Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die Verwaltung zu führen. Eine verfassungs­mäßige Regierung, und an Stelle der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter zwischen Euch und mir!

Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das Tragen des Königs­titels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt, die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre; aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines Palastes.

Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt, eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer Theologen in London eine Synagoge bauen.

Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei, und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa’s gehabt, als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Nieder­landen Friedensbedingungen vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere; es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen, würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln.

Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest. Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten. Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben.

Richard, Cromwells Nachfolger. [Man] hat oft behauptet, und anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit, wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde. Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte, daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge, wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist.

Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war, seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters; er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe, die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er, überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer beschränkten Monarchie zu sein.

Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte. Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung.