mexikanischen Indianer. Ich habe denselben Tanz hier bei Vögeln in der Balzzeit gesehen.

Die Musik hat sich in den Jahrhunderten geändert und den modernen Musikinstrumenten angepaßt. Der Rhythmus jedoch, die Schritte und die Absicht sind noch dieselben. Ein Teil des Tanzes wird von Gesang begleitet. Während des Tanzes nähern sich die Paare und entfernen sich, berühren sich aber nie, nicht einmal mit den Händen, sondern tanzen girrend und lockend voreinander herum. In bestimmten Zwischenräumen setzt die Musik aus, und die Musiker sowie diejenigen Männer, die keine Tänzerinnen haben oder nicht tanzen, ersetzen die Musik durch Singen. Dieses Singen geschieht auf der höchsten Höhe der menschlichen Stimme und ist eigentlich kein Singen, sondern ein sehr taktmäßiges, jedoch schrilles und kreischendes Modulieren von Tönen, die kaum etwas Menschliches an sich haben. Es überkommt einen ein Grauen, wenn man ganz allein zwischen Indianern um Mitternacht im Dschungel weilt, ungezählte Meilen von dem nächsten weißen Menschen entfernt, und diesen unheimlichen Gesang hört. Ich fühlte dabei, daß ich in einer anderen Welt lebte, daß Zehntausende von Meilen mich von meiner Rasse trennten.

Ununterbrochen wurde getanzt. Die Pausen zwischen den einzelnen Tänzen waren gerade lang genug, um einen Schluck Wasser zu trinken. Nichts anderes wurde getrunken als Wasser, das von zwei Burschen in einem Eimer aus einem Regenpfuhl herbeigeschleppt wurde, sobald der Eimer leer war, was alle Augenblicke der Fall war. Jeder Tanz wurde so lange gespielt, bis die Tänzer so ermattet waren, daß sie ihre Tänzerinnen zu der Bank führen mußten.

Ab und zu lief den Tanzenden ein Schwein zwischen die Beine, während ein anderes sich an einem Holzsattel, der auf der Erde lag, den Rücken schabte und ein drittes, behaglich grunzend, sich in dem Schlamm wälzte, der sich von dem ausgespuckten Wasser und den weggeschütteten Kaffeeresten gebildet hatte.

Ein Kind begann leise zu weinen. Sofort ließ die Mutter ihren Tänzer stehen und lief zu dem winzigen Bündelchen, das auf der Erde sich bewegte, wickelte es aus, knöpfte ihr Kleid weit auf, setzte sich auf die Bank, gab dem Kind zu trinken und sah dabei den Tanzenden zu, denen sie lustige Scherzworte zurief.

Die jüngeren Frauen und Mädchen waren mir gegenüber anfangs ein wenig scheu. Als sie aber sahen, daß ich nicht bissig war, beim Tanzen die Beine genau so bewegte wie ihre Stammesgenossen, auch nur Hose, Hemd und Hut hatte und meine Zigaretten verschenkte, bekamen sie Zutrauen. Die Urgroßmutter tanzte am reizvollsten. Ihr Gesicht sah aus wie zerknülltes und zerknittertes schwarzbraunes Leder, ihre Augen waren schwarz wie Pech, ihr langes, offenes, gesträhntes Haar war ölig, und ihre Haut strömte einen scharfen, nicht angenehmen Geruch aus, aber ihre Bewegungen waren jung, voll Rhythmus, voll Harmonie, voll Rasse und Schönheit, so daß man vergaß, daß hier eine Großmutter tanzte im Wettbewerb mit sonniger Jugend.

Mit den eigenen Frauen tanzten die Männer nur selten, immer mit anderen, und sie boten mir ihre Frauen alle der Reihe nach an, damit ich mit ihnen tanzen möge, wodurch sie mir eine Ehre erweisen wollten. Doch die Frauen betrachteten es als keine besondere Ehre, wenn ich mit ihnen tanzte, sie haben keine Hochachtung vor dem Weißen. Wenn ich mit einer Frau oder mit einem Mädchen häufiger tanzte, fingen die Frauen an zu lächeln und zu kichern.

Mit Sonnenaufgang verblaßte der Mond, verblaßte die Musik. Unauffällig zog sich eine Frau nach der anderen hinter die Hütte zurück, kam nach einer Weile wieder vor, in ihre Lümpchen gekleidet und mit einem Bündelchen. Ebenso unauffällig, ohne Abschiedszenen, mit einem kurzen „Adios!“ oder „Gracias!“ setzten sie sich auf ihre Esel oder Pferde und verschwanden im dunklen Busch. Der Sommernachtstraum war zu Ende.

Anmerkungen zur Transkription

Quelle: Das Buch für alle. Stuttgart, 1926, H. 7, S. 156-157. Dies ist die Erstveröffentlichung dieser Erzählung. Sie wurde später unter dem Titel Indianertanz im Dschungel in den Erzählungsband Im Busch aufgenommen.