[162.] Clarke’s Life of James, II. 237. Burnet hat sonderbarerweise nichts davon gehört oder es vergessen, daß der Prinz nach London zurückgebracht wurde. (I. 796.)

Lauzun. [Man] hat von diesem Manne gesagt, sein Leben sei wunderbarer gewesen, als die Träume anderer Leute. In seiner Jugend war er Ludwig’s intimer Gesellschafter gewesen und man hatte ihm Aussicht auf die höchsten Ämter unter der französischen Krone gemacht. Dann hatte sein Glücksstern sich plötzlich verdunkelt. Ludwig hatte seinen Jugendfreund mit bitteren Vorwürfen von sich gestoßen und sollte sich angeblich kaum haben enthalten können, ihn zu schlagen. Der gefallene Günstling war als Gefangener auf eine Festung geschickt, aber wieder in Freiheit gesetzt worden, hatte sich aufs neue der Gunst seines Gebieters erfreut und das Herz einer der vornehmsten Damen in Europa, Anna Maria, Tochter des Herzogs Gaston von Orleans, Enkelin König Heinrich’s IV. und Erbin der unermeßlichen Besitzungen des Hauses Montpensier, erobert. Die beiden Liebenden wünschten sich zu vermählen, der König gab seine Einwilligung und einige Stunden lang wurde Lauzun vom Hofe als ein Mitglied des Hauses Bourbon betrachtet. Die Mitgift der Prinzessin wäre in der That der Bewerbung souverainer Fürsten werth gewesen, denn sie bestand aus drei großen Herzogthümern, einem unabhängigen Fürstenthume mit eigner Münze und eigenen Tribunalen, und einem Einkommen, das die Gesammteinkünfte des Königreichs Schottland weit überstieg. Aber diese glänzende Aussicht trübte sich, die Verbindung wurde abgebrochen und der Freier wurde viele Jahre in einem Alpenschlosse eingesperrt. Endlich ließ sich Ludwig wieder erweichen. Lauzun durfte nicht vor dem Könige erscheinen, aber es war ihm gestattet, fern vom Hofe seine Freiheit zu genießen. Er ging nach England und wurde im Palaste Jakob’s und in den vornehmen Cirkeln London’s wohl aufgenommen, denn damals galten die französischen Edelleute in ganz Europa für Muster von Eleganz, und viele Chevaliers und Vicomtes, welche in den Privatcirkeln zu Versailles nie Zutritt gehabt hatten, sahen sich in Whitehall von allgemeiner Neugierde und Bewunderung umgeben. Lauzun war der gegenwärtigen Anforderung in jeder Hinsicht gewachsen. Er hatte Muth und Ehrgefühl, war an excentrische Abenteuer gewöhnt und verband mit dem scharfen Beobachtungssinn und dem sarkastischen Witze eines vollendeten Weltmanns eine entschiedene Neigung zum irrenden Ritterthum. Alle seine nationalen Gefühle und alle seine persönlichen Interessen trieben ihn an, das Abenteuer zu wagen, vor dem die treuesten Unterthanen der englischen Krone zurückzuschrecken schienen. Als Beschützer der Königin von Großbritannien und des Prinzen von Wales in einer gefahrvollen Krisis, konnte er mit Ehren in sein Vaterland zurückkehren, es konnte ihm wieder gestattet werden, Ludwig ankleiden und speisen zu sehen und nach so vielen Wechselfällen konnte er am Abende seines Lebens noch einmal die so wunderbar bezaubernde Jagd nach der königlichen Gunst beginnen.

Von solchen Gefühlen beseelt, nahm Lauzun das ihm angebotene wichtige Amt bereitwilligst an. Die Vorkehrungen zur Flucht wurden schleunigst getroffen, ein Schiff erhielt Befehl, sich bei Gravesend bereit zu halten; aber nach Gravesend zu gelangen, war nicht leicht. Die City war in einer furchtbaren Aufregung. Die geringste Ursache war hinreichend, um einen Auflauf zu veranlassen, kein Fremder durfte sich auf den Straßen zeigen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, angehalten, ausgefragt und als verkappter Jesuit vor einen Magistratsbeamten geführt zu werden. Man mußte sich daher auf der Südseite der Themse halten. Es wurde keine Vorsichtsmaßregel versäumt, um jeden Verdacht zu zerstreuen. Der König und die Königin begaben sich wie gewöhnlich zur Ruhe. Jakob wartete, bis eine Zeit lang im Palaste Alles still gewesen war, dann stand er auf und rief einen Diener, zu dem er sagte: „Ihr werdet an der Thür des Vorzimmers einen Mann finden; bringt ihn hierher.“ Der Diener gehorchte und Lauzun wurde ins königliche Schlafgemach eingeführt. „Ich vertraue Ihnen meine Gemahlin und meinen Sohn an,“ sagte der König zu ihm; „sie müssen auf jede Gefahr hin nach Frankreich gebracht werden.“ Lauzun sprach mit ächt ritterlichem Sinne seinen Dank aus für die ihm zu Theil werdende gefährliche Ehre und bat um die Erlaubniß, sich der Mithülfe seines Freundes Saint-Victor, eines Edelmanns aus der Provence, dessen Muth und Treue vielfach erprobt sei, bedienen zu dürfen. Die Dienste eines so werthvollen Beistandes wurden bereitwillig angenommen. Lauzun reichte Marien die Hand, und Saint-Victor hüllte den unglücklichen Erben so vieler Könige in seinen warmen Mantel. Die Gesellschaft schlich leise die Hintertreppe hinab und stieg in einen offenen Kahn. Es war eine traurige Fahrt. Die Nacht war kalt, es regnete, der Wind heulte und der Wellenschlag war heftig. Endlich erreichte der Kahn Lambeth und die Flüchtlinge landeten in der Nähe eines Gasthofes, wo ein Wagen und Pferde sie erwarteten. Es dauerte eine Weile, bis die Pferde angeschirrt und angespannt waren. Marie wollte aus Furcht erkannt zu werden nicht in das Haus treten. Sie blieb bei ihrem Kinde, zum Schutz vor dem Unwetter unter dem Thurme der Lambethkirche kauernd und jedesmal vor Schreck zusammenfahrend, wenn der Hausknecht sich ihr mit seiner Laterne näherte. Sie hatte zwei von ihren Kammerfrauen bei sich; die eine nährte den Prinzen, die andre hatte das Amt, ihn zu wiegen; ihrer Gebieterin aber konnten Beide nur wenig nützen, denn sie waren Ausländerinnen, welche kaum englisch sprachen und beständig über das rauhe Klima Englands klagten. Der einzige tröstliche Umstand war, daß das Kind wohl war und nicht ein einziges Mal schrie. Endlich war der Wagen bereit. Saint-Victor begleitete denselben zu Pferde. Die Flüchtlinge kamen wohlbehalten in Gravesend an und schifften sich auf der sie erwartenden Yacht ein. Sie fanden auf derselben Lord Powis mit seiner Gattin und drei irische Offiziere. Diese waren dahin geschickt worden, um Lauzun in einem etwaigen verzweifelten Nothfalle beizustehen, denn es wurde nicht für unmöglich gehalten, daß der Kapitain des Schiffes sich als treulos erwies, und man hatte sich fest vorgenommen, ihn beim geringsten Verdacht von Verrätherei sofort niederzustoßen. Man kam jedoch nicht in die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen. Die Yacht fuhr mit günstigem Winde den Strom hinab und nachdem Saint-Victor sie hatte absegeln sehen, sprengte er mit der guten Nachricht nach Whitehall zurück.[163]

Am Montag Morgen, den 10. December, erfuhr der König, daß seine Gemahlin und sein Sohn ihre Reise unter günstigen Aussichten für die glückliche Vollendung derselben angetreten hatten. Um die nämliche Zeit kam ein Courier mit Depeschen von Hungerford im Palaste an. Wäre Jakob ein wenig scharfsichtiger und etwas weniger halsstarrig gewesen, so würden diese Depeschen ihn bestimmt haben, alle seine Pläne noch einmal zu erwägen. Das Schreiben der Commissare berechtigte zu guten Hoffnungen. Die von dem Sieger gestellten Bedingungen waren auffallend liberal. Der König selbst konnte sich der Bemerkung nicht enthalten, daß sie günstiger seien, als er es erwartet hätte. Zwar konnte er nicht ohne Grund annehmen, daß sie in keiner freundlichen Absicht gestellt wurden; allein dies kam hier nicht in Betracht; mochten sie ihm in der Hoffnung angeboten werden, daß er durch Annahme derselben den Grund zu einer gütlichen Ausgleichung legen werde, oder, und dies war wahrscheinlicher, in der Hoffnung, daß er sich durch ihre Zurückweisung der Nation als durchaus unvernünftig und unverbesserlich darstellen werde, jedenfalls war der Weg, den er hatte einschlagen sollen, vollkommen klar. In beiden Fallen würde es die Klugheit erfordert haben, sie ohne Besinnen anzunehmen und treulich zu halten.

[163.] Clarke’s Life of James, II. 246; Père d’Orléans, Revolutions d’Angleterre, XI.; Frau von Sévigné, 14.(24.) Dec. 1688; Dangeau Mémoires, 13.(23.) Dec. Über Lauzun siehe die Memoiren Mademoiselle’s und des Herzogs von St. Simon und die Characteristiken von Labruyère.

Anstalten des Königs zur Flucht. [Es] zeigte sich aber bald, daß Wilhelm den Character, mit dem er es zu thun hatte, richtig beurtheilt und durch das Anerbieten jener Bedingungen, welche die in Hungerford anwesenden Whigs als zu nachsichtig getadelt, nichts gewagt hatte. Die feierliche Komödie, mit der das Publikum seit dem Rückzuge der königlichen Armee von Salisbury unterhalten worden war, wurde noch einige Stunden fortgesetzt. Alle noch in der Hauptstadt anwesenden Lords wurden in den Palast beschieden, um von den Fortschritten der auf ihren Rath eingeleiteten Unterhandlungen unterrichtet zu werden. Eine zweite Versammlung von Peers wurde auf den nächstfolgenden Tag festgesetzt. Der Lordmayor und die Sheriffs von London wurden ebenfalls vor den König geladen. Er ermahnte sie, ihre Pflichten mit ungeschwächtem Eifer zu erfüllen und gestand ihnen, daß er es für zweckmäßig erachtet habe, seine Gemahlin und seinen Sohn außer Landes zu schicken, versicherte aber, daß er selbst auf seinem Posten ausharren werde. Als er diese unkönigliche und unmännliche Lüge sagte, war es schon sein fester Entschluß, noch vor Tagesanbruch abzureisen. Er hatte bereits sein werthvollstes bewegliches Eigenthum mehreren fremden Gesandten zur Aufbewahrung übergeben. Seine wichtigsten Papiere hatte er dem toskanischen Gesandten anvertraut. Etwas aber mußte vor der Flucht noch geschehen. Der Tyrann schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er sich an dem Volke, welches seinen Despotismus nicht länger ertragen wollte, werde rächen können, indem er es bei seinem Scheiden allem Unheile der Anarchie preisgab. Er ließ das große Siegel und die Ausschreiben für das neue Parlament in sein Zimmer bringen. Die noch vorhandenen Ausschreiben warf er ins Feuer und die bereits abgesandten erklärte er durch eine in gesetzlicher Form abgefaßte Urkunde für ungültig. An Feversham schrieb er einen Brief, der nur als ein Befehl zur Auflösung der Armee verstanden werden konnte. Gleichwohl verhehlte der König selbst seinen ersten Ministern noch immer seine Absicht, zu entweichen. Ehe er sich zur Ruhe begab, befahl er noch Jeffreys, am andren Morgen bei Zeiten im Kabinet zu erscheinen, und als er ins Bett stieg, raunte er Mulgrave zu, die aus Hungerford angelangten Nachrichten seien höchst befriedigend. Jedermann entfernte sich hierauf, mit Ausnahme des Herzogs von Northumberland. Dieser junge Mann, ein natürlicher Sohn Karl’s II. und der Herzogin von Cleveland, war Commandant einer Abtheilung der Leibgarde und Kammerherr. Es scheint damals am Hofe Sitte gewesen zu sein, daß in Abwesenheit der Königin ein Kammerherr im Zimmer des Königs auf einem Feldbett schlafen mußte, und Northumberland war an der Reihe, diesen Dienst zu versehen.

Seine Flucht. [Dienstag] den 11. December um drei Uhr Morgens stand Jakob auf, nahm das große Siegel an sich, befahl Northumberland, die Thür des Schlafzimmers erst zur gewohnten Stunde zu öffnen und verschwand durch einen verborgenen Ausgang, wahrscheinlich derselbe, durch welchen Huddleston ans Bett des vorigen Königs gebracht worden war. Sir Eduard Hales erwartete ihn mit einer Miethkutsche. Jakob fuhr nach Millbank, wo er in einem kleinen Nachen über die Themse setzte. Als er bei Lambeth vorüberfuhr, warf er das große Siegel mitten in den Strom, wo es viele Monate darauf zufällig in ein Fischernetz gerieth und herausgezogen wurde.

In Vauxhall stieg er an’s Land. Hier erwartete ihn ein bekannter Reisewagen und er schlug ohne Aufenthalt den Weg nach Sheerneß ein, wo ein dem Zollhause gehörendes Boot für ihn in Bereitschaft gehalten wurde.[164]

[164.] History of the Desertion; Clarke’s Life of James, II. 251. Orig. Mem.; Mulgrave’s Account of the Revolution; Burnet, I. 795.