Zu Anfang des October versammelten sich die Mitglieder der Commission in dem Jerusalemzimmer. Sie beschlossen in ihrer ersten Sitzung, darauf anzutragen, daß beim öffentlichen Gottesdienste die aus den Apokryphen entnommenen Vorlesekapitel durch Kapitel aus den kanonischen Büchern der heiligen Schrift ersetzt werden sollten.[106] In der zweiten Zusammenkunft wurde eine Frage aufgeworfen, und zwar von Demjenigen, der sie zu allerletzt hätte in Anregung bringen sollen. Sprat, Bischof von Rochester, war ohne den geringsten Gewissensskrupel zwei Jahre lang Mitglied des verfassungswidrigen Tribunals gewesen, das unter der vorigen Regierung die Kirche, zu deren Leitern er gehörte, unterdrückt und geplündert hatte. Aber jetzt war er bedenklich geworden und äußerte Zweifel an der Gesetzmäßigkeit der Commission. Seine Einwendungen müssen jedem gesunden Verstande als hohle Sophismen erscheinen. Das Ernennungsdecret gab weder Vollmacht, Gesetze zu machen, noch Gesetze anzuwenden, sondern lediglich zu untersuchen und zu berichten. Selbst ohne königliche Ermächtigung hätten Tillotson, Patrick und Stillingfleet unbedenklich zusammentreten können, um den Zustand und die Zukunft der Kirche zu berathen und zu erwägen, ob es wünschenswerth war oder nicht, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen. Wie konnte es ein Verbrechen sein, wenn Unterthanen auf Verlangen ihres Souverains etwas thaten, was unschuldig, ja lobenswerth gewesen wäre, wenn sie es unaufgefordert gethan hätten? Sprat wurde jedoch durch Jane unterstützt. Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, und Lloyd, Bischof von St. Asaph, der neben vielen guten Eigenschaften ein reizbares Temperament besaß, ließ sich so weit hinreißen, von Spionen zu sprechen. Sprat entfernte sich und kam nicht wieder. Jane und Aldrich folgten bald seinem Beispiele.[107] Die Commission ging hierauf zur Erörterung der Frage wegen der Stellung beim Abendmahle über, und es wurde beschlossen anzuempfehlen, daß ein Communikant, der nach Besprechung mit seinem Seelsorger erklärte, sein Gewissen erlaube ihm nicht, das Brot und den Wein kniend zu empfangen, dieselben sitzend empfangen dürfe. Mew, Bischof von Winchester, ein braver Mann, aber ohne wissenschaftliche Bildung, der selbst in seinen besten Jahren schwach gewesen war und jetzt immer kindischer wurde, protestirte gegen dieses Zugeständniß und verließ die Versammlung. Die anderen Mitglieder fuhren fort, sich emsig mit ihrer Aufgabe zu beschäftigen, und es fand kein weiterer Austritt statt, obgleich große Meinungsverschiedenheit herrschte und die Debatten zuweilen ziemlich heiß waren. Die entschiedensten Hochkirchlichen unter den Zurückbleibenden waren Doctor Wilhelm Beveridge, Archidiakonus von Colchester, der viele Jahre später Bischof von St. Asaph wurde, und Doctor Johann Scott, der Nämliche, der an Jeffreys’ Sterbebett gebetet hatte. Die Thätigsten unter den Latitudinariern waren Burnet, Fowler und Tenison.
Die Taufhandlung wurde wiederholt discutirt. In Bezug auf Formalitäten waren die Commissionsmitglieder zur Nachsicht gestimmt. Sie waren sämmtlich geneigt, Kinder ohne Pathen und ohne das Zeichen des Kreuzes in den Schooß der Kirche aufzunehmen. Die Majorität aber weigerte sich nach langer Debatte standhaft, die Worte zu entkräften oder wegzuerklären, in denen nach der Ansicht aller unverdorbenen Gemüther die regenerirende Kraft des Sakraments liegt.[108]
Hinsichtlich des Chorhemds beschloß die Commission zu empfehlen, daß den Bischöfen ein weiter Spielraum gelassen werde. Es wurden Auswege ersonnen, durch welche Jemand, der die presbyterianische Ordination empfangen, ein Priester der englischen Kirche werden konnte, ohne weder ausdrücklich noch stillschweigend die Ungültigkeit dieser Ordination zuzugeben.[109]
Der kirchliche Kalender wurde einer sorgfältigen Revision unterworfen. Die großen Festtage wurden beibehalten. Aber es wurde nicht für wünschenswerth erachtet, daß St. Valentin, St. Chad, St. Swithin, St. Eduard König der Westsachsen, St. Dunstan und St. Alphage die Ehren St. Johannes’ und St. Paulus’ theilten, oder daß es den Anschein bekäme, als ob die Kirche die lächerliche Fabel von der Entdeckung des Kreuzes Thatsachen von so hochwichtiger Bedeutung wie die Geburt, die Leidensgeschichte, die Auferstehung und die Himmelfahrt des Herrn zur Seite stellen wolle.[110]
Das Athanasische Glaubensbekenntniß machte viel zu schaffen. Die meisten Mitglieder der Commission waren eben so wenig geneigt, die doctrinellen Sätze aufzugeben, wie die damnatorischen Sätze beizubehalten. Burnet, Fowler und Tillotson wünschten dieses berühmte Symbolum ganz aus der Liturgie zu streichen. Burnet machte dafür ein Argument geltend, das ihm wahrscheinlich selbst kein großes Gewicht zu haben schien, das aber vortrefflich darauf berechnet war, seine Gegner, Beveridge und Scott, in Verlegenheit zu setzen. Das Concil von Ephesus war von den anglikanischen Geistlichen stets als eine Synode verehrt worden, welche die Gesammtheit der Gläubigen wirklich repräsentirt hatte und von Gott auf dem Wege der Wahrheit geleitet worden war. Die Stimme dieses Concils war die Stimme der noch nicht durch Aberglauben verderbten oder durch Spaltungen zerrissenen heiligen katholischen und apostolischen Kirche. Seit mehr als zwölf Jahrhunderten hatte die Welt keine kirchliche Versammlung wieder gesehen, welche gleichen Anspruch auf die Achtung der Gläubigen gehabt hätte. Das Concil von Ephesus hatte in den klarsten Ausdrücken und unter Androhung der furchtbarsten Strafen den Christen verboten, ihren Brüdern ein andres Glaubensbekenntniß aufzudringen als das von den Nicäischen Vätern festgestellte. Man sollte daher denken, daß, wenn das Concil von Ephesus wirklich unter der Leitung des heiligen Geistes stand, jeder der sich des Athanasischen Glaubensbekenntnisses bedient, in dem Augenblicke da er ein Anathema gegen seine Nebenmenschen ausspricht, ein Anathema über sein eignes Haupt bringen müßte.[111] Trotz der Autorität der ephesischen Väter beschloß die Majorität der Commissionsmitglieder das Athanasische Glaubensbekenntniß im Gebetbuche zu lassen, sie schlugen nur vor, eine von Stillingfleet entworfene Rubrik beizufügen, welche erklärte, die damnatorischen Sätze seien so zu verstehen, daß sie nur auf Diejenigen Anwendung fänden, welche das Wesen des christlichen Glaubens hartnäckig leugneten. Orthodoxe Gläubige durften daher hoffen, daß der Ketzer, der aufrichtig und demüthig nach der Wahrheit gesucht, nicht zu ewiger Strafe verdammt werden würde, weil es ihm nicht gelungen war, sie zu finden.[112]
Tenison wurde beauftragt, die Liturgie zu prüfen und alle diejenigen Ausdrücke zu sammeln, gegen welche entweder von theologischen oder von literarischen Kritikern Einwendungen gemacht worden waren. Einige offenbare Mängel beschloß man zu beseitigen. Es wäre vernünftig gewesen, wenn es die Commissionsmitglieder dabei hätten bewenden lassen; unglücklicherweise aber beschlossen sie, einen großen Theil des Gebetbuches umzuarbeiten. Dies war ein kühnes Unternehmen, denn im allgemeinen ist der Styl des Buches so, daß er nicht verbessert werden kann. Die englische Liturgie gewinnt in der That selbst bei einem Vergleiche mit den schönen alten Liturgien, denen sie zum großen Theil entlehnt ist. Die wesentlichen Eigenschaften der erbaulichen Eloquenz, der Kürze, der majestätischen Einfachheit, der pathetischen Innigkeit des Gebets, durch tiefe Ehrfurcht gemäßigt, sind den Uebersetzungen und den Originalen gemeinschaftlich eigen. In den untergeordneten Schönheiten der Diction aber stehen die Originale den Uebersetzungen unleugbar nach. Der Grund davon liegt auf der Hand. Die technischen Ausdrücke des Christenthums wurden erst ein Bestandtheil der lateinischen Sprache, als diese Sprache das Alter der Reife überschritten hatte und in Barbarismus versank. Aber die technischen Ausdrücke des Christenthums fanden sich in dem angelsächsischen und normännischen Französisch schon lange bevor die Verschmelzung dieser beiden Dialecte einen dritten, beiden überlegenen Dialect erzeugt hatte. Das Latein, des römisch-katholischen Gottesdienstes ist daher Latein im letzten Stadium des Verfalls, während das Englisch unsres Gottesdienstes Englisch in der vollen Kraft und Eleganz der ersten Jugend ist. Den großen lateinischen Schriftstellern Terenz und Lucrez, Cicero und Cäsar, Tacitus und Quintilian würden die herrlichsten Compositionen Ambrosius’ und Gregor’s nicht nur als schlecht geschrieben, sondern als sinnloses Gewäsch erschienen sein.[113] Die Diction unsers allgemeinen Gebetbuches hingegen hat direct oder indirect dazu beigetragen, die Sprache fast jedes großen englischen Schriftstellers zu bilden und hat die Bewunderung der gebildetsten Ungläubigen und der gebildetsten Nonconformisten, die Bewunderung von Männern wie David Hume und Robert Hall erweckt.
Der Styl der Liturgie befriedigte jedoch die Doctoren des Jerusalemzimmers nicht. Sie erklärten die Collecten für zu kurz und zu trocken, und Patrick wurde beauftragt, sie zu erweitern und auszuschmücken. In einer Hinsicht ließ sich gegen diese Wahl nichts einwenden, denn wenn wir danach urtheilen, wie Patrick die erhabenste hebräische Poesie paraphrasirte, werden wir wahrscheinlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß, mochte er sich nun dazu eignen, die Collecten zu verbessern, oder nicht, wenigstens Niemand befähigter sein konnte, sie zu erweitern.[114]
Die Convocation der Provinz Canterbury einberufen. Stimmung des Klerus.
Es kam indeß wenig darauf an, ob die Empfehlungen der Commission gut oder schlecht waren, denn verurtheilt waren sie alle, noch ehe man sie kannte. Die Ausschreiben zur Einberufung der Convocation der Provinz Canterbury waren erlassen und die Geistlichen waren allenthalben in einem Zustande heftiger Aufregung. Sie hatten eben die Eide geleistet und empfanden noch schmerzlich die harten Vorwürfe der Eidverweigerer, die rücksichtslosen Schmähungen der Whigs und unzweifelhaft in vielen Fällen auch die Mahnungen des Gewissens. Die Ankündigung, daß eine Convocation zusammentreten solle, um einen Comprehensionsplan zu berathen, erweckte die stärksten Leidenschaften des Priesters, der sich so eben dem Gesetz gefügt hatte und der deshalb gar nicht oder nur halb zufrieden mit sich war. Es bot sich ihm eine Gelegenheit, zur Vereitelung eines Lieblingsplanes der Regierung beizutragen, welche bei strenger Strafe eine Unterwerfung von ihm verlangt hatte, die sich mit seinem Gewissen oder mit seinem Stolze schwer vereinigen ließ. Es bot sich ihm eine Gelegenheit, seinen Eifer für die Kirche zu bethätigen, deren characteristische Lehren er um materiellen Nutzens willen untreu geworden zu sein beschuldigt war. Seiner Ansicht nach drohte ihr jetzt eine eben so große Gefahr als die des vorhergehenden Jahres. Die Latitudinarier von 1689 seien nicht minder eifrig bestrebt, sie zu demüthigen und zu Grunde zu richten, wie die Jesuiten von 1688. Die Toleranzacte habe für die Dissenters soviel gethan, als sich mit der Würde und Sicherheit der Kirche vertrug, und es dürfe nichts weiter zugestanden werden, nicht der Saum eines Gewandes, nicht eine Sylbe vom Anfang bis zum Ende der Liturgie. Alle die Vorwürfe, welche der kirchlichen Commission Jakob’s gemacht worden waren, wurden auf die kirchliche Commission Wilhelm’s übertragen. Die beiden Commissionen hatten zwar nichts als den Namen mit einander gemein; aber bei dem Namen dachte Jedermann an Ungesetzlichkeit und Bedrückung, an Verletzung des Hausrechts und Confiscation von Grundeigenthum, und die Böswilligen riefen ihn daher unermüdlich und mit nicht geringem Erfolge in die Ohren der Unwissenden.