Ankunft Jakob’s in St.-Germains. [Am] folgenden Tage kam auch Jakob in St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der unglückliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines Beschützers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn mit brüderlicher Zärtlichkeit. Dann traten die beiden Könige ins Zimmer der Königin. „Hier ist ein Herr,“ sagte Ludwig zu ihr, „dessen Ankunft Sie gewiß erfreuen wird.“ Nachdem er hierauf seine Gäste eingeladen hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das Vergnügen zu verschaffen, ihnen seine Gebäude, seine Gemälde und seine Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein alter Freund.

Wenige Stunden darauf wurde dem königlichen Paare gemeldet, daß ihnen, so lange sie dem Könige von Frankreich die Ehre erzeigen würden, seine Gastfreundschaft anzunehmen, jährlich fünfundvierzigtausend Pfund Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt.

Viel rühmenswerther und bewundernswürdiger als Ludwig’s Freigebigkeit war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemühte, die Gefühle seiner Gäste zu beruhigen und ihnen die fast unerträgliche Last der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitsüchtig und anmaßend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in Krieg zu verwickeln, als in dem geringfügigsten Punkte der Etikette nachzugeben, war jetzt übertrieben ängstlich, und zwar für seine Freunde gegen sich selbst. Er gab Befehl, daß Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Königin niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten französischen Hofe sehr wichtige Dinge. Es ließen sich auf beiden Seiten Precedenzfälle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein eignes Blut. Einige vornehme Damen unterließen die Ceremonie, den Saum von Mariens Kleide zu küssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rügte sie in einem Tone und mit einem Blicke, daß diese ganze Pairie von nun an bereit gewesen wäre, ihr den Fuß zu küssen. Als das so eben von Racine geschriebene Schauspiel „Esther“ in Saint-Cyr aufgeführt wurde, hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob saß ihr zur Rechten, Ludwig nahm bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wünschte sogar, daß ein von seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den Titel König von Frankreich führen, als König von Frankreich die Lilien mit dem englischen Löwen vereinigen und sich als König von Frankreich bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte.

Das Benehmen des französischen Adels bei feierlichen Anlässen wurde durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag außer dem Bereiche seiner Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und beißenden Witze auszudrücken. Ihre Meinung von Marien war eine günstige. Sie fanden ihre persönliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung würdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten ihr Mißgeschick. Jakob aber verachteten sie gründlich. Sein Stumpfsinn, die kalte Gleichgültigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze sprach, und das kindische Vergnügen, das er an dem Pomp und Luxus von Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare Apathie nicht der Philosophie oder Religiosität, sondern einem beschränkten und niedrig denkenden Geiste zu und äußerten, daß Niemand der die Ehre gehabt habe, Seine Großbritannische Majestät seine Geschichte erzählen zu hören, sich darüber wundern könne, daß er in Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.[52]

[52.] Meine Mittheilungen über den Empfang Jakob’s und seiner Gemahlin in Frankreich sind namentlich den Briefen der Frau von Sévigné und den Memoiren Dangeau’s entnommen.

Stimmung in den Vereinigten Provinzen. [In] den Vereinigten Provinzen war die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch größer als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund den Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an welchem die Expedition absegelte, war die ganze holländische Nation in ängstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefüllt, nie war die Begeisterung der Prediger so glühend gewesen. Man konnte es nicht verhindern, daß die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, daß fast Niemand es wagte, ihn zu besuchen, und er fürchtete ernstlich, seine Kapelle würde in Brand gesteckt werden.[53] Da jede Post Nachricht von dem immer weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, daß er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen die ausübende Verwaltung übernommen hatte, brachen alle holländischen Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es wurde in aller Eil eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um ihn zu beglückwünschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner diplomatischen Geschicklichkeit und seiner gründlichen Kenntniß des englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte, war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein Bürgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwählt worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, daß die lange Fehde zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am 8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen Unterredungen mit Engländern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren: „Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath?“ In der That, der einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemüth einen tiefen Eindruck machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner großen Popularität in England sprach er mit kalter Geringschätzung und prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. „Hier,“ sagte er, „ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen: Kreuziget ihn!“[54]

[53.] Albeville an Preston, 23. Nov. (3. Dec.) 1688 in der Mackintosh-Sammlung.

[54.] „’Tis hier nu Hosanna: maar ’t zal, veelligt, haast Kruist hem, kruist hem, zyn.“ Witsen MS. in Wagenaar, Buch 61. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, daß einige Jahre früher Richard Duke, ein ehedem wohlbekannter, jetzt aber fast ganz vergessener toryistischer Dichter, den man höchstens noch aus Johnson’s biographischer Skizze kennt, ganz denselben Vergleich auf Jakob anwendete:

„Ist’s nicht der Judenpöbel, der einstmals geschrie’n

Hosianna erst und nachher kreuzigt ihn?“