Ministerielle Veränderungen in England.
Die Häuser gingen auseinander und der König traf Anstalten zur Reise nach dem Continent. Vor seiner Abreise nahm er noch einige Veränderungen in seinem Hofstaate und in mehreren Departements der Regierung vor, Veränderungen jedoch, welche keine entschiedene Bevorzugung einer der beiden großen politischen Parteien erkennen ließen. Rochester wurde in den Geheimen Rath vereidigt. Wahrscheinlich hatte er diesen Beweis der königlichen Gunst dem Umstande zu verdanken, daß er in dem unglücklichen Streite zwischen der Königin und ihrer Schwester die Partei der Ersteren genommen hatte. Pembroke übernahm das Geheimsiegel und erhielt bei der Admiralität Lord Charles Cornwallis, einen gemäßigten Tory, zum Nachfolger; Lowther nahm einen Sitz in demselben Collegium an und wurde im Schatzamte durch Sir Eduard Seymour ersetzt. Viele toryistische Landgentlemen, welche Seymour als ihren Führer in dem Kampfe gegen Angestellte und Holländer betrachtet hatten, waren ganz entrüstet als sie erfuhren, daß er ein Höfling geworden war. Sie erinnerten sich, daß er für eine Regentschaft gestimmt hatte, daß er die Eide mit Widerstreben geleistet, daß er ziemlich unehrerbietig von dem Souverain gesprochen hatte, dem er jetzt bereit war um eines Einkommens willen zu dienen, das kaum der Mühe werth war, von einem Manne seines Reichthums und seines parlamentarischen Ansehens angenommen zu werden. Es war sonderbar, daß der stolzeste Mensch von der Welt der schmutzigste sein sollte, daß ein Mann, der nichts auf Erden zu verehren schien als sich selbst, sich um eines festen Gehalts willen erniedrigen sollte. Aber solche Reflexionen kümmerten ihn wenig. Er fand jedoch bald, daß ein unangenehmer Umstand mit seinem neuen Amte verbunden war. Im Schatzamte mußte er unter dem Kanzler der Schatzkammer sitzen. Der erste Lord, Godolphin, war Peer des Reichs und sein Recht auf den Vorrang konnte nach den Regeln der Herolde nicht in Zweifel gezogen werden. Aber Jedermann wußte wer der erste englische Commoner war. Was war Richard Hampden, daß er den Platz eines Seymour, des Oberhauptes der Seymour einnehmen sollte? Mit vieler Mühe wurde der Streit beigelegt, indem man Sir Eduard’s empfindlichem Stolze einige Zugeständnisse machte. Er wurde in den Geheimen Rath vereidigt, wurde zum Mitgliede des Cabinets ernannt, und der König nahm ihn bei der Hand und stellte ihn der Königin mit den Worten vor: „Ich bringe Ihnen einen Gentleman, der in meiner Abwesenheit ein werthvoller Freund sein wird.” Auf diese Weise wurde
Sir Eduard so besänftigt und geschmeichelt, daß er ferner nicht mehr darauf bestand, sich zwischen den ersten Lord und den Kanzler der Schatzkammer zu drängen.
In der nämlichen Schatzcommission, in welcher der Name Seymour figurirte, kam auch der Name eines viel jüngeren Staatsmannes vor, der sich während der letzten Session im Hause der Gemeinen zu hoher Auszeichnung emporgeschwungen hatte: Karl Montague. Mit dieser Ernennung waren die Whigs sehr zufrieden, in deren Achtung Montague jetzt höher stand als ihre Veteranenhäupter Sacheverell und Littleton und in der That darin nur von Somers übertroffen wurde.
Sidney gab die Siegel ab, die er über ein Jahr geführt hatte, und wurde zum Lord Lieutenant von Irland ernannt. Es vergingen einige Monate, bis der Platz, den er verlassen, wieder besetzt wurde, und in dieser Zwischenzeit besorgte Nottingham die ganzen Geschäfte, die sich gewöhnlich die beiden Staatssekretäre getheilt hatten.[59]
Ministerielle Veränderungen in Schottland.
Während diese Ernennungen stattfanden, geschahen in einem entlegenen Theile der Insel Ereignisse, die in den bestunterrichteten Zirkeln London’s erst nach vielen Monaten bekannt wurden, die aber nach und nach eine entsetzliche Notorietät erlangten und welche noch jetzt, nach einem Zeitraum von mehr als hundertsechzig Jahren, nie ohne Schaudern erwähnt werden.
Bald nachdem die Stände von Schottland sich, im Herbste des Jahres 1690 getrennt hatten, wurde in der Verwaltung dieses Königreichs eine Aenderung getroffen. Wilhelm war mit der Art und Weise, wie er im Parlamentshause vertreten worden war, nicht zufrieden. Er war der Meinung, daß die vertriebenen Curaten hart behandelt worden seien. Er hatte nur sehr ungern das Gesetz, welches das Patronat abschaffte, mit seinem Scepter berühren lassen. Was ihm aber ganz besonders mißfiel, war daß die Acte, welche eine neue Kirchenverfassung feststellten, nicht von einer Acte begleitet gewesen waren, die den Anhängern der alten Kirchenverfassung Gewissensfreiheit gewährte. Er hatte seinen Commissar Melville beauftragt, den Episkopalen in Schottland gleiche Duldung zu erwirken, wie sie die Dissenters in England genossen.[60] Aber die presbyterianischen Priester eiferten laut und heftig wider die Milde gegen Amalekiter. Melville besaß bei all’ seinen nützlichen Talenten und seinen vielleicht redlichen Absichten weder einen weitreichenden Blick noch einen unerschrockenen Muth. Er scheute sich, ein den theologischen Demagogen seines Vaterlandes so verhaßtes Wort wie Toleranz auszusprechen. Durch schonende Nachsicht gegen ihre Vorurtheile beschwichtigte er das in Edinburg sich erhebende Geschrei; aber die Folge seiner ängstlichen Vorsicht war, daß im Süden der Insel bald ein noch viel lauteres Geschrei gegen die Bigotterie der im Norden dominirenden Schismatiker und gegen die Zaghaftigkeit der Regierung ausbrach, die nicht den Muth gehabt hatte, dieser Bigotterie entgegenzutreten. In diesem Punkte waren der Hochkirchliche und der Niederkirchliche eines Sinnes, oder der Niederkirchliche war vielmehr der am meisten Aufgebrachte von Beiden. Ein Mann wie South, der schon seit vielen Jahren prophezeite, daß, wenn die Puritaner aufhören sollten, bedrückt zu werden, sie Bedrücker werden würden, war im Herzen gar nicht böse darüber, daß seine Prophezeiung sich erfüllte. In der Brust eines Mannes wie Burnet aber, dessen erster Lebenszweck von jeher die Milderung des Hasses der Priester der anglikanischen Kirche gegen die Presbyterianer gewesen war, konnte das intolerante Verfahren der Presbyterianer kein andres Gefühl als Unwillen, Scham und Schmerz erwecken. Es gab daher Niemanden am englischen Hofe, der ein gutes Wort für Melville einlegte. Unter solchen Umständen konnte er unmöglich an der Spitze der schottischen Verwaltung bleiben. Er wurde indessen sehr schonend von seiner hohen Stellung herabgezogen. Er blieb noch über ein Jahr Staatssekretär, aber es wurde ein zweiter Sekretär ernannt, der in der Nähe des Königs residiren und die Hauptleitung der Geschäfte erhalten sollte. Der neue Premierminister für Schottland war der geschickte, beredtsame und hochgebildete Sir Johann Dalrymple. Sein Vater, der Lordpräsident des Court of Session, war vor kurzem mit dem Titel Viscount Stair zur Peerswürde erhoben worden, und Sir Johann Dalrymple wurde daher nach dem alten schottischen Brauche Master von Stair genannt. Nach einigen Monaten legte Melville seine Stelle als Staatssekretär nieder und nahm ein Amt von einigem Ansehen und Einkommen, aber keiner politischen Bedeutung an.[61]