Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke seiner Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er selten verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl zwischen Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben führten. Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung erwarten, und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich nur dadurch erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in seinem Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er die Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; gewährte er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er dadurch ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß er dann seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er indeß thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und alle wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei Allen recht zu machen, war unmöglich, es war schon schwer genug, es Jemandem recht zu machen; doch etwas mußte geschehen.

[11.] Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich es, meine Quellen anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine Angaben über die Stimmung und gegenseitige Stellung der politischen und religiösen Parteien unter der Regierung Wilhelm’s III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, sondern aus Tausenden vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, kurz aus ganzen Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken modert.

Ministerielle Einrichtungen. [Was] man jetzt ein Ministerium nennt, das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein solches Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. Unter den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl Minister, aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen nicht, wie jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man erwartete nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster Bedeutung, gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und persönliche Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es galt noch nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander schwerer Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf verlangte. Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt als Coventry, ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den Lordschatzmeister Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war, als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen. Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde, fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm’s Befähigung und Erfahrung viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen werde.

Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen. [Man] hatte daher nichts zu erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple’s, den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden. Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage versetzt, in welcher die Dienste eines großen Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich waren.

Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, dem die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. Er war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war, das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe, so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu seinem speciellen Departement erwählt hatte.[12]

Die innere Verwaltung England’s konnte dagegen nur unter dem Beirathe und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories auf der Liste.[13] Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker repräsentirten.

[12.] Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt die allgemeine Ansicht über diesen Punkt aus: „Die auswärtigen Angelegenheiten kennt er besser als wir; in Bezug auf die einheimischen Staatsgeschäfte aber bringt es ihm keine Unehre, wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, über die Natur desselben und über das was er am zweckmäßigsten zu thun hat, unsre Meinung sagen.“ — An Honest Commoner’s Speech.

[13.] London Gazette, Febr. 18. 1688/88.

Danby. [In] praktischer Befähigung und geschäftlicher Erfahrung war keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. Er hatte ein starkes Anrecht auf die Dankbarkeit des neuen Herrscherpaares, denn durch seine Geschicklichkeit war ihre Vermählung trotz unbesiegbar scheinender Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. Die Feindschaft, die er stets gegen Frankreich gehegt, war eine kaum minder gewichtige Empfehlung. Er hatte die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, hatte den Aufstand im Norden veranstaltet und geleitet und hatte in der Convention seinen ganzen Einfluß und seine ganze Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan aufgeboten. Trotzdem betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem Mißtrauen und Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in schlimmen Tagen der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere, der Vorkämpfer der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen. Selbst indem er ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu sein. Wohl hatte er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur Vertheidigung der Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen Widerstand gegen den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren Seite aber hatte er geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des Satzes, daß der Thron nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt seien, über die Besetzung desselben zu entscheiden. Die Whigs waren daher der Meinung, er müsse sich für seine neuerlichen Verdienste dadurch reichlich belohnt erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm zehn Jahre früher zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen schätzte seine unleugbar eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen Werthe und hielt sich für berechtigt zu dem hohen Posten eines Lordschatzmeisters, den er früher bekleidet. Seine Erwartung wurde jedoch getäuscht. Wilhelm erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth, die Macht und das Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu theilen. Er war der erste König von England, der vom Beginn bis zum Schlusse seiner Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines einzelnen Unterthanen anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt zwischen der Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem Staatssekretariat. Er entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft und während die Whigs murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen, bemühte er sich kaum, seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht noch höher gestellt worden war.[14]

[14.] London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby’s Memoirs.