[Sechzehntes Kapitel.]
Wilhelm und Marie.


[Inhalt.]

Seite
Wilhelm landet in Carrickfergus und begiebt sich nach Belfast[5]
Zustand Dublin’s[6]
Wilhelm’s militärische Maßregeln[6]
Wilhelm marschirt südwärts[8]
Die irländische Armee zieht sich zurück[8]
Die Irländer halten am Boyne Stand[9]
Die Armee Jakob’s[10]
Die Armee Wilhelm’s[11]
Walker, nunmehriger Bischof von Derry, begleitet die Armee[12]
Wilhelm recognoscirt die Stellung der Irländer[13]
Wilhelm wird verwundet[13]
Schlacht am Boyne[14]
Jakob’s Flucht[18]
Verlust der beiden Armeen[20]
Fall von Drogheda[20]
Zustand von Dublin[20]
Jakob’s Flucht nach Frankreich[22]
Dublin wird von den französischen und irischen Truppen geräumt[22]
Wilhelm’s Einzug in Dublin[23]
Eindruck der Nachrichten aus Irland in Frankreich[23]
Eindruck der Nachrichten aus Irland in Rom[24]
Eindruck der Nachrichten aus Irland in London[25]
Jakob’s Ankunft in Frankreich; sein Empfang daselbst[26]
Tourville versucht eine Landung in England[27]
Teignmouth wird zerstört[30]
Erbitterung der englischen Nation gegen die Franzosen[31]
Die jakobitische Presse[32]
Die jakobitische Gebets- und Demüthigungsformel[33]
Entrüstung gegen die eidverweigernden Bischöfe[34]
Militärische Operationen in Irland; Waterford genommen[36]
Die irische Armee bei Limerick zusammengezogen. Lauzun erklärt, daß der Platz nicht zu halten sei[37]
Die Irländer bestehen auf der Vertheidigung von Limerick[38]
Tyrconnel ist gegen die Vertheidigung von Limerick[39]
Limerick wird von den Irländern allein vertheidigt[40]
Sarsfield überrumpelt die englische Artillerie[41]
Ankunft Baldearg O’Donnel’s in Limerick[42]
Die Belagerer leiden vom Regen[44]
Erfolgloser Sturm auf Limerick; die Belagerung aufgehoben[44]
Tyrconnel und Lauzun gehen nach Frankreich[45]
Wilhelm kehrt nach England zurück[46]
Wilhelm’s Empfang in England[46]
Expedition nach dem Süden Irland’s[47]
Marlborough nimmt Cork[47]
Marlborough nimmt Kinsale[48]
Die schottischen Angelegenheiten[49]
Intriguen Montgomery’s mit den Jakobiten[49]
Krieg in den Hochlanden[50]
Fort William erbaut[51]
Zusammentritt des schottischen Parlaments[52]
Melville Lord Obercommissar[52]
Die Regierung erlangt die Majorität[52]
Kirchliche Gesetzgebung[54]
Auflösung der Coalition zwischen dem Club und den Jakobiten[58]
Die Häupter des Clubs verrathen einander[59]
Allgemeine Ergebung in die neue Kirchenverfassung[62]
Klagen der Episkopalen[62]
Die presbyterianischen Eidverweigerer[63]
Wilhelm unzufrieden mit den kirchlichen Einrichtungen in Schottland[66]
Zusammentritt der Generalversammlung der schottischen Kirche[67]
Lage der Dinge auf dem Continent[68]
Der Herzog von Savoyen schließt sich der Coalition an[68]
Steuerbewilligungen[69]
Mittel und Wege[70]
Verfahren gegen Torrington[71]
Torrington’s Prozeß und Freisprechung[72]
Erbitterung der Whigs gegen Caermarthen[73]
Ein jakobitisches Complot[75]
Zusammenkunft der Hauptverschwörer[76]
Die Verschwörer beschließen, Preston nach Saint-Germains zu schicken[77]
Die Preston anvertrauten Papiere[77]
Caermarthen von dem Complot unterrichtet[79]
Verhaftung Preston’s und seiner Begleiter[79]

Wilhelm landet in Carrickfergus und begiebt sich nach Belfast.

Wilhelm war das ganze Frühjahr mit Ungeduld in Ulster erwartet worden. Falsche Gerüchte von seiner Ankunft hatten im Laufe des Monats Mai die protestantischen Niederlassungen längs der Küste dieser Provinz zu wiederholten Malen in Bewegung gesetzt. Erst am Nachmittag des 14. Juni landete er in Carrickfergus. Die Bewohner der Stadt hatten sich in der Hauptstraße versammelt und begrüßten ihn mit lautem Jubel, aber sie sahen ihn nur auf einen Augenblick. Sobald er festen Boden unter seinen Füßen hatte, stieg er in seinen Wagen und reiste nach Belfast. Unterwegs begegnete er Schomberg. Das Zusammentreffen fand dicht bei einem weißen Hause statt, der einzigen menschlichen Wohnung, welche damals auf einer Strecke von vielen Meilen an dem öden Strande der Bucht des Laggan zu sehen war. Gegenwärtig erheben sich auf der Stelle, wo damals das weiße Haus stand, ein Dorf und eine Baumwollenfabrik und das ganze Ufer ist mit Landhäusern, Parkanlagen und Gärten besäumt. Belfast ist einer der größten und blühendsten Sitze des Gewerbfleißes auf den britischen Inseln geworden und hat jetzt eine betriebsame Bevölkerung von achtzigtausend Seelen. Die Zölle, welche jährlich im Zollhause bezahlt werden, übersteigen die, welche in den günstigsten Jahren der Regierung Karl’s II. im Zollhause zu London entrichtet wurden. Andere irische Städte mögen dem Auge einen malerischeren Anblick darbieten; aber Belfast ist die einzige große Stadt Irland’s, in der der Reisende nicht durch den widerlichen Anblick und Geruch langer Reihen menschlicher Höhlen abgeschreckt wird, welche an Comfort und Sauberkeit den in glücklicheren Ländern für das Vieh bestimmten Wohnungen bei weitem nachstehen. In keiner andren großen irischen Stadt herrscht eine solche Reinlichkeit, keine andre ist so gut gepflastert und so glänzend erleuchtet. Anstatt der Kuppeln und Thürme sieht man Gebäude, welche dem Geschmack zwar weniger zusagen, aber nicht minder von Wohlstand zeugen, gewaltige Fabriketablissements, die um mehrere Stockwerke über die Schornsteine der Wohnhäuser emporragen und die Luft mit dem Getöse ihrer Maschinen erfüllen. Das Belfast, in welches Wilhelm einzog, war eine kleine englische Niederlassung von ungefähr dreihundert Häusern, von einem längst verschwundenen stattlichen Schlosse beherrscht, dem Stammsitze der edlen Familie Chichester. In diesem Schlosse, das einige Aehnlichkeit mit dem Palaste von Whitehall gehabt haben soll und das durch seine sich auf der Flußseite weit hinab erstreckenden Terrassen und Gartenanlagen berühmt war, hatte man Vorbereitungen zum Empfange des Königs getroffen. Am nördlichen Eingange wurde er von den Behörden und Gemeinderäthen in ihrer Amtstracht bewillkommnet, und die Menge drängte sich mit dem Rufe: „Gott segne den protestantischen König!” um seinen Wagen. Denn die Stadt war eines der Bollwerke des reformirten Glaubens, und als zwei Generationen später die Einwohner zum ersten Male gezählt wurden, ergab es sich, daß die Katholiken nicht mehr als ein Funfzehntel der Bevölkerung bildeten.[1]

Die Nacht brach herein, aber die protestantischen Grafschaften waren wach und auf den Beinen. Eine Geschützsalve vom Schlosse zu Belfast hatte die Ankunft des Königs verkündet. Sie wurde wiederholt durch Kanonen, welche Schomberg in weiten Entfernungen von einander aufgepflanzt hatte, um von einem Posten zum andren Signale geben zu können. Ueberall wo die Schüsse gehört wurden, wußte man, daß König Wilhelm angekommen war, und noch vor Mitternacht loderten auf allen Höhen von Antrim und Down Freudenfeuer. Der Feuerschein wurde am andren Ufer der Buchten von Carlingford und Dundalk gesehen und verkündete den Vorposten des Feindes, daß die entscheidende Stunde herannahte. Am zweiten Tage nach Wilhelm’s Landung reiste Jakob von Dublin ins irische Lager ab, das unweit der nördlichen Grenze von Leinster aufgeschlagen war.[2]

Zustand Dublin’s.

In Dublin war die Aufregung furchtbar. Niemand konnte mehr daran zweifeln, daß die entscheidende Krisis bevorstand, und die Qual der Ungewißheit steigerte die Leidenschaften der beiden feindlichen Racen auf den Höhepunkt. Die Mehrheit konnte in den Blicken und Reden der unterdrückten Minderheit unschwer Zeichen entdecken, welche die Hoffnung auf eine baldige Befreiung und eine furchtbare Rache verriethen. Simon Luttrell, unter dessen Obhut die Hauptstadt gestellt war, beeilte sich die Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche Angst und Haß ihm eingaben. Es erschien eine Proklamation, welche allen Protestanten einschärfte, von Einbruch der Dunkelheit bis zum Tagesanbruch zu Hause zu bleiben, und ihnen bei Todesstrafe verbot, sich an irgend welchem Orte und zu irgend welchem Zwecke in Gruppen von mehr als fünf Personen zu versammeln. Selbst gegen diejenigen Geistlichen der Landeskirche, welche nie aufgehört hatten, die Lehre vom Nichtwiderstande zu predigen, wurde keine Nachsicht geübt. Doctor Wilhelm King, der, nachdem er lange standhaft geblieben, seit kurzem in seinem politischen Glauben wankend zu werden begann, wurde gefänglich eingezogen. Kein Gefängniß war groß genug, um nur die Hälfte von Denen aufzunehmen, welche der Gouverneur in Verdacht schlimmer Absichten hatte. Das Collegium und mehrere Pfarrkirchen wurden dazu benutzt, und in diesen Gebäuden waren Leute, denen nichts zur Last gelegt werden konnte als ihre Religion, in solchen Massen zusammengepfercht, daß sie kaum athmen konnten.[3]