Gleich zu Anfang des neuen Jahres erfuhren diese Staatsmänner und die große Partei, die sie repräsentirten, eine tiefe Kränkung. Daß der verstorbene König im Herzen ein Katholik gewesen, war zwar seit einigen Monaten vermuthet und leise angedeutet, aber doch noch nicht förmlich angekündigt worden. Allerdings mußte diese Eröffnung auch großes Ärgerniß erregen. Karl hatte sich unzählige Male für einen Protestanten erklärt und hatte das Abendmahl stets von Bischöfen der Staatskirche empfangen. Diejenigen Protestanten, die im Unglück treu zu ihm gehalten und ihm noch immer ein liebevolles Andenken bewahrten, mußten mit Scham und Unwillen erfüllt werden, wenn sie erfuhren, daß sein ganzes Leben eine Lüge gewesen war, daß er, während er vorgab, ihrem Bunde anzugehören, in Wirklichkeit sie als Ketzer betrachtete, und daß die Demagogen, die ihn als einen verkappten Papisten dargestellt, die Einzigen gewesen waren, die seinen Character richtig beurtheilt hatten. Selbst Ludwig begriff den Stand der öffentlichen Meinung Englands hinreichend, um einzusehen, daß die Enthüllung der Wahrheit schaden könne und hatte daher aus eigenem Antriebe versprochen, Karl’s Übertritt streng geheim zu halten.[45] So lange Jakob’s Macht noch neu war, hatte er es für rathsam gehalten, in diesem Punkte vorsichtig zu sein, und es nicht gewagt, seinen Bruder nach dem Gebrauche der römischen Kirche begraben zu lassen. Eine Zeit lang stand es daher einem Jeden frei, zu glauben, was er wollte. Die Papisten nahmen den verewigten Fürsten als ihren Proselyten in Anspruch, die Whigs verwünschten ihn als einen Heuchler und Renegaten, die Tories hielten das Gerücht von seinem Abfall für eine Verleumdung, deren Verbreitung aus verschiedenen Gründen im gemeinschaftlichen Interesse der Papisten und der Whigs lag.
[45.] Ludwig an Barillon, 10.(20.) Febr. 1685/86.
Veröffentlichung hinterlassener Papiere Karl’s II. [Jakob] that nun einen Schritt, der die ganze anglikanische Partei bestürzt machte. In Karl’s Cassette hatten sich zwei Aufsätze gefunden, in denen in gedrängter Kürze die Gründe entwickelt waren, welche die Katholiken in ihrer Polemik gegen die Protestanten geltend zu machen pflegten, und sie waren als von Karl eigenhändig geschrieben erkannt worden. Diese Papiere zeigte Jakob triumphirend mehreren Protestanten und erklärte, daß seines Wissens sein Bruder als Katholik gelebt habe und gestorben sei.[46] Einer der Männer, denen die Handschriften vorgelegt wurden, war der Erzbischof Sancroft. Er las sie tief bewegt und sagte nichts. Dieses Stillschweigen war einzig und allein die natürliche Wirkung eines Kampfes zwischen Respect und Verdruß. Jakob aber glaubte, der Primas sei vor der unwiderstehlichen Gewalt der angeführten Gründe verstummt und forderte Se. Gnaden dringend auf, mit Hülfe der ganzen Bischofsbank eine befriedigende Antwort zu entwerfen. „Legen Sie mir eine gründliche, in schicklichem Tone gehaltene Antwort vor,“ sagte er, „und sie kann die von Ihnen so sehr gewünschte Wirkung haben, mich zum Übertritt in den Schooß Ihrer Kirche zu bestimmen.“ Der Erzbischof entgegnete gelassen, daß seiner Meinung nach eine solche Antwort leicht zu schreiben sei, lehnte aber die Polemik unter dem Vorwande der Ehrfurcht vor dem Gedächtniß seines entschlafenen Gebieters ab. Diesen Grund hielt der König für die Ausflucht eines geschlagenen Disputanten.[47] Wäre er mit der polemischen Literatur der letzten hundertfünfzig Jahre vertraut gewesen, so würde er gewußt haben, daß die Aufsätze, auf die er so großes Gewicht legte, von jedem fünfzehnjährigen Knaben des Gymnasiums von Douay hätten verfaßt werden können, und daß sie nichts enthielten, was nach der Überzeugung aller protestantischen Geistlichen nicht schon zehntausendmal widerlegt und entkräftet war. In seinem unwissenden Enthusiasmus befahl er, daß diese Abhandlungen mit der prächtigsten typographischen Ausstattung gedruckt werden sollten, und fügte denselben, eine durch seine eigenhändige Unterschrift bekräftigte Erklärung bei, daß die Originale von seines Bruders eigener Hand seien. Er vertheilte die ganze Auflage unter seine Höflinge und unter die geringeren Leute, die sich um seinen Wagen drängten. Ein Exemplar schenkte er einem jungen Frauenzimmer niederen Standes, von der er glaubte, daß sie seine religiöse Überzeugung theile, und versicherte sie, daß sie durch die Lectüre höchlich erbaut und getröstet werden würde. Zum Lohn für seine Güte überreichte sie ihm einige Tage darauf einen Brief, durch den sie ihn beschwor, das mystische Babylon zu verlassen und den Becher der Hurerei von seinen Lippen zu stoßen.[48]
[46.] Evelyn’s Diary, Oct. 2. 1685.
[47.] Clarke’s Life of James the Second, II. 9. Orig. Mem.
[48.] Leeuwen, vom 1.(11.) und 12.(22.) Jan. 1686. So lang und abgeschmackt der Brief auch war, hielt man ihn doch für werth, als ein Zeichen der Zeit den Generalstaaten übersandt zu werden.
Stimmung der achtungswerthen Katholiken. [Diese] Dinge machten die der Staatskirche angehörenden Tories sehr besorgt; nicht weniger unzufrieden damit war der achtungswerthere Theil des katholischen Adels. Es wäre in der That zu entschuldigen gewesen, wenn die Leidenschaft sie bei dieser Gelegenheit taub gemacht hätte gegen die Stimme der Klugheit und Gerechtigkeit, denn sie hatten viel gelitten. Die Eifersucht der Protestanten hatte sie des Ranges entsetzt, zu dem sie geboren waren, hatte den Erben von Baronen, welche die Magna Charta unterzeichnet die Thüren des Parlamentshauses verschlossen, hatte das Commando über eine Compagnie Infanterie als einen zu hohen Posten für die Nachkommen von Generälen erklärt, welche bei Flodden und Saint-Quentin gesiegt hatten. Es gab kaum einen dem alten Glauben anhängenden vornehmen Peer, dessen Ehre, Vermögen und Leben nicht in Gefahr gewesen wäre, der nicht Monate lang im Tower zugebracht, der nicht oft das Schicksal Stafford’s für sich selbst gefürchtet hätte. Männern, die so lange und so herzlos unterdrückt worden waren, hätte man es wohl verzeihen können, wenn sie die erste Gelegenheit, um zu gleicher Zeit Ansehen zu erlangen und Rache zu üben, begierig ergriffen hätten. Aber weder Fanatismus, noch Ehrgeiz, weder der Groll wegen früher erlittenen Unrechts, noch der durch plötzliches Glück verursachte Rausch konnte den ausgezeichnetsten Katholiken die Einsicht nehmen, daß das Glück, dessen sie sich endlich erfreuten, nur vorübergehend war und daß es ihnen verderblich werden könnte, wenn sie nicht einen weisen Gebrauch davon machten. Schmerzliche Erfahrungen hatten sie belehrt, daß die Abneigung der Nation gegen ihren Glauben nicht eine bloße Laune sei, die der Befehl eines Fürsten vertreiben könne, sondern vielmehr ein tiefwurzelndes Gefühl, das Erzeugniß von fünf Generationen, durch alle Klassen und Parteien verbreitet und mit den Grundsätzen der Tories nicht minder eng verflochten, als mit denen der Whigs. Allerdings lag es in der Macht des Königs, durch Ausübung seines Begnadigungsrechts die Wirkung des Strafgesetzes zu suspendiren. Es konnte ihm durch behutsames Verfahren mit der Zeit gelingen, vom Parlamente die Aufhebung der Gesetze zu erwirken, welche die Bekenner seines Glaubens für nicht zulässig zu öffentlichen Ämtern erklärten. Aber wenn er es versuchte, die protestantische Gesinnung Englands durch rohe Gewaltmittel zu ersticken, so ließ sich leicht voraussehen, daß dem heftigen Drucke auf eine so starke und elastische Feder ein eben so heftiger Rückschlag folgen werde. Durch voreilige Versuche, den Weg in den Geheimen Rath und in das Haus der Lords zu erzwingen, konnten die katholischen Peers ihre Schlösser und ihre großen Besitzungen verlieren und in die Lage kommen, daß sie ihr Leben als Verräther auf Towerhill oder als Bettler an den Thüren italienischer Klöster enden mußten.
So dachte Wilhelm Herbert, Earl von Powis, welcher damals allgemein als das Haupt der römisch-katholischen Aristokratie betrachtet wurde und der, nach Oates’ Aussage, für den Fall des Gelingens der papistischen Verschwörung zum Premierminister bestimmt war. Johann Lord Bellasyse hatte ganz die nämliche Ansicht von der Sache. Er hatte in seiner Jugend tapfer für Karl I. gefochten, war nach der Restauration mit hohen Ehrenstellen und Commandos belohnt worden und hatte diese nach Erlassung der Testacte niedergelegt. Mit diesen ausgezeichneten Führern stimmten alle vornehmsten und reichsten Mitglieder ihrer Kirche überein, ausgenommen Lord Arundell von Wardour, ein alter Mann, der schon anfing kindisch zu werden.
Cabale heftiger Katholiken. [Es] gab jedoch am Hofe eine kleine Anzahl Katholiken, an deren Herzen vergangene Unbill nagte, denen ihre neuerliche Erhebung den Kopf verrückt hatte, die es nicht erwarten konnten, die höchsten Ehrenstufen im Staate zu erklimmen und denen der Gedanke an einen Tag der Wiedervergeltung wenig Sorge machte, da sie nicht viel zu verlieren hatten.
Castelmaine. [Einer] von diesen war Roger Palmer, Earl von Castelmaine in Irland, Gemahl der Herzogin von Cleveland. Es war notorisch, daß er seinen Titel mit seiner eignen und seiner Gemahlin Entehrung erkauft hatte. Er besaß nur ein unbedeutendes Vermögen und sein von Natur unfreundlicher Character war durch häusliche Zwistigkeiten, durch öffentliche Vorwürfe und durch die in den Tagen des papistischen Complots erduldeten Leiden noch mehr verbittert worden. Nachdem er lange in Gefangenschaft zugebracht, war ihm endlich der Prozeß auf Tod und Leben gemacht worden. Zu seinem Glück wurde er erst als die Wuth des Volks sich einigermaßen gelegt hatte und der Credit der falschen Zeugen erschüttert war, vor Gericht gestellt. So war er mit knapper Noth dem Tode entgangen.[49]