Ansichten auswärtiger Regierungen. [Die] fremden Gesandtschaften waren alle in heftiger Aufregung. Sie erkannten sehr wohl, daß wenige Tage die große Frage entscheiden würden, ob der König von England der Vasall des Königs von Frankreich war oder nicht. Die Gesandten des Hauses Österreich wünschten sehnlich, daß Jakob sein Parlament zufrieden stellen möchte. Innocenz hatte zwei Männer nach London geschickt, welche beauftragt waren, durch Zureden und gutes Beispiel auf Mäßigung zu dringen. Einer von diesen war Johann Leyburn, ein englischer Dominikaner, der Sekretär beim Cardinal Howard gewesen war und der bei einiger Gelehrsamkeit und einem reichen Schatze natürlichen Verstandes der besonnenste, geschickteste und verschwiegenste Mann war, den es geben konnte. Er war unlängst zum Bischof von Adrumetum geweiht und zum apostolischen Vikar in Großbritannien ernannt worden. Ferdinand, Graf von Adda, ein Italiener von nicht gerade ausgezeichneten Geistesgaben, aber von sanftem Character und einnehmendem Wesen, war zum Nuntius ernannt worden. Jakob nahm diese Würdenträger sehr freundlich auf. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hatte kein römisch-katholischer Bischof geistliche Functionen auf der Insel verwaltet, und während der hundertsiebenundzwanzig Jahre seit dem Tode Maria’s war kein päpstlicher Nuntius bei uns empfangen worden. Leyburn erhielt eine Wohnung in Whitehall und einen Jahrgehalt von tausend Pfund. Adda nahm noch keinen öffentlichen Character an, galt für einen vornehmen Fremden, der zu seinem Vergnügen nach London gekommen war, erschien täglich bei Hofe und wurde mit großer Auszeichnung behandelt. Beide päpstliche Gesandte thaten ihr Möglichstes, um das Gehässige, das von ihrer amtlichen Stellung unzertrennlich war, zu mildern und den unbesonnen Eifer Jakob’s zu dämpfen. Der Nuntius insbesondere erklärte, daß nichts der römischen Kirche nachtheiliger sein könne, als ein Bruch zwischen dem Könige und dem Parlamente[18].
Barillon war auf der entgegengesetzten Seite thätig. Die Instructionen, welche er bei dieser Gelegenheit von Versailles erhielt, verdienen aufmerksam studirt zu werden, denn sie geben den Schlüssel zu der Politik, die sein Gebieter während der letzten zwanzig Jahre vor unsrer Revolution systematisch gegen England verfolgte. Die Nachrichten von Madrid, schrieb Ludwig, lauteten sehr beunruhigend; man hege dort die sichere Hoffnung, daß Jakob sich mit dem Hause Österreich eng verbinden werde, sobald er die Gewißheit habe, daß sein Parlament ihm nicht zu schaffen machen werde. Unter diesen Umständen lag es augenscheinlich im Interesse Frankreichs, daß das Parlament sich widerspenstig zeigte, und Barillon erhielt daher Befehl, mit aller möglichen Vorsicht gegen etwaige Entdeckung die Rolle eines Friedensstörers zu spielen. Bei Hofe sollte er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um den religiösen Eifer und den Herrscherstolz Jakob’s aufzustacheln, zu gleicher Zeit aber dürfte es auch wünschenswerth sein, daß er geheime Verbindungen mit den Mißvergnügten unterhalte. Allerdings seien diese Verbindungen gefährlich und erforderten die äußerste Gewandtheit; aber es werde dem Gesandten auf diese Weise vielleicht gelingen, ohne sich und seine Regierung zu compromittiren, den Eifer der Opposition für die Gesetze und Freiheiten Englands zu beleben und dabei zu verstehen zu geben, daß diese Gesetze und Freiheiten von seinem Gebieter nicht mißfällig betrachtet würden[19].
[18.] Dodd’s Church History; Leeuwen, 17.(27.) Nov. 1685; Barillon, 24. Dec. 1685. Barillon sagt von Adda: „On l’avoit fait prévenir que la sureté et l’avantage des Catholiques consistoient dans une réunion entière de Sa Majesté Britannique et de son parlement.“ Briefe von Innocenz an Jakob vom 27. Juli (6. Aug.) und 23. Sept. (3. Octbr.) 1685; Depeschen von Adda vom 9.(19.) u. 16.(26.) Nov. 1685. Die höchst interessante Correspondenz Adda’s, aus den päpstlichen Archiven abgeschrieben, befindet sich im Britischen Museum, nachträgliche Handschriften Nr. 15395.
[19.] Diese höchst merkwürdige Depesche trägt das Datum vom 9.(19.) Nov. 1685 und findet sich im Anhange zu Fox’ Geschichte.
Comité der Gemeinen wegen der Thronrede. [Als] Ludwig diese Instructionen ertheilte, ahnete er gewiß nicht, wie bald und vollständig seine Befürchtungen durch Jakob’s Hartnäckigkeit und Dummheit gehoben werden würden. Am 12. November trat das Haus der Gemeinen zu einem Comité zur Berathung der Thronrede zusammen. Der Staatsanwalt Heneage Finch nahm den Präsidentenstuhl ein. Die Debatte wurde von den Oberhäuptern der neuen Vaterlandspartei mit seltenem Takt und Geschick geleitet. Niemandem entschlüpfte ein Ausdruck, der Mangel an Achtung vor dem Souverain oder Sympathie für die Rebellen verrathen hätte. Der Aufstand im Westen wurde stets mit Abscheu erwähnt und von Kirke’s oder Jeffreys’ Grausamkeiten kein Wort gesagt. Es wurde zugegeben, daß die durch die letzen Unruhen verursachten bedeutenden Ausgaben den König berechtigten, eine fernerweite Creditbewilligung zu verlangen, gegen die Vermehrung der Armee und die Verletzung der Testacte aber wurden sehr ernste Einwürfe erhoben.
Den Gegenstand der Testacte übergingen die Höflinge mit geflissentlichem Stillschweigen, dagegen aber hoben sie mit ziemlichem Nachdrucke die großen Vorzüge eines stehenden Heeres vor einer Miliz hervor. Einer von ihnen fragte höhnisch, ob die Vertheidigung des Königs etwa den Rindfleischessern überlassen bleiben solle. Ein Andrer äußerte, daß er wohl wissen möchte, wie sich die Milizen von Devonshire, welche vor Monmouth’s Sensenmännern in wilder Verwirrung geflohen seien, den Haustruppen Ludwig’s gegenüber Stand gehalten haben würden. Diese Argumente aber machten auf Kavaliere, die sich noch immer mit bittrem Grolle des strengen Regiments des Protectors erinnerten, wenig Eindruck. Der vornehmste toryistische Landedelmann Englands, Eduard Seymour, gab dem allgemeinen Gefühle energischen Ausdruck. Er gestand zu, daß sich die Miliz nicht in einem befriedigenden Zustande befinde, behauptete aber, daß sie reorganisirt werden könne. Allerdings würde diese Reorganisation Geld kosten, aber er für seine Person wolle lieber eine ganze Million zum Unterhalte eines Heeres geben, von dem er nichts zu fürchten habe, als eine halbe Million für eine Armee, von der er jederzeit Schlimmes befürchten müsse. Führe man eine gute Disciplin bei der Miliz ein und verstärke die Flotte, so werde das Land vollkommen geschützt sein. Ein stehendes Heer sei im besten Falle nichts als ein Blutegel der Staatseinkünfte, der Soldat werde jeder nützlichen Arbeit entzogen, er producire nichts, sondern verzehre nur die Früchte des Gewerbfleißes Anderer und dominire dabei über Diejenigen, die ihn erhalten müßten. Unter jetzigen Umständen aber drohe der Nation nicht nur ein stehendes Heer, sondern ein papistisches stehendes Heer, ein stehendes Heer, das von Männern commandirt werde, welche sehr liebenswürdige und achtbare Leute sein könnten, aber grundsätzlich Feinde der Verfassung des Reiches seien. Sir Wilhelm Twisden, Abgeordneter für die Grafschaft Kent, sprach in gleichem Sinne mit großer Energie und unter lautem Beifalle. Sir Richard Temple, einer von den wenigen Whigs, die in jenem Parlamente saßen, paßte seine Rede geschickt der vorherrschenden Stimmung seiner Zuhörer an und machte sie darauf aufmerksam, daß ein stehendes Heer nach den gemachten Erfahrungen der rechtmäßigen Autorität der Fürsten eben so gefährlich sei als der Freiheit der Völker. Sir Johann Maynard, der gelehrteste Jurist der damaligen Zeit, nahm ebenfalls an der Debatte Theil. Er war jetzt über achtzig Jahre alt und konnte sich noch sehr gut der politischen Zwistigkeiten unter der Regierung Jakob’s I. erinnern. Er hatte im Langen Parlamente gesessen und auf der Seite der Rundköpfe gestanden, hatte aber stets zur Milde und Mäßigung gerathen und sich bemüht, eine allgemeine Aussöhnung herbeizuführen. Seine vom Alter noch nicht geschwächten ausgezeichneten Fähigkeiten und seine juristischen Kenntnisse, durch die er lange Zeit ganz Westminsterhall imponirt hatte, sicherten ihm eine sehr gewichtige Stimme im Hause der Gemeinen. Auch er erklärte sich gegen die Vermehrung des stehenden Heeres.
Nach lebhaften Debatten wurde beschlossen, der Krone einen Credit zu bewilligen, zu gleicher Zeit aber auch eine Bill zur zweckmäßigeren Organisirung der Miliz einzubringen. Dieser letzte Beschluß war gleichbedeutend mit einer Erklärung gegen das stehende Heer. Der König war höchst unzufrieden, und man sprach schon davon, daß, wenn es so fortgehe, die Session nicht von langer Dauer sein werde[20].
Am nächsten Morgen begann der Kampf von neuem. Die Sprache der Vaterlandspartei war auffallend kühner und schärfer als am vorigen Tage. Der die Geldbewilligung betreffende Paragraph in der Thronrede des Königs ging dem auf den Test bezüglichen voraus. Aus diesem Grunde schlug Middleton vor, den auf die Geldbewilligung bezüglichen zuerst im Comité zu berathen. Die Opposition verlangte die umgekehrte Reihenfolge; sie behauptete, das vernünftige, und verfassungsmäßige Verfahren sei, erst dann Geld zu bewilligen, wenn den Beschwerden abgeholfen worden, diesem Gebrauche aber würde man untreu, wenn man sich sklavisch an die Reihenfolge binde, in der der König die Gegenstände in der Thronrede erwähnt habe.
Es wurde nun über die Frage abgestimmt, ob Middleton’s Antrag angenommen werden solle. Der Präsident ersuchte die mit „Nein“ Stimmenden, sich in das Vorzimmer zu begeben. Dies verdroß sie heftig und sie beschwerten sich laut über seine Servilität und Parteilichkeit, da sie wußten, daß sie nach der damals geltenden verwickelten und subtilen Regel, welche in unsrer Zeit durch einen verständigeren und zweckmäßigeren Gebrauch ersetzt worden ist, berechtigt waren, auf ihren Plätzen zu bleiben. Auch waren überhaupt alte parlamentarischen Taktiker jener Zeit der Ansicht, daß die im Saale zurückbleibende Partei einen Vortheil gegen die sich entfernende voraus hatte, denn die Einrichtung mit den Bänken war damals noch so mangelhaft, daß Niemand, der so glücklich gewesen war, einen guten Platz zu erlangen, ihn gern einbüßte. Trotzdem sah man zum großen Ärger der Minister viele Mitglieder, auf deren Stimme der Hof zuversichtlich gerechnet hatte, auf die Thür zu gehen. Unter ihnen befand sich der Kriegszahlmeister Karl Fox, Sohn des Sekretärs beim Hofmarschallgericht, Sir Stephan Fox. Der Zahlmeister hatte sich durch seine Freunde überreden lassen, während eines Theils der Debatte hinauszugehen; aber es quälte ihn eine unerträgliche Angst. Er kehrte daher in das Präsidentenzimmer zurück, hörte einen Theil der Debatte mit an, entfernte sich dann wieder, und nachdem er eine oder zwei Stunden zwischen seinem Gewissen und seinem Jahrgehalt von fünftausend Pfund geschwankt hatte, faßte er einen mannhaften Entschluß und eilte gerade noch zur rechten Zeit, um seine Stimme abzugeben, in den Saal zurück. Zwei Offiziere von der Armee, der Oberst Johann Darey, Sohn des Lord Conyers, und der Hauptmann Jakob Kendall, begaben sich ebenfalls ins Vorzimmer. Middleton ging an die Schranke hinab und setzte sie heftig zur Rede, wobei er sich vorzugsweise an Kendall wendete, einen unbemittelten Anhänger des Hofes, der auf Befehl des Königs von einem bestochenen Wahlkörper in Cornwall ins Parlament geschickt worden war und kürzlich hundert zur Deportation verurtheilte Rebellen zum Geschenk erhalten hatte. „Sir“, fragte Middleton, „commandiren Sie nicht eine Abtheilung Reiterei in Seiner Majestät Diensten?“ — „Allerdings, Mylord“, antwortete Kendall, „aber mein älterer Bruder ist eben gestorben und hat mir siebenhundert Pfund jährlich hinterlassen.“
[20.] Commons’ Journals, Nov. 12. 1685; Leeuwen, 13.(23.) Nov.; Barillon, 16.(26.) Nov.; Sir John Bramston’s Memoirs. Der beste Bericht über die Verhandlungen des Hauses der Gemeinen vom Nov. 1685 hat eine ziemlich merkwürdige Geschichte. Es befinden sich zwei geschriebene Copien davon im Britischen Museum (Harl. 7187 & Lansd. 253). In diesen Copien sind die Namen der Sprecher ausgeschrieben. Der Verfasser der 1702 erschienenen Lebensbeschreibung Jakob’s, nahm diesen Bericht auf, gab aber nur die Anfangsbuchstaben der Redner an. Die Herausgeber von Chandler’s Debates und der Parliamentary History riethen von diesen Anfangsbuchstaben auf die Namen und riethen zuweilen falsch. So schreiben sie eine ausgezeichnete Rede, welche später erwähnt werden wird, Waller zu, während sie von Windham, dem Abgeordneten von Salisbury, gehalten wurde. Zu meinem Bedauern sah ich mich gezwungen, die Meinung aufzugeben, daß die letzten öffentlich gesprochenen Worte Wallers so ehrenvoll für ihn waren.