Prozeß und Hinrichtung Fernley’s und der Elisabeth Gaunt. [So] schwarz dieser Fall auch war, es war noch nicht der schwärzeste, der die damalige Herbstsession der Old Bailey schändete. Unter den bei dem Ryehousecomplot Betheiligten war auch ein gewisser Jakob Burton. Er war nach seinem eignen Geständniß dabei zugegen gewesen, als der Mordplan von seinen Mitverschwornen berathen wurde. Nach Entdeckung des Complots wurde auf seine Festnehmung eine Belohnung gesetzt. Eine alte Matrone, baptistischen Glaubens, Namens Elisabeth Gaunt, rettete ihn vom Tode. Diese Frau verband mit den eigenthümlichen Manieren und Redensarten, durch welche sich damals ihre Secte auszeichnete, eine barmherzige Menschenliebe. Der Zweck ihres ganzen Lebens war die Unterstützung der Unglücklichen jedes Glaubensbekenntnisses, und sie war als eine regelmäßige Besucherin der Gefängnisse allgemein bekannt. Ihre politische und religiöse Meinung sowohl als ihr mitleidiges Herz trieben sie an, Alles, was in ihren Kräften stand, für Burton zu thun. Sie verschaffte ihm ein Boot, das ihn nach Gravesend mitnahm, wo er an Bord eines nach Amsterdam bestimmten Schiffes ging. Im Augenblicke der Abreise gab sie ihm noch eine für ihre Verhältnisse sehr bedeutende Summe Geldes. Nachdem Burton einige Zeit in der Verbannung gelebt hatte, kehrte er mit Monmouth nach England zurück, focht bei Sedgemoor und flüchtete sich dann nach London in das Haus eines Barbiers in Whitechapel, Namens Johann Fernley. Fernley war sehr arm, wurde von Gläubigern gedrängt und wußte, daß auf Burton’s Einlieferung von der Regierung hundert Pfund Sterling ausgesetzt waren. Aber der wackere Mann war nicht im Stande, einen Menschen zu verrathen, der in der äußersten Gefahr unter sein schützendes Dach gekommen war. Unglücklicherweise wurde es bald ruchbar, daß Jakob’s Zorn weit heftiger gegen Diejenigen entbrannt war, welche Rebellen beherbergten, als gegen die Rebellen selbst. Er hatte öffentlich erklärt, daß das Verbergen von Verräthern vor seiner Rache die unverzeihlichste Form des Hochverraths sei. Burton wußte dies. Er stellte sich daher freiwillig der Regierung und denuncirte Fernley und Elisabeth Gaunt. Sie wurden verhaftet, die Untersuchung gegen sie eingeleitet, und der Schurke, dem sie das Leben gerettet, hatte den Muth und die Frechheit, als Hauptzeuge gegen sie aufzutreten. Sie wurden für schuldig befunden und Fernley zum Galgen, Elisabeth Gaunt aber zum Scheiterhaufen verurtheilt. Selbst nach all’ den Gräuelscenen jenes Schreckensjahres hielten Viele es für unmöglich, daß diese Urtheile vollzogen werden könnten. Aber der König kannte kein Erbarmen. Fernley wurde gehängt und Elisabeth Gaunt an dem nämlichen Tage, an welchem Cornish in Cheapside den Tod erlitt, in Tyburn lebendig verbrannt. Sie hinterließ einige Aufzeichnungen, die zwar nicht in einem eleganten Style, aber doch so geschrieben waren, daß viele Tausende sie mit tiefer Rührung und zugleich mit Entsetzen lasen. „Mein Vergehen“, sagte sie, „war eines, das ein Fürst wohl hätte verzeihen können. Ich half nur einer unglücklichen Familie, und dafür muß ich nun sterben!“ Sie beklagte sich über die Rücksichtslosigkeit der Richter, über die Härte des Kerkermeisters und über die Tyrannei des Größten von Allen, der sie und so viele Andere dem Tode überliefert. Insofern diese Menschen nur ihr persönlich Unrecht gethan hätten, vergäbe sie ihnen, als unversöhnliche Feinde der guten Sache aber, die schon wieder aufleben und gedeihen werde, überlasse sie sie dem Richterspruche des Königs der Könige. Sie bewahrte bis zum letzten Augenblicke eine ruhige Fassung, welche die Zuschauer an die heldenmüthigsten Beispiele von Todesverachtung erinnerte, die sie in Fox gelesen hatten. Wilhelm Penn, für den Schauspiele, welche zartfühlende Menschen in der Regel meiden, einen ganz besondren Reiz gehabt zu haben scheinen, eilte von Cheapside, wo er Cornish hatte hängen sehen, nach Tyburn, um Elisabeth Gaunt verbrennen zu sehen. Er erzählte nachher, daß alle Umstehenden in Thränen ausgebrochen seien, als sie ruhig das Stroh um sich herum so ordnete, daß ihre Leiden möglichst abgekürzt werden möchten. Es wurde viel davon gesprochen, daß, während der abscheulichste Justizmord verübt ward, der jene Schreckenszeit schändete, ein Sturm losbrach, wie man ihn seit dem großen Orkane, der um das Todesbett Oliver Cromwell’s wüthete, nicht wieder erlebt hatte. Die bedrückten Puritaner zählten nicht ohne finstre Genugthuung die umgeworfenen Häuser und verschlagenen Schiffe zusammen und fanden einigen Trost in dem Gedanken, daß der Himmel seinen Zorn über die Ungerechtigkeiten, unter denen die Erde seufzte, so sprechend äußere. Seit jenem fürchterlichen Tage hat in England kein Weib wieder eines politischen Verbrechens wegen den Tod erlitten.[154]
[154.] Prozeß Fernley’s und der Elisabeth Gaunt in der Collection of State Trials; Burnet I. 649; Bloody Assizes; Sir J. Bramston’s Memoirs; Luttrell’s Diary, Oct. 23. 1685.
Prozeß und Hinrichtung Bateman’s. [Man] war der Meinung, daß Goodenough’s Begnadigung noch nicht hinreichend gesühnt sei. Die Regierung wollte noch ein Opfer niederen Standes vernichten, einen Wundarzt, Namens Bateman. Er war Arzt bei Shaftesbury und ein eifriger Exclusionist gewesen; es ist möglich, daß er in das Whigcomplot eingeweiht war, so viel aber steht fest, daß er nicht zu den leitenden Häuptern der Verschwörung gehörte, denn in der großen Menge von Aussagen, welche die Regierung veröffentlichte, war sein Name nur einmal genannt, und zwar nicht in Verbindung mit irgend einem an Hochverrath grenzenden Verbrechen. Aus seiner Anklageacte und den auf uns gekommenen spärlichen Angaben über seinen Prozeß scheint klar hervorzugehen, daß er der Betheiligung an dem Plane, die königlichen Brüder zu ermorden, nicht einmal beschuldigt wurde. Die Gehässigkeit, mit der ein so unbedeutender und eines so geringfügigen Vergehens schuldiger Mann dem Tode überliefert wurde, während viel straffälligere und wichtigere Hochverräther sich dadurch loskauften, daß sie als Zeugen gegen ihn auftraten, schien einer Erklärung zu bedürfen, und man fand auch eine solche, die aber schmachvoll genug war. Als Oates nach seiner Auspeitschung besinnungslos und Aller Meinung nach schon halb todt nach Newgate gebracht worden war, hatte Bateman ihn zur Ader gelassen und ihn verbunden. Das war ein unverzeihliches Verbrechen. Bateman wurde verhaftet und in Anklagestand versetzt. Die gegen ihn auftretenden Zeugen waren ehrlose Menschen, die jeden möglichen Eid ablegten, wenn sie dadurch ihr Leben retten konnten. Keiner von ihnen war schon begnadigt, und das Volk pflegte zu sagen, daß sie wie abgerichtete Seeraben mit dem Stricke um den Hals nach Beute fischten. Der durch Krankheit geistig und körperlich angegriffene Gefangne war nicht im Stande, vernehmlich zu sprechen, noch zu verstehen, was um ihn her vorging. Sein Sohn und seine Tochter standen vor Gericht an seiner Seite; sie lasen so gut sie konnten einige Angaben vor, die er niedergeschrieben hatte, und befragten die Entlastungszeugen. Doch es half ihnen nichts, ihr Vater wurde verurtheilt, gehängt und geviertheilt.[155]
[155.] Bateman’s Prozeß in der Collection of State Trials; Sir John Hawles’s Remarks. Es ist der Mühe werth, Thomas Lee’s Aussagen bei dieser Gelegenheit mit seinem früher amtlich veröffentlichten Geständnisse zu vergleichen.
Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters. [Noch] nie, selbst nicht unter Laud’s tyrannischer Herrschaft, war die Lage der Puritaner so traurig gewesen, als zu jener Zeit. Nie war so eifrig spionirt worden, um religiöse Versammlungen zu entdecken, nie hatten Behörden, Mitglieder der großen Jury, Pfarrer und Kirchenälteste eine solche Wachsamkeit entwickelt. Viele Dissenters wurden vor die geistlichen Gerichtshöfe geladen; Andere hielten es für nöthig, die Nachsicht der Regierungsagenten durch Geschenke zu erkaufen, welche zum Beispiel in Fässern Wein und in mit Guineen gefüllten Handschuhen bestanden. Die Separatisten konnten nicht gemeinschaftlich beten, ohne Vorsichtsmaßregeln zu beobachten, wie sie von Falschmünzern und Diebshehlern angewendet werden. Die Versammlungsorte wurden häufig gewechselt; der Gottesdienst wurde zuweilen kurz vor Tagesanbruch, zuweilen mitten in der Nacht gehalten; um das Gebäude, in welchem die kleine Heerde versammelt war, wurden Wachen ausgestellt, um sogleich Lärm zu machen, wenn ein Unbekannter sich näherte. Der Geistliche wurde verkleidet durch den Garten und durch eine Hinterthür eingeführt; in einigen Häusern waren Fallthüren, durch die er bei vorkommender Gefahr verschwinden konnte. Wo Nonconformisten nebeneinander wohnten, waren oft die Wände durchbrochen und verborgene Communicationsthüren angebracht. Kein Psalm wurde gesungen und allerhand künstliche Mittel angewendet, um zu verhindern, daß die Stimme des Predigers in Momenten feuriger Inbrunst außerhalb der Mauern gehört werden konnte. Doch bei aller dieser Vorsicht war es oft unmöglich, die Wachsamkeit der Späher zu täuschen. Besonders in den Vorstädten Londons wurde das Gesetz mit der äußersten Strenge durchgeführt. Mehrere reiche Leute wurden angeklagt, daß sie Conventikel hielten, ihre Häuser streng durchsucht und sie mit Geldstrafen bis zu mehreren tausend Pfund belegt. Die leidenschaftlicheren und furchtloseren Sectirer, welche so aus ihrem schützenden Obdache vertrieben wurden, versammelten sich dann unter freiem Himmel, und beschlossen, Gewalt mit Gewalt zu erwiedern. Ein Richter von Middlesex, der erfahren hatte, daß in einer Sandgrube, ungefähr zwei Meilen von London, eine nächtliche Betversammlung stattfinden sollte, drang mit einer starken Abtheilung Constabler in die Versammlung ein und verhaftete den Prediger. Aber die aus zweihundert Köpfen bestehende Gemeinde befreite ihren Geistlichen wieder und schlug den Beamten mit seinen Schergen in die Flucht.[156] Dies war jedoch ein ungewöhnlicher Fall, denn im Allgemeinen schien der puritanische Geist damals viel wirksamer eingeschüchtert, als zu irgend einer früheren oder späteren Zeit. Die toryistischen Tagesschriftsteller rühmten sich, daß nicht ein Fanatiker zur Vertheidigung seiner religiösen Ansichten die Zunge oder die Feder zu rühren wage. Dissenterprediger vom tadellosesten Lebenswandel und von ausgezeichneter Bildung und Gelehrsamkeit durften es nicht wagen, auf die Straße zu gehen, wenn sie sich nicht Beleidigungen und Mißhandlungen aussetzen wollten, welche von Denen, deren Pflicht es war, Ruhe und Frieden aufrecht zu erhalten, nicht nur nicht verhindert, sondern sogar begünstigt wurden. Einige berühmte Theologen saßen im Gefängniß, unter ihnen Richard Baxter; Andere, die ein Vierteljahrhundert lang die Unterdrückung ertragen hatten, verloren endlich den Muth und verließen das Land. Unter diesen befand sich Johann Howe. Eine Menge Leute, welche früher Conventikel zu besuchen pflegten, gingen in die Pfarrkirchen. Man machte die Bemerkung, daß die Schismatiker, welche durch die Angst angetrieben worden waren, sich scheinbar der Staatskirche anzubequemen, leicht an der Schwierigkeit, mit der sie die Collecte fanden, und an der linkischen Art zu erkennen waren, mit der sie sich bei dem Namen Jesu verneigten.[157]
Noch viele Jahre lang erinnerten sich die Nonconformisten des Herbstes 1685 als einer Zeit der Noth und des Schreckens. Dennoch waren in jenem Herbste schon die ersten schwachen Anzeichen eines Schicksalswechsels zu bemerken, und noch vor Ablauf von achtzehn Monaten bewarben sich der unduldsame König und die unduldsame Kirche eifrigst um die Unterstützung der Partei, welche beide so tief gekränkt hatten.
[156.] Citters, 13.(23.) Oct. 1685.
[157.] Neal’s History of the Puritans, Calamy’s Account of the ejected ministers, und The Nonconformist Memorial enthalten zahlreiche Beispiele von der Härte dieser Verfolgungen. Howe’s Abschiedsbrief an seine Gemeinde findet man in der interessanten Lebensbeschreibung dieses großen Mannes von Rogers. Howe beklagt sich darin, daß er es nicht wagen dürfe, sich auf den Straßen Londons zu zeigen und daß der Mangel an frischer Luft und Bewegung seine Gesundheit angegriffen habe. Die lebendigste Schilderung des Elends der Nonconformisten aber giebt ihr Todfeind Lestrange im Observator vom September und October 1685.