Verhaftung Jeffreys’. [Trotz] der wohlmeinenden Bemühungen der provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stündlich in erschreckendem Maße zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmäkler, dessen Hauptgeschäft darin bestand, daß er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst wenig zu sagen wußte, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der Kanzler gerieth sogleich in Flammen. „Ein Trimmer?“ rief er aus; „wo ist er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehört. Wie mögen sie aussehen?“ Der unglückliche Gläubiger mußte vortreten. Der Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, überhäufte ihn mit einer Fluth von Schmähungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst wieder fort. „Dieses fürchterliche Gesicht,“ sagte der arme Mann, während er aus dem Gerichtssaale wankte, „werde ich zeitlebens nicht vergessen.“ Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwärzte Anzug war der eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys’ wilder Blick und boshafter Mund waren nicht zu verkennen. Es wurde Lärm gemacht, und in einem Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die unter lauten Verwünschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine Compagnie Miliz rettete dem Flüchtling das Leben und führte ihn vor den Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestürzt war, als er sah, daß er in einer großen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende Zustand der seiner Obhut anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und körperlichen Kräfte fast erschöpft. Als der große Mann, bei dessen Zornesblicke noch vor wenigen Tagen das ganze Königreich gezittert hatte, von Ruß geschwärzt, halb todt vor Angst und von einem tobenden Pöbelhaufen verfolgt, in das Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die Aufregung des unglücklichen Mayors auf’s Höchste. Er bekam Nervenzufälle und wurde zu Bett gebracht, um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde die Volksmenge draußen immer zahlreicher und wüthender. Jeffreys bat darum, daß man ihn ins Gefängniß führen solle. Man holte von den in Whitehall tagenden Lords einen dazu nöthigen Verhaftbefehl herbei und Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem Tower gebracht. Zwei Regimenter Miliz waren zur Eskorte aufgeboten worden, und sie hatten ein schweres Stück Arbeit. Sie waren zu wiederholten Malen genöthigt, sich so zu formiren, als ob sie einen Kavallerieangriff abzuwehren hätten, und dem Pöbel einen Wald von Lanzen entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in ihren rachsüchtigen Hoffnungen getäuscht sahen, verfolgten den Wagen unter wüthendem Gebrüll bis zum Eingang in den Tower, dabei beständig ihre Stöcke schwingend und dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend. Der Unglückliche war vom Entsetzen und der Angst wie gelähmt. Er rang die Hände, blickte bald aus diesem, bald aus jenem Fenster und man hörte ihn trotz des betäubenden Lärms deutlich ausrufen: „Haltet sie zurück, Gentlemen! um des Himmels willen, haltet sie zurück!“ Endlich nachdem er weit mehr als die Qualen des Todes gelitten, wurde er in dem Staatsgefängnisse, in welchem einige von seinen erlauchtesten Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und in welchem auch er seine Tage in unsäglicher Schmach und Angst beschließen sollte, in Sicherheit gebracht.[6]

Diese ganze Zeit über wurde eifrig auf katholische Priester gefahndet. Viele wurden festgenommen und zwei Bischöfe, Ellis und Leyburne, wurden nach Newgate abgeführt. Der Nuntius, welcher kaum erwarten durfte, daß die Menge seinen geistlichen oder weltlichen Character respectiren werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge des Gesandten des Herzogs von Savoyen.[7]

[6.] North’s Life of Guildford, 220; Jeffreys’ Elegy; Luttrell’s Diary; Oldmixon, 762. Oldmixon befand sich unter der Menge und war, wie ich nicht zweifle, einer der Wüthendsten. Er erzählt die Geschichte gut. Ellis’ Correspondenz; Burnet I. 797, und Onslow’s Note.

[7.] Adda, 9.(19.) Dec.; Citters, 18.(28.) Dec.

Die irische Nacht. [Ein] zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht, welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pöbel einen Angriff auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten für Lord Powis erbaut worden war, unter Georg II. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde und sich noch jetzt unter den Gebäuden der nordwestlichen Seite von Lincoln’s Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt, welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und die Bürger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein Gerücht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straßen und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, welche Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre. An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte. Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten; woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren, um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen, Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien, welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen Jakob’s hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines Thrones.[8]

Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, mit welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob’s Flucht herbeiführte, und trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings wurde viel Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken wurden angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und gestohlen. Manch’ ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des Mittelalters zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit des Volks. Die Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, daß er kein Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen wurden insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht mißliebige waren froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften, daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autorität das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, einige Guineen gaben. Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage währte und sich über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergießen, ausgenommen bei Jeffreys, und der Haß, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand der Menschlichkeit näher als der Grausamkeit.[9]

Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt, und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich, aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.[10]

In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht, daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, wegen der er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprünglich seine Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ändern und direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß Feversham dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee entlassen habe und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm hätte daher nicht ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um die er sich wenig zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen Interessen, die er wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen können. Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. „So darf man mir nicht kommen,“ rief er mit Bitterkeit aus; „Mylord Feversham soll das bald erfahren.“ Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln getroffen, um den durch Jakob herbeigeführten Übeln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character wieder anzunehmen, und die Irländer erhielten Befehl, ihre Waffen abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden würden; zugleich aber wurde ihnen versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig fügten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.[11]

Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten, ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen gezwungen, die Waffen zu strecken.[12]

Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.