Ludwig hatte zu Anfang des Frühjahrs zum ersten Male seit seiner langen Regierung aus freiem Antriebe seinen Feinden billige und ehrenvolle Bedingungen angeboten. Er hatte sich bereit erklärt, die Eroberungen, die er im Laufe des Kriegs gemacht, zurückzugeben, Lothringen seinem eigenen Herzoge abzutreten, Luxemburg an Spanien, Straßburg an das deutsche Reich zurückzugeben und die bestehende Regierung England’s anzuerkennen.[106] Wer sich der großen Leiden erinnerte, die sein wortbrüchiger und erbarmungsloser Ehrgeiz über Europa gebracht hatte, konnte mit gutem Grunde vermuthen, daß diese ungewohnte Mäßigung nicht Gefühlen der Gerechtigkeit oder Humanität zuzuschreiben sei. Aber was ihn auch bestimmt haben mochte, solche Bedingungen anzubieten, es war offenbar das Interesse und die Pflicht der Conföderation, sie anzunehmen. Denn man hatte in der That wenig Hoffnung ihm durch Krieg größere Zugeständnisse abzuzwingen, als die, welche er jetzt freiwillig als Friedenspreis anbot. Die sanguinischsten seiner Feinde konnten schwerlich eine lange Reihe so glücklicher Feldzüge wie der von 1695 erwarten. Und selbst in einer langen Reihe ebenso glücklicher Feldzüge wie der von 1695 würden die Verbündeten schwerlich im Stande gewesen sein, Alles das wiederzuerobern, was er jetzt zurückzugeben sich bereit erklärte. Wilhelm, der, wie gewöhnlich, eine klare und staatsmännische Ansicht von der ganzen Situation faßte, stimmte jetzt eben so entschieden für Friedensschluß, als er in früheren Jahren für energische Fortsetzung des Kriegs gestimmt hatte, und er wurde durch die öffentliche Meinung England’s sowohl als Holland’s unterstützt. Leider aber begannen gerade in dem Augenblicke, wo die beiden Mächte, welche allein unter den Mitgliedern der Koalition in dem langen Kampfe treulich ihre Pflicht gethan hatten, anfingen sich in der nahen Aussicht auf Ruhe zu erfreuen, einige von den Regierungen, welche niemals ihre vollen Contingente gestellt hatten, welche nie zur rechten Zeit schlagfertig gewesen waren, und die zum Dank für empfangene Subsidien stets Entschuldigungen geschickt hatten, Schwierigkeiten zu erheben, welche die Drangsale Europa’s bis ins Unendliche zu verlängern drohten.
Verhalten Spanien’s.
Spanien hatte, wie Wilhelm in seinem Unmuth an Heinsius schrieb, für die gemeinsame Sache nichts beigetragen als Rodomontaden. Es hatte keine energische Anstrengung gemacht, auch nur sein eignes Gebiet gegen Einfälle zu vertheidigen. Ohne die englischen und holländischen Armeen würde es Flandern und Brabant verloren haben. Ohne die englischen und holländischen Flotten würde es Katalonien verloren haben. Das Mailändische hatte es nicht durch Waffengewalt, sondern dadurch gerettet, daß es trotz der Vorstellungen von Seiten der englischen und holländischen Regierungen einen schimpflichen Neutralitätsvertrag abschloß. Es besaß kein einziges Kriegsschiff das einen Windstoß hätte aushalten können. Es besaß kein einziges Regiment, das nicht schlecht bezahlt und schlecht disciplinirt, schlecht gekleidet und halb verhungert gewesen wäre. Dennoch hatte es in den letzten zwei Jahren sowohl Wilhelm als die Generalstaaten mit einer Impertinenz behandelt, welche bewies, daß es seine Stellung unter den Staaten gänzlich verkannte. Es wurde jetzt über die Maßen anspruchsvoll, verlangte von Ludwig Concessionen, die es nach dem Verlaufe des Kriegs nicht zu erwarten berechtigt war, und schien es hart zu finden, daß Verbündete, die es fortwährend unwürdig behandelte, keine Lust hatten, ihr Blut und Geld noch weitere acht Jahre für ein solches Land zu opfern.
Verhalten des Kaisers.
Das Verhalten Spaniens ist lediglich der Arroganz und Thorheit zuzuschreiben. Aber die Abgeneigtheit des Kaisers, selbst in die billigsten Friedensbedingungen zu willigen, war eine Wirkung selbstsüchtigen Ehrgeizes. Der katholische König war kinderlos und kränklich, sein Leben war keine drei Jahre mehr werth, und wenn er starb, so wurden seine Besitzungen der Zankapfel für eine Menge Prätendenten. Das Haus Oesterreich sowohl als das Haus Bourbon hatten Ansprüche auf diese große Erbschaft. Es lag offenbar im Interesse des Hauses Oesterreich, daß der bedeutungsvolle Tag, mochte er kommen wann er wollte, eine große europäische Coalition gegen das Haus Bourbon gerüstet fände. Der Zweck des Kaisers war daher, daß der Krieg so wie er bisher geführt worden, mit geringen Kosten für ihn selbst und mit großen Kosten für England und Holland fortgeführt werde, nicht bis billige Friedensbedingungen erlangt werden könnten, sondern einfach bis zum Tode des Königs von Spanien. „Die Minister des Kaisers,” schrieb Wilhelm an Heinsius, „sollten sich ihrer Handlungsweise schämen. Es ist unerträglich, daß eine Regierung, die alles Mögliche thut, um den Erfolg der Unterhandlungen zu hintertreiben, nichts zur gemeinsamen Vertheidigung beiträgt.”[107]
Es ist kein Wunder, daß unter solchen Umständen das Friedenswerk geringe Fortschritte machte. Das Völkerrecht hat, wie jedes andre Recht, seine Chikanen, seine Spitzfindigkeiten, seine technischen Formen, welche nur zu leicht dazu angewendet werden können, es unwirksam zu machen. Es wurde daher denjenigen streitenden Theilen, welche den Streit nicht bald beendigt zu sehen wünschten, nicht schwer, Verzögerungen herbeizuführen. Es wurde lange über den Ort disputirt, wo die Conferenzen gehalten werden sollten. Der Kaiser schlug Aachen vor. Die Franzosen machten Einwendungen und schlugen den Haag vor. Dagegen machte der Kaiser wieder Einwendungen. Endlich kam man dahin überein, daß die Gesandten der verbündeten Mächte im Haag und die französischen Bevollmächtigten fünf Meilen davon in Delft zusammenkommen sollten.[108] Nach Delft begaben sich demgemäß Harlay, ein Mann von ausgezeichnetem Geist und feiner Bildung, Crecy, ein schlauer, geduldiger und fleißiger Diplomat, und Cailleres, der, obgleich er in den Accreditiven als Dritter genannt war, über alle Punkte, welche voraussichtlich zu berathen waren, viel besser unterrichtet war als jeder seiner beiden Collegen.[109] Im Haag befanden sich der Earl von Pembroke, und Eduard, Viscount Villiers, welche England repräsentirten. Prior begleitete sie in der Eigenschaft eines Sekretärs. An der Spitze der kaiserlichen Gesandtschaft stand Graf Kaunitz, an der Spitze der spanischen Don Francisco Bernardo de Quiros; die Gesandten untergeordneten Ranges aufzuzählen würde ermüdend sein.[110]
Congreß von Ryswick.
Auf halbem Wege zwischen Delft und dem Haag liegt ein Dorf, Namens Ryswick, und in der Nähe desselben stand damals, in einem von geradlinigen Kanälen umgebenen, in regelmäßige Gehölze, Blumen- und Melonenbeete eingetheilten rechtwinkeligen Garten ein Landhaus der Prinzen von Oranien. Das Haus war wie geschaffen für eine Gesellschaft von Diplomaten, wie sie hier zusammenkommen sollte. Im Centrum befand sich ein von Honthorst gemalter Saal. Zur Rechten und Linken waren genau correspondirende Seitenflügel angebaut. Zu jedem der beiden Flügel führte eine besondere Brücke, ein besonderer Eingang und eine besondere Avenue. Der eine Flügel wurde den Verbündeten, der andre den Franzosen, der Saal im Centrum dem Vermittler angewiesen.[111] Einige Vorfragen der Etikette wurden nicht ohne Mühe erledigt, und endlich, am 9. Mai, näherten sich eine Menge sechsspänniger Equipagen, von Läufern, Bedienten und Pagen begleitet, von verschiedenen Seiten dem Schloß. Der schwedische Gesandte stieg am Haupteingange aus. Der Zug vom Haag kam durch die rechte Seitenallee an; der Zug von Delft durch die linke Seitenallee. Bei der ersten Zusammenkunft überreichten die Vertreter der kriegführenden Regierungen ihre Vollmachten dem Vermittler. Beim zweiten Zusammentreffen, achtundvierzig Stunden später, vollzog der Vermittler die Ceremonie der Auswechslung dieser Vollmachten. Dann wurden mehrere Zusammenkünfte damit hingebracht, die Zahl der Wagen, Pferde, Lakaien und Pagen festzustellen, welche jeder Gesandte nach Ryswick mitzubringen berechtigt sein sollte, ob die Dienstleute Stöcke tragen sollten, ob sie Degen tragen sollten, ob sie Pistolen in den Halftern haben sollten, wer bei den Ausfahrten den Vorrang haben und wessen Equipage auf den Straßen ausweichen sollte. Es zeigte sich bald, daß der Vermittler nicht allein zwischen der Koalition und den Franzosen, sondern auch zwischen den verschiedenen Mitgliedern der Coalition zu vermitteln haben würde. Die kaiserlichen Gesandten beanspruchten das Recht, am Berathungstische obenan zu sitzen. Der spanische Gesandte wollte dieses Recht nicht anerkennen und versuchte sich zwischen zwei von jenen einzudrängen. Die kaiserlichen Gesandten wollten die Gesandten von Kurfürsten und Republiken nicht Excellenz tituliren. „Wenn ich nicht Excellenz genannt werde,” sagte der Minister des Kurfürsten von Brandenburg, „so wird mein Gebieter seine Truppen aus Ungarn zurückziehen.” Die kaiserlichen Gesandten verlangten ein Zimmer für sich im Gebäude und einen besonderen Platz im Hofe für ihre Equipagen. Alle anderen Gesandten der Conföderation erklärten dies für ein durchaus ungerechtfertigtes Verlangen, und eine ganze Sitzung wurde mit diesem kindischen Streite verschwendet. Man wird leicht glauben, daß Verbündete, die in ihrem Verkehr unter sich so kleinlich waren, aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrem Verkehr mit dem Feinde nicht sehr gefällig sein würden. Die Hauptbeschäftigung Harlay’s und Kaunitz’ bestand darin, gegenseitig ihre Füße zu beobachten. Keiner von ihnen hielt es für verträglich mit dem Ansehen der Krone, der er diente, sich dem Andren mit rascheren Schritten zu nähern, als der Andre sich ihm näherte. Wenn daher der Eine bemerkte, daß er aus Versehen zu rasch gegangen war, kehrte er bis zur Thür zurück, und die steife Menuett begann von neuem. Die Gesandten Ludwig’s setzten einen Vertragsentwurf in ihrer Muttersprache auf. Die deutschen Staatsmänner protestirten gegen diese Neuerung, gegen diese Beleidigung der Würde des heiligen römischen Reichs, gegen diesen Eingriff in die Rechte unabhängiger Nationen und wollten nicht eher etwas von dem Entwurfe wissen, als bis er aus gutem Französisch in schlechtes Latein übersetzt war. Schon Mitte April wußte Jedermann im Haag, daß Karl XI., König von Schweden gestorben und daß sein Sohn ihm auf den Thron gefolgt war; aber es widerstritt der Etikette, daß irgend einer der versammelten Gesandten die Kenntniß dieses Ereignisses äußerte, bevor Lilienroth es förmlich annoncirt hatte; nicht minder widerstritt es der Etikette, daß Lilienroth diese Anzeige machte, bevor seine Equipagen und seine Dienerschaft in Trauer gehüllt waren, und es vergingen einige Wochen, bis seine Wagenbauer und Kleidermacher ihre Aufgabe vollendet hatten. Endlich, am 12. Juni, kam er in einem schwarz ausgeschlagenen und von Bedienten in schwarzer Livree begleiteten Wagen nach Ryswick und kündigte hier in vollem Congreß an, daß es Gott gefallen habe, den großmächtigsten König Karl XI. zu sich zu nehmen. Sämmtliche Gesandten bezeigten ihm hierauf ihre Theilnahme an der betrübenden und unerwarteten Nachricht und begaben sich dann nach Hause, um ihre Stickereien abzulegen und sich in Trauer zu kleiden. Unter solchen feierlichen Tändeleien verging eine Woche nach der andren, und es wurde kein reeller Fortschritt gemacht. Lilienroth hegte keineswegs den Wunsch, die Sache zu beeilen. So lange der Congreß dauerte, nahm er eine hochangesehene Stellung ein. Er wäre gern beständig Vermittler geblieben, und er hätte aufgehört dies zu sein, wenn die Parteien zu seiner Rechten und Linken aufhörten, mit einander zu hadern.[112]
Im Juni begann die Hoffnung auf Frieden zu sinken. Man erinnerte sich, daß der vorige Krieg noch Jahre lang fortgedauert hatte, während ein Congreß in Nymwegen tagte. Die Vermittler hatten im Februar 1676 ihren Einzug in diese Stadt gehalten, und erst im Februar 1679 war der Vertrag unterzeichnet worden. Indessen waren die Unterhandlungen von Nymwegen nicht langsamer von Statten gegangen als die Unterhandlungen von Ryswick. Es war nur zu wahrscheinlich, daß noch das 18. Jahrhundert große Armeen einander am Rhein und der Maas gegenüberstehend, betriebsame Bevölkerungen durch Steuern zu Boden gedrückt, fruchtbare Provinzen verwüstet, die Schifffahrt auf dem Ocean durch Corsaren beunruhigt und die Bevollmächtigten Noten wechselnd, Protokolle aufnehmend und sich über den Platz, wo dieser Minister sitzen und über den Titel, der jenem Minister bewilligt werden sollte, streitend finden würde.