Bill zur Regulirung der Wahlen.

Die Natur und der Umfang der Veränderung, welche die Entdeckung des Mordcomplots in der Stimmung des Hauses der Gemeinen und der Nation hervorgebracht hatte, wird durch die Geschichte einer Bill, betitelt: eine Bill zur ferneren Regulirung der Wahlen der Parlamentsmitglieder, treffend characterisirt. Die Geldmacht war fast durchgängig whiggistisch und daher ein Gegenstand der Abneigung für die Tories. Das rasche Wachsthum dieser Macht wurde von den Landeigenthümern, mochten sie Whigs oder Tories sein, mit neidischen Blicken betrachtet. Es war etwas Neues und Unerhörtes, einen Kaufmann aus Lombard Street, den kein Band an den Boden unsrer Insel fesselte und dessen Vermögen durchaus persönlich und beweglich war, mit einem Koffer voll Guineen nach Devonshire oder Sussex reisen, einem benachbarten Landgentleman gegenüber, dessen Vorfahren seit den Kriegen der Rosen stets gewählt worden waren, als Candidat für einen Burgflecken auftreten und an der Spitze der Wahlliste zurückkehren zu sehen. Und dies war noch nicht das Schlimmste. Mehr als ein Sitz im Parlament war angeblich bei einer Tasse Kaffee bei Garraway gekauft und verkauft worden. Man hatte von dem Käufer nicht einmal die Beobachtung der Formalität verlangt, sich den Wählern zu zeigen. Ohne sein Comptoir in Cheapside verlassen zu haben, war er zum Vertreter eines Ortes gewählt worden, den er in seinem Leben nicht gesehen. Solche Dinge waren unerträglich. Niemand, sagte man, solle einen Sitz in der englischen Legislatur einnehmen, der nicht einige hundert Acker englischen Grund und Bodens sein nenne.[132] Es wurde demgemäß eine Bill eingebracht, welche bestimmte, daß jedes Mitglied des Hauses der Gemeinen ein gewisses Grundeigenthum besitzen müsse. Für einen Grafschaftsritter war die Qualification auf fünfhundert Pfund, für den Vertreter eines Burgfleckens auf zweihundert Pfund jährlicher Grundrente festgesetzt. Anfang Februar wurde diese Bill zum zweiten Male gelesen und einem gewählten Ausschusse überwiesen. Es wurde beantragt, daß der Ausschuß angewiesen werden solle, eine Klausel einzuschalten, welche anordne, daß alle Wahlen vermittelst Stimmzetteln stattfinden sollten. Ob dieser Antrag von einem Whig oder einem Tory ausging, durch welche Argumente er unterstützt und auf welche Gründe hin er bekämpft wurde, können wir jetzt nicht mehr ermitteln. Wir wissen nur, daß er ohne Abstimmung verworfen wurde.

Bevor die Bill aus dem Ausschusse zurückkam, hatten einige der achtungswerthesten Wahlkörper des Königreichs ihre Stimmen gegen die neue Beschränkung erhoben, der sie unterworfen werden sollten. Es hatte im allgemeinen wenig Sympathie zwischen den Handelsstädten und den Universitätsstädten geherrscht. Denn die Handelsstädte waren die Hauptsitze des Whiggismus und der Nonconformität, die Universitäten aber waren eifrige Anhänger der Krone und der Kirche. Jetzt aber machten Oxford und Cambridge gemeinschaftliche Sache mit London und Bristol. Es sei hart, sagten die Akademiker, daß ein ernster und gelehrter Mann, der von einer zahlreichen Corporation ernster und gelehrter Männer in den Großen Rath der Nation gesandt würde, für weniger geeignet erachtet werden sollte, in diesem Rathe zu sitzen als ein roher Mensch, der kaum so viel wissenschaftliche Bildung besitze, um auf das privilegium clericale Anspruch zu haben. Es sei hart, sagten dagegen die Kaufleute, anzunehmen, daß ein Handelsfürst, der die erste Magistratsperson der ersten Stadt der Welt gewesen sei, dessen Name auf der Rückseite eines Wechsels in Smyrna und in Genua, in Hamburg und in Amsterdam unbedingtes Vertrauen erwecke, der Schiffe zur See habe, von denen jedes so viel werth sei als ein Rittergut, und der in Zeiten wo die Freiheit und Religion des Königreichs in Gefahr waren, zu wiederholten Malen der Regierung binnen einer Stunde fünf- oder zehntausend Pfund vorgestreckt habe, bei dem Gedeihen des Staates weniger interessirt sei als ein Squire, der seine Ochsen und seinen Hopfen in dem nächsten Marktflecken bei einem Kruge Ale verkaufte. Bei der Berichterstattung wurde beantragt, daß die Universitäten ausgenommen werden sollten, aber der Antrag wurde mit hunderteinundfunfzig gegen hundertdreiundvierzig Stimmen verworfen. Bei der dritten Lesung wurde beantragt, daß die City von London ausgenommen sein sollte; aber man hielt es nicht für rathsam, abstimmen zu lassen. Die Schlußfrage, ob die Bill angenommen sei, wurde an dem Tage vor der Entdeckung des Mordcomplots mit hundertdreiundsiebzig gegen hundertfunfzig Stimmen bejaht. Die Lords traten der Bill ohne Amendement bei.

Wilhelm hatte nun zu erwägen, ob er seine Genehmigung ertheilen sollte oder nicht. Die Handelsstädte des Reichs, darunter auch die City von London, welche stets treu zu ihm gehalten und ihn schon oft aus großen Verlegenheiten gerissen hatten, baten ihn um seinen Schutz. Man stellte ihm vor, daß die Gemeinen thatsächlich weit davon entfernt seien, in diesem Punkte eines Sinnes zu sein, daß bei der letzten Lesung die Majorität in einem vollen Hause nur dreiundzwanzig Stimmen betragen habe und daß der Antrag, die Universitäten auszunehmen, mit einer Majorität von nur acht Stimmen verworfen worden sei. Nach reiflicher Ueberlegung beschloß er die Bill nicht zu genehmigen. Niemand, sagte er, könne ihn beschuldigen, bei dieser Gelegenheit selbstsüchtig gehandelt zu haben; seine Prärogative sei bei der Sache nicht betheiligt, und er habe gegen das vorgeschlagene Gesetz weiter nichts einzuwenden, als daß es seinem Volke nachtheilig sein würde.

Am 10. April 1696, erhielt daher der Sekretär des Parlaments Befehl, den Häusern mitzutheilen, daß der König sich die Bill zur weiteren Regulirung der Wahlen überlegen wolle. Einige heftige Tories im Hause der Gemeinen schmeichelten sich, daß es ihnen gelingen werde, einen den König tadelnden Beschluß durchzubringen. Sie stellten den Antrag, daß Derjenige, der Sr. Majestät gerathen habe, ihrer Bill seine Genehmigung zu verweigern, für einen Feind des Königs und der Nation erklärt werden solle. Einen ärgeren Mißgriff konnte es nicht geben. Die Stimmung des Hauses war eine ganz andre als an dem Tage, wo die Adresse gegen Portland’s Schenkung durch Acclamation votirt worden war. Die Entdeckung einer mörderischen Verschwörung, die Besorgniß einer französischen Invasion hatten Alles verändert. Der König war populär. Jeden Tag wurden ihm zehn bis zwölf Pergamentstöße mit den Unterschriften von Vereinsmitgliedern zu Füßen gelegt. Nichts konnte unkluger sein, als in einem solchen Augenblicke ein dünn verschleiertes Tadelsvotum gegen ihn zu beantragen. Die gemäßigten Tories trennten sich daher von ihren aufgebrachten und unverständigen Gesinnungsgenossen. Der Antrag wurde mit zweihundertneunzehn gegen siebzig Stimmen verworfen und das Haus ordnete die öffentliche Bekanntmachung der Frage und der beiderseitigen Stimmen an, damit die Welt erfahren solle, wie vollständig der Versuch, Uneinigkeit zwischen dem Könige und dem Parlamente hervorzurufen, gescheitert war.[133]

Acte zur Errichtung einer Landbank.

Die Landgentlemen würden vielleicht geneigter gewesen sein, wegen des Scheiterns ihrer Bill zu grollen, wären sie nicht durch eine andre Bill, die ihnen noch wichtiger dünkte, in gute Laune versetzt worden. Das Project einer Landbank war wieder angeregt worden, und zwar nicht in der Form, in der es zwei Jahre früher dem Hause der Gemeinen zur Erwägung unterbreitet worden war, sondern in einer den gesunden Verstand viel weniger beleidigenden und der Lächerlichkeit weniger ausgesetzten Form. Chamberlayne protestirte allerdings laut gegen jede Modification seines Planes und proklamirte mit unverminderter Zuversichtlichkeit, daß er alle seine Landsleute reich machen wolle, wenn sie ihn nur gewähren ließen. Er sei nicht der erste große Entdecker, sagte er, den Fürsten und Staatsmänner als einen Träumer betrachtet hätten. Heinrich VII. habe sich in einer bösen Stunde geweigert, Christoph Columbus anzuhören, und die Folge davon sei gewesen, daß England um die Bergwerke von Mexico und Peru gekommen sei. Und doch, was seien die Bergwerke von Mexico und Peru gegen die Reichthümer einer mit einem unbegrenzten Papiergelde gesegneten Nation? Aber die vereinte Kraft der Vernunftgründe und des Spottes hatte die einst zahlreiche Anhängerschaar Chamberlayne’s auf einen kleinen Kreis unverbesserlicher Thoren reducirt. Selbst von den Squires glaubten jetzt nur noch wenige an seine beiden großen Lehrsätze: den Lehrsatz, daß der Staat, indem er ein Bündel alter Lumpen zehn Millionen Pfund Sterling nenne, das Nationalvermögen um zehn Millionen Pfund Sterling vermehren, und den Lehrsatz, daß eine Abtretung von Grund und Boden auf eine bestimmte Anzahl Jahre vielmal so viel werth sein könne als der unbeschränkte Besitz. Dagegen waren die Landgentlemen noch immer allgemein der Ansicht, daß eine Bank, welche die specielle Bestimmung habe, auf Grundeigenthum Geld vorzustrecken, ein großer Segen für die Nation sein könne. Harley und der Sprecher Foley schlugen jetzt vor, eine solche Bank durch Parlamentsacte zu errichten, und versprachen, daß, wenn ihr Plan adoptirt würde, der König reichlich mit Geld für den nächsten Feldzug versehen sein sollte.

Die Whigführer, und namentlich Montague, sahen ein, daß der Plan eine Illusion sei, daß er sehr bald scheitern müsse und daß er möglicherweise vor seinem Untergange ihr Lieblingsinstitut, die Bank von England, ruiniren könne. In diesem Punkte aber hatten sie nicht nur die ganze Torypartei, sondern auch ihren Gebieter und viele ihrer Anhänger gegen sich. Die Bedürfnisse des Staats waren dringend und die Anerbietungen der Projectenmacher lockend. Die Bank von England hatte zum Dank für die ihr verliehene Concession dem Staate nur eine Million zu acht Procent vorgeschossen; die Landbank wollte über dritthalb Millionen zu sieben Procent vorschießen. Wilhelm, dem jetzt hauptsächlich darum zu thun war, sich Geld zur Deckung der Ausgaben des laufenden Jahres zu verschaffen, war eben nicht sehr geneigt, über eine Quelle zu mäkeln, aus der sich dritthalb Millionen schöpfen ließen. Sunderland, der seinen Einfluß sonst gewöhnlich zu Gunsten der Whigführer anwendete, wurde ihnen bei dieser Gelegenheit untreu. Die whiggistischen Landgentlemen freuten sich der Aussicht, ihre Viehstände ergänzen, ihre Keller füllen und ihre Töchter ausstatten zu können. Gegen eine solche Vereinigung von Streitkräften zu kämpfen, war unmöglich. Es wurde eine Bill angenommen, welche die Regierung ermächtigte, zwei Millionen fünfhundertvierundsechzigtausend Pfund zu sieben Procent aufzunehmen. Ein hauptsächlich durch eine neue Salzsteuer gebildeter Fond wurde zur Zahlung der Zinsen bestimmt. Wenn vor dem 1. August die Hälfte dieser Anleihe gezeichnet und die Hälfte der gezeichneten Summe in die Schatzkammer eingezahlt war, sollten die Unterzeichner eine Corporation mit den Namen Nationallandbank werden. Da diese Bank ausdrücklich dazu bestimmt war, den Landgentlemen unter die Arme zu greifen, so war es ihr streng verboten, auf andre Sicherheit als Landhypothek Geld auszuleihen, und ihr zur Pflicht gemacht, jährlich mindestens eine halbe Million auf Hypothek auszuleihen. Die Zinsen für diese halbe Million sollten bei vierteljährlichen Zahlungen nicht dreiundeinhalb Procent, bei halbjährlichen Zahlungen nicht vier Procent übersteigen. Der gebräuchliche Zinsfuß für die besten Hypotheken war damals sechs Procent. Die schlauen Beobachter bei der holländischen Gesandtschaft glaubten daher, daß die Kapitalisten sich jeder Betheiligung bei einem Geschäft, daß ihnen nothwendig Verlust bringen mußte, enthalten und daß die erforderliche Summe nicht zur Hälfte gezeichnet werden würde, und man sollte nicht glauben, daß ein Mensch von gesundem Verstande hätte anders denken können.[134]

Doch alle Vernunftgründe vermochten nichts gegen die allgemeine Verblendung. Die Tories prophezeiten triumphirend, die Bank Robert Harley’s werde die Bank Karl Montague’s völlig in den Schatten stellen. Die Bill ging in beiden Häusern durch. Am 27. April erhielt sie die königliche Sanction und unmittelbar darauf wurde das Parlament prorogirt.

Fußnoten