Halifax fällt in Ungnade. [Sobald] dies bekannt wurde, mahnte ihn ein dumpfes Murren, der Vorläufer eines Gewittersturmes, daß der Geist, dem sein Großvater, sein Vater und sein Bruder hatten weichen müssen, nur schlummere, aber noch nicht erloschen sei. Der Widerstand zeigte sich zuerst im Kabinet. Halifax versuchte es gar nicht, seinen Unmuth und seine Besorgniß zu verhehlen; im geheimen Rathe sprach er furchtlos die Gefühle aus, von denen, wie es sich sehr bald zeigte, die ganze Nation durchdrungen war. Da keiner seiner Collegen ihn unterstützte, ließ man den Gegenstand fallen. Nach der Sitzung aber wurde er in’s königliche Kabinet berufen und er hatte zwei lange Conferenzen mit seinem Gebieter. Jakob versuchte die Wirkung von Schmeicheleien und Complimenten, aber vergebens, Halifax weigerte sich auf das Bestimmteste zu versprechen, daß er im Hause der Lords für die Abschaffung der Testacte oder der Habeas-Corpus-Acte stimmen werde.
Einige Männer aus der Umgebung des Königs riethen ihm, am Vorabende der Einberufung des Parlaments nicht den beredtesten und vollendetsten Staatsmann des Jahrhunderts in das Lager der Opposition zu treiben. Sie stellten ihm vor, daß Halifax die Ehre und das Einkommen seines Amtes liebe, daß, so lange er Lordpräsident sei, er schwerlich mit seiner ganzen Kraft gegen die Regierung auftreten werde, daß aber die Entlassung von seinem hohen Posten so viel heiße, als ihn aller Rücksichten entbinden. Der König aber beharrte auf seinem Vorsatze, Halifax wurde benachrichtigt, daß man seiner Dienste nicht mehr bedürfe, und sein Name in dem Geheimrathsbuche gestrichen[9].
[9.] Geheimrathsbuch. Der Name wurde gestrichen am 21. Oct. 1685. Halifax an Chesterfield; Barillon, 19.(29.) Oct.
Allgemeine Unzufriedenheit. [Seine] Entlassung machte nicht allein im England, sondern in Paris, in Wien und im Haag großes Aufsehen, denn es war wohl bekannt, daß er stets darauf hingearbeitet hatte, den Einfluß des Hofes von Versailles auf die Angelegenheiten Englands zu neutralisiren. Ludwig freute sich über die Nachricht; die Gesandten der Vereinigten Provinzen und des Hauses Österreich dagegen priesen die Weisheit und die Tugenden des entlassenen Staatsmannes in einer Weise, welche in Whitehall großes Ärgerniß erregte. Ganz besonders aufgebracht war Jakob gegen den Sekretär der kaiserlichen Gesandtschaft, der sich nicht scheute zu sagen, daß die wichtigen Dienste, welche Halifax in der Debatte über die Ausschließungsbill geleistet habe, mit grobem Undanke vergolten würden[10].
Es zeigte sich bald, daß Halifax viele Nachfolger haben werde. Ein Theil der Tories, mit ihrem alten Führer Danby an der Spitze, begann eine whiggistische Sprache zu führen; selbst die Prälaten gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß es einen Punkt gebe, wo die dem Fürsten schuldige Loyalität höheren Rücksichten weichen müsse. Die Unzufriedenheit der Generäle war noch größer und besorgnißerregender. Schon zeigten sich die ersten Symptome jener Stimmung, welche drei Jahre später so viele hohe Offiziere antrieb, die königliche Fahne zu verlassen. Männer, welche sich sonst aus nichts ein Gewissen machten, wurden jetzt mit einem Male auffallend bedenklich. Churchill äußerte schüchtern, daß der König doch etwas zu weit gehe. Kirke, der eben von seiner Schlächterei im Westen zurückgekehrt war, schwur, daß er am protestantischen Glauben festhalten werde, und selbst wenn er den Glauben, in welchem er erzogen worden, abschwören sollte, so werde er doch nie ein Papist werden. Er habe sich bereits vergeben; wenn er überhaupt seinem Glauben je entsage, so sei er durch ein dem Kaiser von Marokko gegebenes feierliches Versprechen verbunden, Muselmann zu werden[11].
[10.] Barillon, 26. Oct, (5. Nov.) 1685; Ludwig an Barillon 27. Oct, (6. Nov.) und 6/16. Nov.
[11.] Ein interessanter Bericht über das erste Erscheinen der Symptome von Unzufriedenheit unter den Tories findet sich in einem Briefe von Halifax an Chesterfield, geschrieben im October 1635. Burnet I. 684.
Verfolgung der französischen Hugenotten. [Während] die schon in mannichfacher Beziehung aufgeregte Nation mit ängstlicher Spannung dem Wiederzusammentritt der Parlamentshäuser entgegensah, kamen Nachrichten aus Frankreich, welche die Aufregung noch vermehrten.
Der lange und heldenmüthige Kampf, den die Hugenotten gegen die französische Regierung bestanden hatten, war durch Richelieu’s Geschicklichkeit und Energie zu einem endlichen Schlusse gebracht worden. Dieser große Staatsmann besiegte sie, sicherte ihnen aber die ihnen durch das Edict von Nantes verliehene Gewissensfreiheit zu. Es wurde ihnen unter einigen leichten Beschränkungen gestattet, Gott nach ihrem Ritual zu verehren und zur Vertheidigung ihrer Lehre zu schreiben. Alle Civil- und Militairämter standen ihnen offen und geraume Zeit hindurch war ihre Ketzerei kein praktisches Hinderniß für sie, um sich in der Welt emporzuschwingen. Einige von ihnen befehligten Armeecorps, Andere standen an der Spitze wichtiger Zweige der Civilverwaltung. Endlich aber trat eine Veränderung ein. Ludwig XIV. hegte schon seit langer Zeit eine politische und religiöse Abneigung gegen die Calvinisten. Als eifriger Katholik verabscheute er ihre theologischen Dogmen, und als Fürst, der die Willkürherrschaft liebte, verabscheute er die republikanischen Theorien, welche in die Genfer Theologie verwoben waren. Er verkürzte nach und nach alle Rechte, welche die Schismatiker genossen. Er mischte sich in die Erziehung der protestantischen Kinder, confiscirte Besitzungen, welche protestantischen Consistorien durch Erbschaft zugefallen waren, und schloß unter nichtigen Vorwänden protestantische Kirchen. Die protestantischen Geistlichen wurden von den Steuereinnehmern gequält, den protestantischen Magistratspersonen die Adelstitel entzogen, und den protestantischen Hofbeamten angekündigt, daß Seine Majestät ihrer Dienste nicht mehr bedürfe. Es wurde Befehl gegeben, daß kein Protestant mehr im Justizfache angestellt werden solle. Die unterdrückte Secte ließ einige schwache Anzeichen von dem Geiste blicken, der im vorhergehenden Jahrhundert der ganzen Macht des Hauses Valois Trotz geboten hatte. Es erfolgten Metzeleien und Hinrichtungen. In die Städte, wo sich viele Ketzer befanden und auf die Güter des ketzerischen Adels wurden Dragoner gelegt, und die Grausamkeit und Zügellosigkeit dieser rohen Missionare wurde von der Regierung gutgeheißen oder doch nur sehr mild getadelt. Indessen war das Edict von Nantes, obgleich es in seinen wesentlichsten Punkten factisch verletzt wurde, nicht förmlich aufgehoben, und der König erklärte wiederholt in feierlichen öffentlichen Erlassen, daß er entschlossen sei, es aufrecht zu erhalten. Aber die Fanatiker und Schmeichler, denen er ein geneigtes Ohr lieh, gaben ihm Rathschläge, die er zu befolgen nur zu bereit war. Sie stellten ihm vor, daß seine strenge Politik außerordentlich erfolgreich gewesen sei, daß sein Wille wenig oder gar keinen Widerstand gefunden habe, daß schon Tausende von Hugenotten bekehrt worden seien, und wenn er noch den letzten entscheidenden Schritt thue, so würden sich die bis jetzt noch hartnäckig Widerstrebenden bald fügen, Frankreich von dem Flecken der Ketzerei vollkommen gereinigt sein und sein Beherrscher sich eine himmlische Krone verdienen, nicht minder ruhmvoll als die des heiligen Ludwig. Diese Gründe schlugen durch. Der letzte Streich wurde geführt, das Edict von Nantes wurde widerrufen und eine Menge Verordnungen gegen die Sectirer erschienen in rascher Aufeinanderfolge. Knaben und Mädchen wurden ihren Eltern entrissen und in Klöster geschickt, um dort erzogen zu werden. Alle calvinistischen Geistlichen wurden aufgefordert, entweder ihren Glauben abzuschwören, oder binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen. Den anderen Bekennern, des reformirten Glaubens wurde verboten, das Königreich zu verlassen, und um ihre Flucht zu verhindern, wurden die Häfen und Grenzen streng bewacht. Man glaubte, daß die auf solche Art von ihren gefährlichen Hirten getrennten Heerden bald in ihre wahre Hürde zurückkehren würden. Aber trotz aller Wachsamkeit der militairischen Polizei fand eine bedeutende Auswanderung statt; es wurde berechnet, daß binnen wenigen Monaten funfzigtausend Familien Frankreich für immer verließen. Auch waren diese Flüchtlinge keineswegs Leute, die ein Land leicht entbehren kann, denn die Mehrzahl von ihnen waren Personen von aufgeklärter Bildung, von großer Betriebsamkeit und von strengen Sitten. Es befinden sich Namen darunter, die in Krieg, Wissenschaft, Literatur und Kunst eine hervorragende Stellung einnahmen. Einige von den Verbannten boten Wilhelm von Oranien ihre Schwerter an und zeichneten sich durch die Erbitterung aus, mit der sie nachher gegen ihren Unterdrücker kämpften. Andere rächten sich durch noch furchtbarere Waffen und reizten durch die holländische, englische und deutsche Presse dreißig Jahre lang die öffentliche Meinung Europa’s gegen die französische Regierung auf. Ein friedlicher gesinnter Theil errichtete in der östlichen Vorstadt Londons Seidenmanufacturen; ein andrer Theil unterrichtete die Sachsen in der Verfertigung von Stoffen und Hüten, für welche Frankreich bis dahin das Monopol gehabt hatte. Noch Andere pflanzten die ersten Weinstöcke in der Nähe des Caps der guten Hoffnung[12].
Unter gewöhnlichen Umständen würden die Höfe von Spanien und Rom einem Fürsten, der so nachdrücklich gegen die Ketzerei zu Felde zog, den lebhaftesten Beifall gezollt haben. Aber die Ungerechtigkeit und der Hochmuth Ludwig’s hatten einen solchen Haß erregt, daß, als er zum Verfolger wurde, die Höfe von Spanien und Rom für die religiöse Freiheit Partei nahmen und laut die Grausamkeit mißbilligten, eine wilde und freche Soldateska gegen ein harmloses Volk zu hetzen[13]. Das ganze protestantische Europa brach in einen Schrei des Schmerzes und der Wuth aus. Nach England kam die Nachricht von der Zurücknahme des Edicts von Nantes ungefähr eine Woche vor dem Tage, bis zu welchem das Parlament vertagt war. Es wurde nun klar, daß der Geist Gardiner’s und Alba’s noch immer der Geist der römisch-katholischen Kirche war. Ludwig stand Jakob an Hochherzigkeit und Humanität nicht nach und war ihm in allen Fähigkeiten und Kenntnissen eines Staatsmannes jedenfalls weit überlegen. Wie Jakob, hatte auch Ludwig zu wiederholten Malen versprochen, die Rechte seiner protestantischen Unterthanen zu achten. Dennoch trat Ludwig jetzt ganz offen als Verfolger des reformirten Glaubens auf. Konnte man wohl zweifeln, daß Jakob nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um dieses Beispiel nachzuahmen? Schon bildete er, dem Gesetz zum Hohn, eine Militairmacht, die zum großen Theile von römisch-katholischen Offizieren befehligt ward. Lag wohl etwas Unvernünftiges in der Befürchtung, daß diese Armee zu gleichen Zwecken verwendet werden sollte, wie die fränzösischen Dragoner?