Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford. [Samstag] Morgens, den 8. December, kamen die königlichen Commissare in Hungerford an. Die Leibgarde des Prinzen war in Parade aufgestellt, um sie mit militairischen Ehrenbezeigungen zu empfangen. Bentinck bewillkommnete sie und erbot sich, sie sofort zu seinem Gebieter zu geleiten. Sie sprachen die Hoffnung aus, daß der Prinz ihnen eine Privataudienz bewilligen werde; aber es wurde ihnen darauf erwiedert, daß er beschlossen habe, sie öffentlich anzuhören und ihnen ebenso zu antworten. Sie wurden in sein Schlafgemach eingeführt, wo sie ihn von einer Menge Lords und Gentlemen umgeben fanden.
Unterhandlung. [Halifax,] dem seine Stellung, sein Alter und seine Fähigkeiten den Vorrang gaben, führte das Wort. Der Vorschlag, den die Commissare zu machen beauftragt waren, bestand darin, daß die streitigen Punkte der Entscheidung des Parlaments, für welches die Wahlen bereits angeordnet seien, anheimgegeben werden und daß sich bis dahin die Armee des Prinzen der Hauptstadt nicht weiter als bis auf dreißig oder vierzig Meilen nähern sollte. Nachdem Halifax erklärt hatte, daß er und seine Collegen bereit seien, auf dieser Grundlage zu unterhandeln, überreichte er Wilhelm ein Schreiben vom Könige und entfernte sich dann. Wilhelm erbrach den Brief und schien ungewöhnlich bewegt zu sein. Es war der erste, den er von seinem Schwiegervater erhielt, seitdem sie erklärte Feinde geworden waren. Sie hatten einst auf gutem Fuße gestanden und einander vertraulich geschrieben; auch hatten sie selbst als sie schon anfingen, einander mit Mißtrauen und Abneigung zu betrachten, die freundschaftlichen Formen, welche nahe Verwandte zu gebrauchen pflegen, noch nicht aus ihren Briefen verbannt. Das von den Commissaren überbrachte Schreiben aber war von einem Sekretär in diplomatischer Form und in französischer Sprache abgefaßt. „Ich habe viele Briefe vom Könige erhalten,“ sagte Wilhelm, „aber sie waren alle in englischer Sprache und von ihm eigenhändig geschrieben.“ Er sprach mit einer Gemüthsbewegung, die er sonst nicht zu zeigen gewohnt war. Er dachte vielleicht in diesem Augenblicke daran, welche Vorwürfe sein Unternehmen, so gerecht, so wohlthätig und so nothwendig es auch sein mochte, ihm selbst und der ihm ergebenen Frau zuziehen mußte. Vielleicht beklagte er das harte Geschick, das ihn in eine Lage versetzt hatte, in der er seine Staatspflichten nur dadurch erfüllen konnte, daß er Familienbande zerriß, und beneidete die glücklichere Lage Derer, die für das Wohl von Nationen und Kirchen nicht verantwortlich sind. Doch wenn solche Gedanken wirklich in ihm aufstiegen, so wurden sie mit männlicher Festigkeit unterdrückt. Er forderte die Lords und Gentlemen, die er in Folge jenes Schreibens zusammenberief, auf, über die zu ertheilende Antwort zu berathschlagen, ohne daß er sie durch seine Anwesenheit irgendwie behindern wolle. Er selbst behielt sich nur das Recht vor, nach Anhörung ihrer Meinungen in letzter Instanz zu entscheiden. Hierauf verließ er sie und zog sich nach Littlecote Hall zurück, einem etwa zwei Meilen entfernten Schlosse, das bis auf unsere Tage nicht allein durch seine ehrwürdige Bauart und Einrichtung, sondern auch wegen eines entsetzlichen und geheimnißvollen Verbrechens berühmt ist, das zu den Zeiten der Tudors daselbst verübt wurde.[160]
Vor seiner Abreise von Hungerford erfuhr er, daß Halifax den dringenden Wunsch geäußert habe, mit Burnet zu sprechen. In diesem Wunsche lag nichts Auffallendes, denn Halifax und Burnet hatten lange auf freundschaftlichem Fuße gestanden. Allerdings konnte es wohl kaum zwei Männer geben, die einander so wenig glichen. Burnet fehlte es gänzlich an Takt und Zartgefühl. Halifax besaß dagegen ein außerordentlich feines Gefühl und sein Sinn für das Lächerliche war von krankhafter Reizbarkeit. Burnet betrachtete jede Handlung und jeden Character durch ein vom Parteigeist entstelltes und gefärbtes Medium. Halifax dagegen war stets geneigt, die Fehler seiner Verbündeten mit schärferem Blicke zu untersuchen als die Fehler seiner Gegner. Burnet war bei allen seinen Mängeln und Schwächen und durch alle Wechselfälle seines in Verhältnissen, welche der Frömmigkeit eben nicht günstig waren, hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiöser Mann. Der skeptische und sarkastische Halifax wurde für einen Ungläubigen gehalten. Halifax zog sich daher oft den unwilligen Tadel Burnet’s zu, und Burnet war oft die Zielscheibe von Halifax’ scharfem und feinem Witze. Dennoch fühlten sie sich zu einander hingezogen, fanden gegenseitig Gefallen an ihrer Unterhaltung, schätzten ihre beiderseitigen Talente, tauschten freimüthig ihre Ansichten aus und erwiesen einander auch in Zeiten der Gefahr gute Dienste. Indessen wünschte Halifax seinen alten Bekannten jetzt nicht aus rein persönlichen Rücksichten zu sprechen. Es mußte den Commissaren daran gelegen sein, den eigentlichen Endzweck des Prinzen zu erfahren. Er hatte sich geweigert, sie privatim zu empfangen, und aus dem, was er ihnen bei einer förmlichen und öffentlichen Zusammenkunft sagen konnte, war wenig zu ersehen. Fast Alle die sein Vertrauen besaßen, waren eben so verschwiegen und unergründlich als er selbst. Burnet bildete die einzige Ausnahme. Er war notorisch geschwätzig und indiscret, die Umstände aber hatten es nöthig gemacht, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und es unterlag keinem Zweifel, daß es dem gewandten Halifax gelingen würde, ihm eben so viele Geheimnisse als Worte zu entlocken. Wilhelm wußte dies sehr gut, und als er erfuhr, daß Halifax mit dem Doctor sprechen wollte, konnte er sich der Äußerung nicht enthalten: „Wenn die Beiden zusammenkommen, wird es ein schönes Geschwätz geben.“ Es wurde Burnet nicht erlaubt, privatim mit den Commissaren zu sprechen, ihm aber versichert, daß seine Treue in den Augen des Prinzen über jeden Verdacht erhaben sei, und damit er keinen Grund haben konnte, sich zu beklagen, wurde das Verbot allgemein gemacht.
An jenem Nachmittage versammelten sich die Lords und Gentlemen, welche Wilhelm um ihren Rath ersucht hatte, in dem Hauptsaale des ersten Gasthofes zu Hungerford. Oxford präsidirte und die Eröffnungen des Königs wurden in Erwägung gezogen. Es zeigte sich bald, daß die Versammlung in zwei Parteien gespalten war, deren eine sehnlichst einen Vergleich mit dem Könige wünschte, während die andre seinen Sturz wollte. Die letztere Partei hatte das numerische Übergewicht; aber es wurde bemerkt, daß Shrewsbury, von dem man glaubte, daß er von allen englischen Kavalieren den größten Antheil an Wilhelm’s Vertrauen hatte, bei dieser Gelegenheit auf Seiten der Tories stand. Nach langem Hin- und Herreden wurde die Frage gestellt. Die Majorität war für die Verwerfung des Vorschlags, den die Commissare zu machen beauftragt waren. Der Beschluß der Versammlung wurde dem Prinzen nach Littlecote gemeldet. Bei keinem Anlasse während seines ganzen ereignißvollen Lebens zeigte er mehr Klugheit und Selbstbeherrschung. Er konnte unmöglich wünschen, daß die Unterhandlung Erfolg habe; aber er war viel zu klug, um nicht einzusehen, daß er die öffentliche Meinung nicht mehr für sich gehabt haben würde, wenn die Unterhandlung an unbilligen Forderungen von seiner Seite scheiterte. Er verwarf daher die Ansicht seiner allzueifrigen Anhänger und erklärte, daß er entschlossen sei, auf der vom Könige proponirten Grundlage zu unterhandeln. Viele von den in Hungerford versammelten Lords und Gentlemen erhoben Einwendungen dagegen, und ein ganzer Tag verging unter Hin- und Herstreiten; aber Wilhelm’s Entschluß stand unwiderruflich fest. Er erklärte sich bereit, die Entscheidung aller streitigen Punkte dem eben einberufenen Parlamente zu überlassen und sich London nur bis auf vierzig Meilen zu nähern. Er stellte seinerseits einige Forderungen, welche selbst Diejenigen, die am wenigsten für ihn eingenommen waren, als mäßig anerkannten. Er verlangte, daß die bestehenden Gesetze so lange befolgt würden, bis sie durch die competente Autorität abgeändert wären, und daß alle Diejenigen, welche ohne gesetzliche Qualification Ämter bekleideten, sofort entlassen werden sollten. Er war ferner der vollkommen begründeten Meinung, daß die Berathungen des Parlaments nicht frei sein könnten, wenn es von irischen Regimentern umgeben war, während er mit seiner Armee mehrere Tagemärsche weit von demselben entfernt stand. Er hielt es daher für recht und billig, daß, wenn seine Truppen sich im Westen der Hauptstadt nur bis auf vierzig Meilen nähern sollten, auch die königlichen Truppen im Osten sich auf gleiche Entfernung zurückziehen müßten. So wäre um den Ort herum, wo die Häuser tagten, ein großer Kreis neutralen Bodens gewesen. Allerdings befanden sich innerhalb dieses Umkreises zwei für die Bewohner der Hauptstadt höchst wichtige Festungen, der Tower, der ihre Häuser, und Tilbury Fort, das ihren Seehandel beherrschte. Ohne Besatzung konnten diese Plätze unmöglich bleiben, und Wilhelm schlug daher vor, sie einstweilen der Obhut der City von London zu übergeben. Ferner konnte es der König möglicherweise für angemessen erachten, sich zur Eröffnung des Parlaments mit einer Abtheilung Leibgarden nach Westminster zu begeben. Der Prinz kündigte an, daß er in diesem Falle das Recht beanspruchen werde, sich ebenfalls mit einer gleichen Anzahl Soldaten dahin zu begeben. Es schien ihm gerecht, daß, so lange die militairischen Operationen eingestellt waren, beide Armeen gleichmäßig im Dienste der Nation stehend betrachtet und gleichmäßig auf Kosten des englischen Staatsschatzes unterhalten würden. Endlich verlangte er noch eine Gewährschaft dafür, daß der König sich den Waffenstillstand nicht zu Nutze machte, um französische Truppen nach England zu ziehen. Der gefährlichste Punkt in dieser Beziehung war Portsmouth. Der Prinz bestand jedoch nicht darauf, daß ihm diese wichtige Festung überliefert werden sollte, sondern machte nur den Vorschlag, sie für die Dauer des Waffenstillstandes unter das Commando eines Offiziers zu stellen, zu dem er und Jakob Vertrauen habe.
Wilhelm’s Vorschläge waren mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit entworfen, wie sie eher von einem unbeteiligten Schiedsrichter, der sein Urtheil abgiebt, als von einem siegreichen Fürsten, der einem hülflosen Feinde Bedingungen vorschreibt, zu erwarten gewesen wären. Die Anhänger des Königs fanden nichts daran auszusetzen. Unter den Whigs aber wurde viel darüber gemurrt. Sie wollten von einer Versöhnung mit ihrem gewesenen Gebieter nichts wissen, sie glaubten sich aller Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden, sie wollten die Autorität eines durch ihn einberufenen Parlaments nicht anerkennen, waren einem Waffenstillstande entschieden abgeneigt und konnten nicht einsehen, warum ein solcher, wenn er dennoch abgeschlossen werden sollte, auf gleiche Bedingungen basirt sein müsse. Nach allen Regeln des Kriegs habe die stärkere Partei das Recht, aus ihrer Starke Vortheil zu ziehen, und sei Jakob’s Character von der Art, um eine außerordentliche Nachsicht zu rechtfertigen? Die, welche so raisonnirten, hatten keinen Begriff, aus welchem erhabenen Gesichtspunkte und mit welchem scharfen Blicke der von ihnen getadelte Führer die ganze Stellung Englands und Europa’s betrachtete. Sie wollten Jakob schlechterdings stürzen und würden sich daher entweder geweigert haben, unter irgend welchen Bedingungen mit ihm zu unterhandeln, oder sie würden ihm unerträglich harte Bedingungen gestellt haben. Wenn Wilhelm’s umfassender und tief durchdachter politischer Plan gelingen sollte, mußte Jakob durch Zurückweisung auffallend liberaler Bedingungen sich selbst ins Verderben stürzen. Die kommenden Ereignisse bewiesen sprechend die Weisheit des Verfahrens, welches die Mehrzahl der in Hungerford versammelten Engländer zu verdammen geneigt war.
Am Sonntag, den 9. December, wurden die Forderungen des Prinzen niedergeschrieben und Halifax übergeben. Die Commissare speisten in Littlecote mit einer glänzenden Gesellschaft, welche ihnen zu Ehren eingeladen worden war. Die alte Halle, geschmückt mit Panzerhemden, welche die Kriege der Rosen gesehen und mit den Bildnissen von Kavalieren, die eine Zierde des Hofes Philipp’s und Mariens gewesen waren, war an jenem Tage mit Peers und Generälen angefüllt. In einem solchen Gedränge konnte man leicht eine kurze Frage und Antwort wechseln, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Halifax benutzte die Gelegenheit, die sich ihm darbot, um Burnet Alles was er wußte und dachte zu entlocken. „Was wollt Ihr eigentlich?“ fragte der gewandte Diplomat; „wollt Ihr den König in Eure Gewalt haben?“ — „Durchaus nicht,“ antwortete Burnet, „wir würden seiner Person nicht das mindeste Leid anthun.“ — „Wenn er aber flüchtete?“ fuhr Halifax fort. „Dies wäre uns das Erwünschteste.“ Es kann nicht bezweifelt werden, daß Burnet die allgemeine Ansicht der Whigs im Lager des Prinzen aussprach. Sie wünschten Alle, daß Jakob das Land verlassen möchte, aber nur einige wenige von den weisesten unter ihnen sahen ein, wie wichtig es war, daß seine Flucht von der Nation seiner eignen Thorheit und Verblendung und nicht harter Behandlung oder begründeter Furcht zugeschrieben wurde. Wahrscheinlich wären selbst in der verzweifelten Lage, in die er versetzt war, alle seine Feinde zusammengenommen noch immer nicht im Stande gewesen, seinen völligen Sturz zu bewirken, wäre er selbst nicht sein schlimmster Feind gewesen; aber während seine Commissare an seiner Rettung arbeiteten, arbeitete er eben so eifrig daran, alle ihre Bemühungen nutzlos zu machen.[161]
[160.] Siehe eine höchst interessante Note zum fünften Gesange von Sir Walter Scotts Rokeby.
[161.] Die Quellen meiner Mittheilungen über die Vorgänge in Hungerford sind: Clarendon’s Diary, Dec. 8, 9. 1688; Burnet, I. 794; das Schreiben, welches die Commissare dem Prinzen überbrachten, und dessen Antwort darauf; Sir Patrick Hume’s Diary; Citters, 9.(19.) Dec.
Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich geschickt. [Seine] Pläne waren endlich reif zur Ausführung. Die Scheinunterhandlung hatte ihren Zweck erfüllt. An dem nämlichen Tage, an welchem die drei Lords in Hungerford eintrafen, kam der Prinz von Wales in Westminster an. Man hatte die Absicht gehabt, ihn die London-Brücke passiren zu lassen, und einige irländische Truppen waren ihm daher nach Southwark entgegengesandt worden. Aber sie wurden von einer zahlreichen Volksmenge mit solchem Geschrei und solchen Verwünschungen empfangen, daß sie es für gerathen hielten, schleunigst wieder umzukehren. Das unglückliche Kind passirte die Themse bei Kingston und wurde so in aller Stille nach Whitehall gebracht, daß Viele glaubten, es sei noch in Portsmouth.[162]
Den Prinzen und die Königin außer Landes zu schicken, war jetzt das Hauptziel Jakob’s. Aber wem konnte die Leitung der Flucht anvertraut werden? Dartmouth war der loyalste aller protestantischen Tories, und er hatte sich geweigert. Dover war eine Creatur der Jesuiten, und selbst er hatte sich nicht entschließen können. Es war nicht sehr leicht, einen Engländer von hohem Range und von Ehre zu finden, der es unternommen hätte, den wahrscheinlichen Erben der englischen Krone den Händen des Königs von Frankreich zu übergeben. Unter diesen Umständen dachte Jakob an einen damals in London lebenden Franzosen, Namens Antonin Graf von Lauzun.