Zehntes Kapitel.
Das Interregnum.
[ Inhalt.]
Die Flucht des Königs wird bekannt. [Northumberland] gehorchte pünktlich dem erhaltenen Befehle und öffnete den Eingang zu den königlichen Apartements erst als es heller Tag geworden war. Das Vorzimmer war mit Höflingen, welche ihre Morgenvisite machen wollten, und mit den zu einer Berathung in den Palast beschiedenen Lords angefüllt. In einem Augenblicke verbreitete sich die Nachricht von Jakob’s Flucht von den Gallerien in die Straßen und die ganze Stadt kam in Aufruhr.
Große Aufregung. [Es] war ein schrecklicher Augenblick. Der König war fort, der Prinz noch nicht da und keine Regentschaft war ernannt. Das zur Verwaltung der ordentlichen Rechtspflege unentbehrliche große Siegel war verschwunden, und bald erfuhr man, daß Feversham bei Empfang des königlichen Befehls seine Truppen auf der Stelle entlassen hatte. Welche Achtung vor dem Gesetz und den Eigenthumsrechten konnte man von bewaffneten und zusammenhaltenden Soldaten erwarten, welche aller Beschränkungen der Disciplin entledigt waren und denen es an den nothwendigsten Lebensbedürfnissen fehlte? Auf der andren Seite hatte auch der Pöbel von London seit einigen Wochen eine starke Neigung zu Tumulten und Räubereien gezeigt. Die dringende Gefahr des Augenblicks vereinigte auf kurze Zeit alle Diejenigen mit einander, die ein Interesse an der Ruhe und Sicherheit der Gesellschaft hatten. Rochester hatte bis zu diesem Tage fest zur Sache des Königs gehalten. Jetzt sah er nur noch ein Mittel, um einer allgemeinen Verwirrung vorzubeugen. „Rufen Sie Ihre Abtheilung Garden zusammen,“ sagte er zu Northumberland, „und erklären Sie sich für den Prinzen von Oranien.“ Der Rath wurde sofort befolgt. Die zur Zeit in London anwesenden höheren Offiziere der Armee hielten in Whitehall eine berathende Versammlung und beschlossen, sich der Autorität Wilhelm’s zu unterwerfen, ihre Truppen zusammenzuhalten bis er seinen Willen kund thun würde, und die Civilgewalt in der Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen.[1]
[1.] History of the Desertion; Mulgrave’s Account of the Revolution; Eachard’s History of the Revolution.
Die Lords versammeln sich in Guildhall. [Die] Peers begaben sich nach der Guildhall, wo sie von dem Magistrat der Stadt mit allen Ehrenbezeigungen empfangen wurden. Streng gesetzlich waren sie so wenig als irgend ein andrer Verein von Personen befugt, die ausübende Gewalt zu übernehmen. Aber im Interesse der öffentlichen Sicherheit war eine provisorische Regierung durchaus nöthig und zu dem Ende richtete sich der Blick des Publikums natürlich auf die erblichen Magnaten des Reichs. Die Größe der Gefahr trieb auch Sancroft aus seinem Palaste. Er nahm den Präsidentenstuhl ein und unter seinem Vorsitze beschlossen der neue Erzbischof von York, fünf Bischöfe und zweiundzwanzig weltliche Lords eine Erklärung aufzusetzen, zu unterzeichnen und zu veröffentlichen. Sie erklärten in diesem Aktenstücke, daß sie treu zur Religion und Verfassung ihres Vaterlandes hielten, daß sie die Hoffnung gehegt hätten, die öffentlichen Mißstände durch das vor kurzem vom Könige einberufene Parlament abgestellt zu sehen, daß aber seine Flucht diese Hoffnung zerstört habe. Sie hätten daher beschlossen, sich dem Prinzen von Oranien anzuschließen, damit die Freiheit der Nation und die Rechte der Kirche gesichert, den Dissenters gebührende Gewissensfreiheit gewährt und der Protestantismus durch die ganze Welt befestigt werde. Bis zur Ankunft Seiner Hoheit wollten sie die Verantwortlichkeit für die zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthigen Maßregeln übernehmen. Es wurde sofort eine Deputation abgesandt, welche dem Prinzen diese Erklärung vorlegen und ihm sagen sollte, daß er mit Ungeduld in London erwartet werde.[2]