Auflösung und allgemeine Wahl.

Jetzt erschien eine Proklamation, welche das Parlament auflöste. Es wurden Ausschreiben zu einer allgemeinen Wahl erlassen und bald war das ganze Königreich in Gährung. Van Citters, der eine Reihe von ereignißvollen Jahren in England zugebracht hatte, erklärte, er habe London nie heftiger bewegt gesehen.[54] Die Aufregung wurde durch Schriften aller Art, von Predigten in sechzehn Abschnitten bis herab zu leiernden Straßenballaden, genährt. Stimmlisten wurden, zum ersten Male in unsrer Geschichte, zur Benachrichtigung der Wahlbürger gedruckt und verbreitet. Zwei von diesen Listen kann man noch heute in allen Bibliotheken sehen. Die eine davon, welche von den Whigs in Circulation gesetzt war, enthielt die Namen derjenigen Tories, welche gegen die Erklärung der Thronerledigung gestimmt hatten. Die andre von den Tories in Umlauf gesetzte Liste enthielt die Namen derjenigen Whigs, welche die Sacheverell’sche Klausel unterstützt hatten.

Es zeigte sich bald, daß die öffentliche Meinung im Laufe des seit dem Zusammentritt der Convention verflossenen Jahres einen großen Umschwung erfahren hatte, und man kann nicht leugnen, daß dieser Umschwung, wenigstens zum Theil, die natürliche Folge und die gerechte Strafe des maßlosen und rachsüchtigen Gebahrens der Whigs war. Der City von London glaubten sie gewiß zu sein. Die Bürgerschaft hatte im vergangenen Jahre vier eifrige Whigs ohne Kampf gewählt; aber alle vier hatten für die Sacheverell’sche Klausel gestimmt, und durch diese Klausel würden viele von den Handelsfürsten von Lombard Street und Cornhill, Männer von großem Gewicht, neben denen die Goldschmiede mit gezogenem Hute unter den Arkaden der Börse auf und ab gingen, mit allen Unehren aus dem Collegium der Aldermen und aus dem Gemeinderathe gestoßen worden sein. Es war ein Kampf auf Leben und Tod; keine Anstrengungen, keine Kunstgriffe wurden gespart. Wilhelm schrieb an Portland, daß die Whigs der City in ihrer Verzweiflung sich aus nichts ein Gewissen machten und daß sie, wenn sie es so fort trieben, eine Indemnitätsacte eben so nöthig brauchen würden als die Tories. Es wurden jedoch vier Tories gewählt, und zwar mit einer so entschiedenen Majorität, daß der Tory, welcher die wenigsten Stimmen hatte, dem Whig, der die meisten hatte, um vierhundert Stimmen überlegen war.[55] Die Sheriffs, welche den Triumph ihrer Feinde so weit als möglich hinauszuschieben wünschten, bewilligten ein Scrutinium; aber obwohl die Majorität sich verminderte, blieb das Resultat unverändert.[56] Zu Westminster wurden zwei Gegner der Sacheverell’schen Klausel ohne Kampf gewählt.[57] Nichts aber bewies schlagender das durch die Proceduren des letzten Hauses der Gemeinen erregte Mißfallen, als die Vorgänge an der Universität Cambridge. Newton zog sich in sein stilles Observatorium über dem Thore von Trinity College zurück. Zwei Tories wurden mit überwiegender Majorität gewählt. Die meisten Stimmen hatte Sawyer, der erst wenige Tage vorher von der Indemnitätsbill ausgenommen und aus dem Hause der Gemeinen gestoßen worden war. Die Acten der Universität enthalten interessante Beweise dafür, daß die unkluge Härte, mit der er behandelt worden, ein enthusiastisches Gefühl für ihn geweckt hatte. Newton stimmte ebenfalls für Sawyer, und dieser bemerkenswerthe Umstand berechtigt uns zu der Annahme, daß auch der große Philosoph, auf dessen Genie und Tugend die Whigpartei mit Recht stolz ist, das starrsinnige und rachsüchtige Benehmen dieser Partei mit Schmerz und Mißfallen betrachtet hatte.[58]

Es stellte sich bald klar heraus, daß die Tories im neuen Hause der Gemeinen das Uebergewicht haben würden.[59] Indessen erlangten alle leitenden Whigs, bis auf einen einzigen, einen Sitz darin. Johann Hampden blieb ausgeschlossen und seine Abwesenheit wurde nur von den intolerantesten und unvernünftigsten Mitgliedern seiner Partei bedauert.[60]

Veränderungen in den executiven Verwaltungszweigen.

Unterdessen traf der König in fast jedem Zweige der ausübenden Verwaltung Aenderungen, welche der durch die allgemeine Wahl in der Beschaffenheit des gesetzgebenden Körpers bewirkten entsprachen. An die Bildung eines Ministeriums nach unseren jetzigen Begriffen dachte er jedoch nicht. Insbesondere behielt er sich die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten noch immer selbst vor und überwachte mit größter Aufmerksamkeit alle Anstalten für den bevorstehenden Feldzug in Irland. In seinen vertraulichen Briefen beklagte er sich, daß er mit wenig oder gar keinem Beistande die Organisation der desorganisirten militärischen Einrichtungen bewerkstelligen müsse. Es sei ein schweres Stück Arbeit, sagt er; aber es müsse durchgeführt werden, denn Alles hänge davon ab.[61] Im Allgemeinen war die Verwaltung noch immer in unabhängige Departements eingetheilt und in jedem Departement waren noch immer Whigs und Tories mit einander vermischt, wenn auch nicht ganz in dem früheren Verhältnisse. Im Jahre 1689 war das whiggistische Element entschieden vorherrschend gewesen; im Jahre 1690 herrschte das toryistische Element vor, obwohl nicht so entschieden.

Halifax hatte das Geheimsiegel abgegeben und es wurde Chesterfield angetragen, einem Tory, der in der Convention für eine Regentschaft gestimmt hatte. Chesterfield aber weigerte sich, sein Landhaus und seine Gärten in Derbyshire mit dem Hofe und dem Berathungszimmer zu vertauschen, und das Siegel wurde daher einer Commission anvertraut.[62] Caermarthen war jetzt der Hauptrathgeber der Krone in allen auf die innere Verwaltung und auf die Leitung der beiden Parlamentshäuser bezüglichen Angelegenheiten. Den weißen Stab und die damit verbundene ungeheure Macht aber war Wilhelm noch immer entschlossen niemals einem einzelnen Unterthan zu übertragen.

Caermarthen erster Minister.

Caermarthen blieb daher nach wie vor Lordpräsident, bezog aber eine Reihe von Gemächern in St. James Palace, was für eine nur dem Premierminister zustehende Bevorzugung galt.[63] Er hatte während des vorhergehenden Jahres sein seltenes Erscheinen im Staatsrathe mit schwankender Gesundheit entschuldigt, und die Entschuldigung war nicht unbegründet, denn seine Verdauungsorgane hatten einige krankhafte Eigenthümlichkeiten, welche das ganze Collegium der Aerzte außer Fassung brachten; seine Gesichtsfarbe war blaß, seine Gestalt hager und sein Gesicht, obgleich hübsch und geistvoll, hatte einen verstörten Ausdruck, der eben so wohl ein fortwährendes Leiden wie einen rastlosen Ehrgeiz verrieth.[64] Sobald er jedoch wieder Minister war, widmete er sich eifrig den Staatsgeschäften und arbeitete täglich vom frühen Morgen bis zum Abend mit einer Energie, welche Jedermann, der seine geisterhaften Züge und seinen unsicheren Gang sah, in Erstaunen setzte.

Hatte er nun auch für sich selbst das Schatzmeisteramt nicht erlangen können, so war doch sein Einfluß im Schatzamte groß. Monmouth, der erste Commissar, und Delamere, der Kanzler der Schatzkammer, zwei der heftigsten Whigs in England, gaben ihre Sitze auf. Bei dieser, wie bei vielen anderen Gelegenheiten zeigte es sich, daß sie nichts als ihren Whiggismus mit einander gemein hatten. Der oberflächliche Monmouth, der sich wohl bewußt war, daß er keine von den Eigenschaften eines Finanzmannes besaß, scheint sich nicht persönlich verletzt gefühlt zu haben, daß er von einem Posten entfernt wurde, den er nie hätte einnehmen sollen. Er nahm mit Dank eine Pension an, die er bei seinen verschwenderischen Gewohnheiten sehr gut brauchen konnte, und fuhr fort, den Staatsrathssitzungen beizuwohnen, den Hof zu frequentiren und die Functionen eines Kammerherrn zu versehen.[65] Auch versuchte er sich in militärischen Angelegenheiten nützlich zu machen, die er wenn nicht gut, doch besser verstand als die meisten seiner vornehmen Standesgenossen, und er bezeigte einige Monate lang Caermarthen große Achtung. Delamere war dagegen in ganz andrer Stimmung. Umsonst bezahlte man ihm seine Dienste überreichlich mit Ehren und Reichthümern. Er wurde zum Earl von Warrington creirt und erhielt alle Jesuiten gehörenden Ländereien, welche in fünf oder sechs Grafschaften entdeckt werden konnten. Eine von ihm geltend gemachte Forderung wegen Ausgaben, die er zur Revolutionszeit gehabt, wurde ihm ebenfalls zugestanden und er nahm als Lohn für seine patriotischen Anstrengungen eine Summe mit sich in seine Zurückgezogenheit, die der Staat schwer entbehren konnte. Doch sein Unmuth war dadurch nicht zu beschwichtigen und er beklagte sich bis an sein Ende bitter über den Undank, mit dem man ihm und seiner Partei gelohnt habe.[66]