Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen:

Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen.

Und in der That, das Narrenhaus ihm würd’ gebühren,

Wenn er getraut hätt’ England’s Cavalieren.

Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen,

Und nur von Engländern er immer ward betrogen.

Allgemeine schlechte Verwaltung. [Und] dies war nicht der einzige Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten. Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis — was für einen wußten sie selbst nicht recht — von Genie und Thatkraft geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte, und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten, Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern, Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition, Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und unter ihnen hatten zu Karl’s Zeiten die Courtisanen, zu Jakob’s Zeiten die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell der Schiedsrichter Europa’s gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das Seewesen Frankreich’s und Holland’s kannten, nur ein mitleidiges Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl’s und Jakob’s entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch erst unter Wilhelm’s Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles, was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde, wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich geworden war. Es lag weder in Wilhelm’s Macht noch in seinem Character, in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England’s gegen den furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte, seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen, und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war. Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus. Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden Fehlschlag legte das Volk nicht den Regenten, deren schlechte Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern dem Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar wurden.

Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können, welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver’s Tode fehlte. Aber die augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten Fürsten ging.[70]

[70.] Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht, Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten. Nachdem er in einem Schreiben vom 1.(11.) März 1689 den traurigen Zustand des Heer- und Seewesens geschildert, sagt er: „De esto no tiene culpa el Principe de Oranges; per que pensar que se han de poder volver en dos meses tres Reynes de abaxo arriba es una extravagancia.“ Der Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr vier Wochen später aus London datirten Briefe, daß die Verzögerungen in der englischen Verwaltung den Ruhm des Königs geschmälert hätten, „doch ohne seine Schuld.“

Uneinigkeit unter den Staatsdienern. [Einige] der größten Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister, auf die er sich als Neuling in den Details der englischen Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken. Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine tief eingewurzelte Feindschaft.[71] Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob’s hatten beide Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt; sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte; in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.[72] In Folge dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum Handeln vorüber.