[60.] Citters, 5.(15.) April 1688.
Liste der Sheriffs. [Mit] Ungeduld sah man der Liste der Sheriffs für das neue Jahr entgegen. Sie erschien, während die Lordlieutenants noch auf ihrer Werbungsreise begriffen waren, und wurde mit einem allgemeinen Schrei des Zornes und Unwillens aufgenommen. Die Mehrzahl dieser Beamten, welche bei den Grafschaftswahlen die Oberleitung hatten, waren entweder Katholiken oder protestantische Dissenters, die ihre Zustimmung zur Indulgenzerklärung ausgesprochen hatten.[61] Eine Zeit lang hegte man die schlimmsten Befürchtungen, die aber bald wieder schwanden. Man hatte guten Grund, anzunehmen, daß über einen gewissen Punkt hinaus der König auch nicht auf die Unterstützung der seiner eigenen Kirche angehörenden Sheriffs rechnen könne.
[61.] London Gazette, Dec. 5. 1687; Citters, 6.(16.) Dec.
Character der katholischen Landgentlemen. [Zwischen] dem katholischen Höflinge und dem katholischen Landgentleman herrschte nur sehr geringe Sympathie. Die in Whitehall dominirende Cabale bestand theils aus Fanatikern, welche zum Zwecke der Verbreitung ihres Glaubens bereit waren, alle Gesetze der Moral über den Haufen zu werfen und die ganze Welt in eine heillose Verwirrung zu stürzen, theils aus Heuchlern, welche um des Gewinnes willen von dem Glauben, in dem sie erzogen worden, abgefallen waren und die jetzt den allen Neubekehrten eigenen Eifer auf die Spitze trieben. Sowohl die Fanatiker als auch die Heuchler am Hofe hatten zum größten Theil keine Spur von englischer Anschauungsweise. In einigen von ihnen hatte die unbedingte Hingebung für ihre Kirche alles Nationalgefühl erstickt; andere waren Irländer, deren Patriotismus in einem tödtlichen Hasse gegen die sächsischen Eroberer Irlands bestand; noch andere waren Verräther, die von einer auswärtigen Macht einen regelmäßigen Sold bezogen, und wieder andere hatten einen großen Theil ihres Lebens im Auslande zugebracht, und waren entweder bloße Kosmopoliten oder hegten einen positiven Widerwillen gegen die Sitten und Staatseinrichtungen des Landes, das sie jetzt zu regieren hatten. Diese Leute hatten mit einem noch der alten Kirche anhängenden Gutsbesitzer von Cheshire oder Staffordshire kaum irgend etwas gemein. Er war weder Fanatiker noch Heuchler, er war Katholik, weil sein Vater und Großvater Katholiken gewesen waren, und er hing an seinem ererbten Glauben, wie die Menschen in der Regel an demselben hängen, aufrichtig aber ohne sonderliche Begeisterung. In jeder andren Beziehung war er nichts weiter als eben ein englischer Squire, der sich von den benachbarten Squires höchstens dadurch unterschied, daß er noch etwas ungebildeter und bäuerischer war als sie. Die auf ihm lastenden Ausschließungen hatten ihn verhindert, sich bis zu der allerdings selbst nur mäßig hohen Bildungsstufe zu erheben, auf der die meisten protestantischen Landgentlemen standen. Als Knabe von Eton und Westminster, als Jüngling von Oxford und Cambridge, als Mann vom Parlament und von der Richterbank ausgeschlossen, vegetirte er still und ruhig hin, wie die Ulmen der Allee, die zu dem ererbten Meierhofe seiner Vorfahren führte. Seine Kornfelder, seine Milchwirthschaft, seine Ciderpresse, seine Jagdhunde, seine Angelruthe und seine Flinte, sein Bier und sein Tabak beschäftigten fast allein seine Gedanken. Mit seinen Nachbarn stand er trotz der Glaubensverschiedenheit in der Regel auf gutem Fuße. Sie kannten ihn als einen harmlosen Mann ohne Ehrgeiz, er stammte fast durchgängig aus einer guten und alten Familie und war immer ein Kavalier. Er drang Niemandem seine persönlichen Ansichten auf und wurde Niemandem lästig damit, er quälte nicht, wie ein Puritaner, sich selbst und Andere mit Gewissensskrupeln über alle Genüsse des Lebens; im Gegentheil, er war ein eben so leidenschaftlicher Jagdliebhaber und ein eben so heiterer Gesellschafter als irgend Einer, der den Suprematseid und die Erklärung gegen die Transsubstantiation angenommen hatte. Er ging mit seinen Nachbarsquires auf die Jagd, hielt bis zum Hallali bei ihnen aus und nahm sie nach beendeter Jagd mit sich nach Hause zu einer Wildpretpastete und zu einem Kruge Octoberbier, das seine vier Jahre auf Flaschen lag. Die Bedrückungen, die er erduldet, waren nicht so arg, daß sie ihn zu einem verzweifelten Entschlusse hätten treiben können; selbst als seine Kirche schonungslos verfolgt wurde, waren sein Leben und sein Eigenthum nicht in großer Gefahr. Der schamloseste falsche Zeuge würde es schwerlich gewagt haben, der Wahrheit so frech ins Gesicht zu schlagen, daß er ihn beschuldigt hätte, ein Verschwörer zu sein. Die Papisten, welche Oates zu seinen Angriffen auswählte, waren Peers, Prälaten, Jesuiten, Benedictiner, thätige politische Agenten, Juristen mit ausgedehnter Praxis und Hofärzte. Der katholische Landgentlemen konnte unter dem Schutze seiner Verborgenheit, seines leutseligen Wesens und der Zuneigung seiner Umgebungen unbelästigt seine Ernte einbringen und seine Waidtasche mit Wild füllen, während Coleman und Langhorne, Whitbread und Pickering, Erzbischof Plunkett und Lord Stafford durch den Strick oder durch das Beil starben. Eine Bande elender Schurken machte zwar den Versuch, gegen Sir Thomas Gascoigne, einen bejahrten katholischen Baronet in Yorkshire, eine Anklage auf Hochverrath zu erheben, aber zwölf der besten Gentlemen des Westbezirks, die seinen Lebenswandel kannten, hielten es nicht für möglich, daß ihr ehrenwerther alter Bekannter Banditen zur Ermordung des Königs gedungen haben sollte, und sprachen trotz mancherlei der Richterbank eben nicht zur Ehre gereichender Versuche ein „Nichtschuldig“ aus. Wohl mochte es für das Oberhaupt einer alten, angesehenen Familie in der Provinz ein schmerzlicher Gedanke sein, daß er seines Glaubens wegen von ehrenvollen Stellen und Ämtern ausgeschlossen war, zu deren Bekleidung Männer von niedererer Herkunft und geringerem Vermögen für berechtigt gehalten wurden; aber er hatte nicht Lust, Land und Leben im Kampfe gegen eine erdrückende Übermacht auf’s Spiel zu setzen, und sein gerader, ächt englischer Character würde, vor Mitteln, wie ein Petre und Tyrconnel sie anwendeten, mit Abscheu zurückgebebt sein. Deshalb würde er jedoch eben so bereitwillig, als irgend einer seiner protestantischen Nachbarn zur Vertheidigung seines Vaterlandes gegen einen Einfall der Franzosen oder irischen Papisten das Schwert um die Lenden gegürtet und die Pistolen in die Halfter gesteckt haben. Dies war der allgemeine Character der Männer, in denen Jakob jetzt die sichersten Werkzeuge zur Leitung der Grafschaftswahlen zu erblicken glaubte. Er überzeugte sich jedoch bald, daß sie nicht geneigt waren, sich durch einen ihm zu leistenden schimpflichen und strafbaren Dienst die Achtung ihrer Nachbarn zu verscherzen und Leben und Vermögen zu gefährden. Mehrere von ihnen weigerten sich, Sheriffs zu werden, und von denen, welche die Ernennung annahmen, erklärten viele, daß sie eben so gewissenhaft, als wenn sie Mitglieder der Staatskirche wären, ihre Pflicht erfüllen, und keinen Wahlcandidaten, der nicht eine wirkliche Stimmenmehrheit hätte, in’s Parlament schicken würden.[62]
[62.] Etwa zwanzig Jahre vor dieser Zeit sprach sich ein Jesuit über die eingezogene Lebensweise der katholischen Gentry Englands folgendermaßen aus: „La nobilità Inglese, senon se legata in serviglio di Corte ò in opera di maestrato, vive, e godo il più dell’ anno a la campagna, ne’ suoi palagi e poderi, dove son liberi e padroni; è ciò tanto più sollecitamente i Cattolici quanto più utilmente, si come meno osservati colà.“ — L’Inghilterra descritta dal P. Daniello Bartoli. Roma, 1667.
„Viele von den papistischen Sheriffs,“ schrieb Johnstone, „sind begütert und erklären, daß man sich sehr irren würde, wenn man gefälschte Wahlen von ihnen erwartete. Die papistische Gentry, welche auf ihren Landgütern lebt, ist von der städtischen weit verschieden. Mehrere von ihnen haben es abgelehnt, Sheriffs oder Statthaltersubstituten zu werden.“ — 8. Dec. 1687.
Ronquillo sagt das Nämliche: „Algunos Catolicos que fueron nombrados por sherifes se han excusado.“ — 9.(19.) Jan. 1688. Einige Monate später versichert er seinem Hof, daß die katholischen Landgentlemen gern zu einer Verständigung die Hand bieten würden, deren Grundbedingungen die Abschaffung der Strafgesetze und die Beibehaltung des Religionseides wären. „Estoy informado,“ sagt er, „que los Catolicos de las provincias no lo reprueban, pues no pretendiendo oficios, y siendo solo algunos de la Corte los provechosos, les parece que mejoran su estado, quedando seguros ellos y sus descendientes en la religion, en la quietud, y en la seguridad de sus haciendas.“ — 23. Juli (2. Aug.) 1688.
Stimmung der Dissenters. [Konnte] der König schon auf seine katholischen Sheriffs wenig rechnen, so konnte er sich noch viel weniger auf die puritanischen verlassen. Seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung waren mehrere Monate verflossen, Monate voll wichtiger Ereignisse und fortwährender Streitigkeiten. Die öffentliche Besprechung der Angelegenheiten hatte vielen Dissenters die Augen geöffnet, aber die Maßregeln der Regierung, und vorzugsweise das strenge Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium, hatte mehr als selbst die Feder eines Halifax dazu beigetragen, alle Klassen der Protestanten aufzurütteln und zu vereinigen. Die meisten von den Sectirern, die sich hatten verleiten lassen, ihren Dank für die Indulgenz auszudrücken, schämten sich jetzt ihres Irrthums und wünschten sehnlichst, ihn dadurch wieder gut zu machen, daß sie sich der großen Masse ihrer Landsleute anschlossen.
Regulirung der Corporationen. [In] Folge dieses Umschwungs in den Gesinnungen der Nonconformisten stieß die Regierung in den Städten auf fast eben so große Schwierigkeiten, wie auf dem platten Lande. Als die Regulatoren ihre Arbeit begannen, hatten sie fest darauf gerechnet, daß jeder Dissenter, der sich zu Gunsten der Indulgenz ausgesprochen hatte, auch die Politik des Königs unterstützen werde. Sie waren daher überzeugt, daß sie im Stande sein würden, alle Municipalämter des Königreichs mit zuverlässigen Freunden zu besetzen. In den neuen Städteordnungen hatte sich die Krone das Recht vorbehalten, Magistratsbeamte nach ihrem Belieben zu entlassen. Dieses Recht wurde jetzt ohne alle Beschränkung ausgeübt. Durchaus nicht so klar war es jedoch, daß Jakob auch das Recht hatte, neue Magistratsbeamte zu ernennen; aber mochte es ihm nun zustehen oder nicht, er beschloß, es sich zu nehmen. Allenthalben, vom Tweed bis Landsend, wurden toryistische Beamte abgesetzt und Presbyterianer, Independenten und Baptisten an ihrer Stelle ernannt. In dem neuen Freibriefe der Hauptstadt hatte sich die Krone das Recht vorbehalten, alle Vorsteher, Pfleger und Beisitzer der Innungen zu entlassen. In Folge dessen wurden über achthundert angesehene Bürger, sämmtlich Mitglieder der Partei, die sich der Ausschließungsbill widergesetzt hatte, durch einen einzigen Erlaß ihrer Ämter enthoben. Bald darauf erschien ein Nachtrag zu dieser langen Liste.[63] Aber die neuen Angestellten waren kaum vereidigt, so zeigte es sich, daß sie eben so unfügsam waren, als ihre Vorgänger. In Newcastle am Tyne ernannten die Regulatoren einen katholischen Mayor und puritanische Aldermen. Man zweifelte keinen Augenblick, daß die so umgestaltete Municipalbehörde eine Adresse beschließen werde, in der sie die Maßregeln des Königs zu unterstützen versprach. Die Adresse wurde jedoch verweigert. Der Mayor reiste wüthend nach London und sagte dem Könige, die Dissenters seien alle Schurken und Rebellen und die Regierung könne in der ganzen Corporation auf nicht mehr als vier Stimmen rechnen.[64] In Reading wurden vierundzwanzig toryistische Aldermen entlassen und vierundzwanzig neue ernannt. Von diesen erklärten sich dreiundzwanzig sofort gegen die Indulgenz und wurden deshalb ebenfalls wieder entlassen.[65] Im Laufe weniger Tage wurde der Stadtbezirk von Yarmouth nacheinander durch drei verschiedene Magistratskörper verwaltet, welche sämmtlich dem Hofe gleich feindlich gesinnt waren.[66] Dies sind nur einzelne Beispiele von dem was im ganzen Lande geschah. Der holländische Gesandte berichtete an die Generalstaaten, daß in manchen Städten die Magistratsbeamten in einem Monate zwei und selbst dreimal, aber dennoch vergebens gewechselt worden seien.[67] Aus den Acten des Geheimen Raths geht hervor, daß die Zahl der Regulationen, wie sie genannt wurden, zweihundert überstieg.[68] Die Regulatoren fanden in der That, daß in nicht wenigen Städten die Veränderung eine Verschlimmerung war. Die mißvergnügten Tories hatten, wenn sie auch über die Politik des Königs murrten; doch wenigstens stets Achtung für seine Person und seinen Thron an den Tag gelegt und jeden Gedanken an Widerstand verworfen. Ganz anders war die Sprache einiger neuen Mitglieder der Corporationen. Man sagte, daß alte Soldaten der Republik, welche zu ihrem eignen wie zum Erstaunen des Publikums zu Aldermen ernannt worden waren, den Agenten des Hofes deutlich zu verstehen gäben, es müsse erst Blut fließen, bevor Papismus und Willkürgewalt in England zur Herrschaft gelangten.[69]