Die Irländer halten am Boyne Stand.
Als Wilhelm das Thal des Boyne erblickte, konnte er einen Ausruf und eine Bewegung der Freude nicht unterdrücken. Er hatte gefürchtet, daß der Feind eine entscheidende Schlacht vermeiden und den Krieg so lange hinziehen würde, bis die Herbstregen mit ihrem Gefolge von Krankheiten wiederkehrten. Diese Besorgniß schwand jetzt, und er hatte die Gewißheit, daß der Kampf heiß und kurz sein würde. Jakob’s Zelt war auf der Höhe von Donore aufgeschlagen und die Fahnen des Hauses Stuart und des Hauses Bourbon wehten nebeneinander herausfordernd auf den Wällen von Drogheda. Das ganze südliche Flußufer war mit den Lagerzelten und Batterien der feindlichen Armee bedeckt. Tausende von Kriegern bewegten sich durch die Zeltgassen und jeder Soldat, ob Reiter oder Infanterist, ob Franzos oder Irländer, hatte ein weißes Feldzeichen am Hut. Diese Farbe war aus Artigkeit gegen das Haus Bourbon gewählt worden. „Ich bin erfreut Euch zu sehen, Gentlemen,” sagte der König, als sein scharfes Auge die irischen Reihen überblickte. „Wenn Ihr mir jetzt entkommt, so ist es meine eigne Schuld.”[12]
Die Armee Jakob’s.
Jeder der beiden einander feindlich gegenüberstehenden Fürsten hatte einige Vortheile über seinen Rivalen. Jakob hatte, in der Defensive, hinter Verschanzungen und mit einem Flusse vor sich, die stärkere Position;[13] aber seine Truppen standen hinsichtlich der Anzahl wie der Brauchbarkeit denen seines Gegners nach. Er mochte über etwa dreißigtausend Mann zu verfügen haben. Ungefähr ein Drittel dieser Streitmacht bestand aus vortrefflicher französischer Infanterie und vortrefflicher irischer Cavallerie; der Rest seiner Armee aber war das Gespött von ganz Europa. Die irischen Dragoner waren schlecht; die irische Infanterie noch schlechter. Man sagte damals, ihre gewöhnliche Art zu fechten bestehe darin, daß sie ihre Gewehre einmal abfeuerten und dann mit dem Geheul „Pardon!” und „Mord!” davonliefen. Ihre Unbrauchbarkeit wurde damals von ihren Feinden wie von ihren Verbündeten allgemein natürlicher Feigheit Schuld gegeben. Wie ungegründet diese Beschuldigung war, ist seitdem durch viele Heldenthaten in allen Weltgegenden glänzend bewiesen worden. Es hätte in der That selbst im 17. Jahrhundert verständigen Männern wohl einleuchten können, daß ein Volk, das mit die beste Reiterei von der Welt lieferte, bei richtiger Ausbildung gewiß auch gute Fußsoldaten liefern würde. Der größte unserer Feldherren erklärte zu wiederholten Malen und ganz entschieden, daß selbst die herrliche Armee, die sich unter seinen Befehlen von Torres Vedras bis Toulouse durchschlug, binnen wenigen Wochen zu allen militärischen Zwecken untauglich geworden sein würde, wenn man ihr gestattet hätte, sich das Plündern anzugewöhnen. Was konnte man also wohl von Truppen erwarten, denen man vom ersten Tage ihres Eintritts in die Armee nicht nur erlaubt, sondern die man sogar aufgefordert hatte, sich für den geringen Sold durch Plündern zu entschädigen? Sie waren, wie es kaum anders sein konnte, ein bloßer Haufen Gesindel, zwar wüthend und lärmend in ihrem Eifer für die Sache, der sie sich geweiht hatten, aber unfähig einem wohlorganisirten Truppencorps beharrlichen Widerstand zu leisten. In der That, die Disciplin, wenn man es so nennen darf, der Armee Jakob’s hatte für den celtischen Kerne weiter nichts gethan als daß sie ihn erniedrigte und entnervte. Nach einem anderthalbjährigen nominellen Soldatendienste war er factisch noch eben so weit davon entfernt, ein Soldat zu sein, wie an dem Tage, da er seine Hütte mit dem Feldlager vertauschte.
Die Armee Wilhelm’s.
Wilhelm hatte unter seinen Befehlen nahe an sechsunddreißigtausend Mann, die aus vieler Herren Länder stammten und vielerlei Sprachen redeten. Kaum eine einzige protestantische Kirche, kaum eine einzige protestantische Nation war nicht vertreten in dieser Armee, welche durch eine wunderbare Kette von Ereignissen dahin gebracht worden war, auf der entlegensten Insel des Westens für den protestantischen Glauben zu kämpfen. Ungefähr die Hälfte der Truppen waren geborene Engländer. Unter ihnen befand sich Ormond mit den Leibgarden und Oxford mit den Blauen. Sir Johann Lanier, ein Offizier, der sich auf dem Continent militärische Erfahrung erworben hatte und dessen kluge Umsicht hoch geschätzt wurde, stand an der Spitze des Reiterregiments der Königin, jetzt das elfte der Dragonergarden. Ferner war Beaumont’s Infanterie dabei, die sich Jakob’s Befehl zum Trotz geweigert hatte, irische Papisten in ihre Reihen aufzunehmen, und Hastings’ Infanterie, die an dem unglücklichen Tage von Killiecrankie den militärischen Ruf des sächsischen Stammes gerettet hatte. Ferner die beiden Tangerschen Bataillone, bis dahin nur durch Gewaltthätigkeiten und Räubereien bekannt, aber dazu bestimmt, am folgenden Morgen eine lange Ruhmeslaufbahn zu beginnen. Die schottischen Garden kämpften unter dem Commando ihres Landsmannes Jakob Douglas. Zwei schöne englische Regimenter, welche im Dienste der Generalstaaten gestanden und unter Wilhelm’s Anführung schon oft dem Tode ins Angesicht geblickt hatten, begleiteten ihn in diesem Feldzuge nicht nur als ihren General, sondern auch als ihren vaterländischen König. Sie heißen gegenwärtig das fünfte und sechste der Linie. Das erstere wurde von einem Offizier geführt, der nur geringe Kenntniß von den höheren Zweigen der Kriegswissenschaft hatte, den aber die ganze Armee als den Tapfersten der Tapferen anerkannte, von Johann Cutts. Unter den holländischen Truppen zeichneten sich Portland’s und Ginkell’s Reiter und Solms’ blaues Regiment, aus zweitausend Mann der schönsten Infanterie von Europa bestehend, namentlich aus. Deutschland hatte einige seinen vornehmsten Familien entsprossene Krieger ins Feld geschickt. Prinz Georg von Hessen-Darmstadt, ein tapferer Jüngling, der seine Lehrzeit in der Kriegskunst bestand, ritt zur Seite des Königs. Eine starke Brigade dänischer Söldlinge wurde vom Herzog Karl Friedrich von Würtemberg befehligt, einem nahen Verwandten des Oberhauptes seiner erlauchten Familie. Man sagte, daß die Irländer unter allen Soldaten Wilhelm’s diese an meisten fürchteten. Denn Jahrhunderte sächsischer Oberhoheit hatten die Erinnerung an die Gewaltthätigkeit und Grausamkeit der skandinavischen Seekönige nicht verwischt, und eine alte Prophezeiung, daß die Dänen dereinst die Kinder des Landes vernichten würden, wurde noch immer mit abergläubischem Entsetzen wiederholt.[14] Unter den fremden Hülfstruppen befanden sich ein brandenburgisches und ein finnländisches Regiment. Doch in diesem großen, aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzten Heere waren zwei Corps von einem ganz besonders wilden und unversöhnlichem Geiste beseelt: die französischen Hugenotten, welche nach dem Blute der Franzosen lechzten, und die irischen Engländer, die es nicht erwarten konnten, die eingeborenen Irländer niederzutreten. Die Reihen der Refugiés waren von Spionen und Verräthern wirksam gesäubert worden und bestanden aus Männern, wie sie im vorhergehenden Jahrhundert gegen die Macht des Hauses Valois und gegen das Genie des Hauses Lothringen gekämpft hatten. Alle furchtlosen Männer der unbesiegbaren Colonie hatten sich in Wilhelm’s Lager begeben; so Mitchelburne mit den hartnäckigen Vertheidigern Londonderry’s, und Wolseley mit den Kriegern, welche am Tage von Newton Butler einstimmig „Vorrücken” gerufen hatten. Sir Albert Conyngham, der Ahnherr der edlen Familie, deren Stammschloß jetzt auf den Boyne herniedersieht, hatte aus der Umgegend des Ernesees ein tapferes Dragonerregiment herbeigeführt, das noch heute stolz ist auf den Namen Enniskillen und das an den Ufern des Schwarzen Meeres bewiesen hat, daß es seit der Schlacht am Boyne noch nicht ausgeartet ist.[15]
Walker, nunmehriger Bischof von Derry, begleitet die Armee.
Walker begleitete trotz seines vorgerückten Alters und seines friedlichen Berufs die Männer von Londonderry und suchte durch Wort und Beispiel ihren Eifer anzuspornen. Er war jetzt ein angesehener Prälat. Hesekiel Hopkins war vor den papistischen Verfolgern und presbyterianischen Rebellen nach London geflüchtet, hatte es über sich gewonnen, der Regierung Treue zu schwören, hatte eine Pfarre erhalten und war in der Ausübung der bescheidenen Amtspflichten eines Pfarrgeistlichen gestorben.[16] Wilhelm erfuhr auf seinem Marsche durch Louth, daß das reiche Bisthum Derry zu seiner Verfügung stand, und er ernannte sofort Walker zum neuen Bischofe. Der wackere Greis wurde während der wenigen Stunden, die ihm noch zu leben vergönnt waren, mit Huldigungen und Beglückwünschungen überhäuft. Unglücklicherweise war bei ihm von der Belagerung her, in der er sich so glänzend ausgezeichnet, eine Leidenschaft für das Kriegshandwerk zurück geblieben, und er redete sich leicht ein, daß er eine Pflicht gegen sein Vaterland und gegen seine Religion erfülle, wenn er sich dieser Leidenschaft hingebe. Er hätte bedenken sollen, daß die außergewöhnlichen Umstände, die ihn damals berechtigt hatten, die Waffen zu ergreifen, nicht mehr existirten und daß ein kämpfender Priester in einer disciplinirten Armee, welche von erfahrenen und berühmten Generälen geführt wird, viel wahrscheinlicher im Wege ist als etwas nützen kann. Der neuerwählte Bischof hatte sich vorgenommen, überall zu sein wo die Gefahr am größten war, und die Art und Weise, wie er sich der Gefahr aussetzte, erregte das äußerste Mißfallen seines königlichen Gönners, der einen Zudringlichen eben so wenig leiden konnte wie einen Feigling. Ein Soldat, der aus der Schlacht davonlief, und ein Geistlicher, der sich in die Schlacht drängte, waren die beiden Dinge, welche Wilhelm am meisten verdrossen.
Wilhelm recognoscirt die Stellung der Irländer.
Es war noch früh am Tage. Der König ritt langsam am nördlichen Ufer des Flusses hin und beobachtete aufmerksam die Stellung der Irländer, von denen er zuweilen nur durch einen Zwischenraum von wenig mehr als zweihundert Fuß getrennt war. Er war begleitet von Schomberg, Ormond, Sidney, Solms, Prinz Georg von Hessen, Coningsby und Anderen. „Ihre Armee ist nur klein,” sagte einer der holländischen Offiziere. Sie schien in der That aus nicht mehr als sechzehntausend Mann zu bestehen. Aus dem Munde von Ueberläufern wußte man aber, daß viele Regimenter durch die Erhabenheiten des Terrains verborgen wurden. „Sie sind vielleicht stärker als sie aussehen,” bemerkte Wilhelm; „aber mögen sie schwach oder stark sein, ich werde bald ins Reine darüber kommen.”[17]