Jeder, der diese Debatten gelesen hat, muß vollständig überzeugt sein, daß die Staatsmänner, welche den Krönungseid entwarfen, den König in seiner gesetzgebenden Gewalt nicht zu binden gemeint waren.[103] Leider erwachte hundert Jahre später in einem zwar wackeren und gewissenhaften, aber von Natur beschränkten und starrsinnigen und durch Krankheit zu gleicher Seit geschwächten und aufgeregten Geiste ein Scrupel, den jene Staatsmänner für zu widersinnig hielten, als daß irgend ein menschliches Geschöpf ihn im Ernste hegen könne. Der Ehrgeiz und die Perfidie eines Tyrannen hat in der That selten größere Übel erzeugt als die waren, welche jene unselige Gewissenhaftigkeit über unser Land gebracht hat. Einen außerordentlichen günstigen Augenblick, einen Augenblick, in welchem Weisheit und Gerechtigkeit Völkerschaften und Secten, die einander lange feindlich gegenübergestanden, hätten versöhnen und die britischen Inseln zu einem wahrhaft Vereinigten Königreiche machen können, ließ man unbenutzt vorübergehen. Die einmal verlorne Gelegenheit kehrte nicht wieder. Zwei Generationen von Staatsmännern haben sich seitdem mit unvollkommenem Erfolge bemüht, den damals begangenen Fehler wieder gut zu machen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß einige von den schlimmen Folgen dieses Fehlers sich bis auf die spätere Nachwelt fortwährend fühlbar machen werden.
[102.] Journals, March 28. 1689; Grey’s Debates.
[103.] Ich will einige Äußerungen anführen, welche in den gedrängten Berichten über diese Debatten der Nachwelt aufbewahrt worden. Diese Neuerungen sind bezüglich des Sinnes, in welchem der Eid von den Gesetzgebern, die ihn entworfen, verstanden wurde, ganz entscheidend. Musgrave sagte: „Es ist kein Grund zur Aufnahme dieses Vorbehalts. Es ist undenkbar, daß irgend eine von hier ausgehende Bill jemals die gesetzgebende Gewalt vernichten werde.“ Finch sagte: „Die Worte: ‚durch das Gesetz festgestellt‘ hindern den König nicht, eine Bill zur Erleichterung der Dissenters anzunehmen. Der Vorbehalt ruft den Scrupel erst hervor und giebt Veranlassung dazu.“ Sawyer sagte: „Dies ist der erste Vorbehalt dieser Art, der je in einer Bill enthalten war. Er scheint die gesetzgebende Gewalt anzugreifen.“ Sir Robert Cotton sagte: „Obgleich der Vorbehalt zweckmäßig und heilsam aussieht, scheint er doch einen Fehler zu haben. Unfähig die Gesetze den Umständen gemäß abzuändern! Dies ruft nicht einen, sondern mehrere Scrupel hervor; als ob Ihr so an das kirchliche Regiment gebunden wäret, daß Ihr keine neuen Gesetze ohne einen solchen Vorbehalt ins Leben rufen könntet!“ Sir Thomas Lee sagte: „Ich fürchte es wird dahin kommen, daß auch andere Gesetze nicht ohne einen solchen Vorbehalt geschaffen werden können, und deshalb möchte ich denselben beseitigt wissen.“
Die Krönung. [Die] Bill, durch welche die Eidformel festgestellt wurde, passirte das Oberhaus ohne Amendement. Alle Vorbereitungen waren getroffen, und am 11. April fand die Krönung statt. In einigen Punkten unterschied sie sich von gewöhnlichen Krönungen. Die Vertreter des Volks nahmen in Masse an der Ceremonie Theil und wurden im Schatzkammergebäude glänzend bewirthet. Marie, die jetzt nicht bloß Königin-Gemahlin, sondern auch regierende Königin war, wurde in allen Punkten gleich einem Könige inaugurirt, mit dem Schwerte gegürtet, auf den Thron gesetzt und ihr die Bibel, die Sporen und der Reichsapfel überreicht. Die weltlichen Großen des Reichs waren mit ihren Frauen und Töchtern zahlreich und glänzend vertreten. Es konnte nicht Wunder nehmen, daß die Whigaristokratie sich bemühte, den Triumph der Whigprinzipien zu erhöhen. Aber die Jakobiten sahen zu ihrem großen Leidwesen, daß viele Lords, die für eine Regentschaft gestimmt hatten, eine bedeutende Rolle bei der Feierlichkeit spielten. Die Krone des Königs wurde von Grafton, die der Königin von Somerset getragen. Das scharfe Schwert, das Emblem der weltlichen Justiz, trug Pembroke. Ormond war Großconstabel für den Tag und ritt durch den Saal zur Rechten des erblichen Kämpen, der dreimal seinen Handschuh auf den Boden warf und dreimal zum Kampfe auf Leben und Tod den Verräther herausforderte, der Wilhelm’s und Mariens Recht bestreiten sollte. Unter den Edelfräuleins, welche die prachtvolle Schleppe der Königin trugen, befand sich ihre schöne und liebenswürdige Cousine, Lady Henriette Hyde, deren Vater, Rochester, bis zuletzt gegen den Beschluß gestritten hatte, der den Thron für erledigt erklärte.[104] Die Bischöfe waren allerdings nur spärlich zu sehen. Der Primas war nicht erschienen; er war durch Campton vertreten. Zur einen Seite Campton’s trug Lloyd, Bischof von St. Asaph, der sich unter den sieben Bekennern des vorhergehenden Jahres ausgezeichnet hatte, den Hostienteller. Zur andren Seite ging Sprat, Bischof von Rochester, unlängst noch Mitglied der Hohen Commission, mit dem Kelche. Burnet, der jüngste Prälat, predigte mit seinem ganzen gewohnten Talent und mit mehr als gewohntem Takt und Urtheil. Sein würdevoller und beredter Vortrag war weder durch Schmeichelei noch durch boshafte Ausfälle verunziert. Es soll lebhaft applaudirt worden sein, und es ist in der That wohl zu glauben, daß der begeisterte Schluß seiner Rede, wo er den Himmel anflehte, das königliche Paar mit langem Leben und gegenseitiger Liebe, mit gehorsamen Unterthanen, weisen Räthen und treuen Bundesgenossen, mit tapferen Flotten und Armeen, mit Sieg, mit Frieden und schließlich mit ruhmvolleren und unvergänglicheren Kronen als welche zur Zeit auf dem Altare der Abtei glänzten, zu beglücken, das lauteste Beifallsgemurmel der Gemeinen erweckte.[105]
Die Ceremonie nahm im Ganzen einen guten Verlauf und bewirkte ein wenn auch schwaches und vorübergehendes Wiederauflodern der Begeisterung vom vergangenen December. Der Tag war in London und an vielen anderen Orten ein allgemeiner Freudentag. Am Vormittag waren die Kirchen gefüllt. Der Nachmittag wurde mit allerhand Vergnügungen und Gelagen hingebracht und am Abend wurden Freudenfeuer angezündet, Raketen losgelassen und die Fenster illuminirt. Dessenungeachtet wußten die Jakobiten reichen Stoff zu Spötteleien und Sarkasmen zu entdecken oder zu erfinden. Sie beschwerten sich bitter darüber, daß der Weg von der Halle bis zum westlichen Thore der Abtei mit holländischen Soldaten besetzt gewesen sei. Sei es schicklich, daß ein englischer König den feierlichsten Vertrag mit der englischen Nation hinter einer dreifachen Hecke fremder Schwerter und Bajonette schließe? Kleine Händel, wie sie bei jeder öffentlichen Feierlichkeit zwischen den Schaulustigen und den zur Freihaltung der Communication Angestellten fast unvermeidlich vorkommen, wurden mit allen Kunstgriffen der Rhetorik übertrieben. Einer der fremden Söldlinge hatte mit seinem Pferde einen achtbaren Bürger zurückgetrieben, der sich vorgedrängt, um den königlichen Baldachin einen Augenblick zu sehen. Ein Andrer hatte mit dem Flintenkolben eine Frau in roher Weise zurückgestoßen. Auf solche Gründe hin wurden die Fremden mit den Lord Dänen verglichen, welche vor Zeiten durch ihren Übermuth die angelsächsische Bevölkerung zu Aufstand und Blutvergießen angereizt hatten. Das fruchtbarste Thema für den Tadel war jedoch die Krönungsmedaille, die allerdings eben so abgeschmackt entworfen als schlecht ausgeführt war. Der Hauptgegenstand des Reverses war ein Wagen, und der gemeine Mann konnte sich nicht erklären, was dieses Emblem mit Wilhelm und Marien zu thun hatte. Die mißvergnügten Witzlinge lösten die Schwierigkeit, indem sie sagten, der Künstler habe auf den Wagen anspielen wollen, den eine aller Kindesliebe bare und den Interessen eines ehrgeizigen Gemahls blindlings ergebene römische Prinzessin über die noch warmen Überreste ihres Vaters hatte fahren lassen.[106]
[104.] Lady Henriette, die ihr Oheim Clarendon in seinem Tagebuche (Januar 1687/88) die „hübsche kleine Henriette“ und „das beste Kind von der Welt“ nennt, verheirathete sich bald nachher mit dem Earl von Dalkeith, dem ältesten Sohne des unglücklichen Herzogs v. Monmouth.
[105.] Die Predigt verdient gelesen zu werden. Siehe die London Gazette vom 14. April 1689; Evelyn’s Diary; Narcissus Luttrell’s Diary, und die Depesche der holländischen Gesandten an die Generalstaaten.
[106.] Eine Probe von der Prosa, welche die Jakobiten über diesen Gegenstand schrieben, findet man in den Somers’schen Schriften. Die jakobitischen Verse waren meist zu unanständig, als daß man sie anführen konnte. Ich wähle einige von den glimpflichsten Zeilen aus einem sehr seltenen Spottgedicht:
Der elfte des Monats April erschien,
Da wälzt sich der Pöbel nach Westminster hin